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Drei Jahre nach 7. OktoberEin Neuanfang für Be’eri

Die Kibbuzniks im Süden Israels vertrauten sich so sehr, dass sie ihre Haustüren nicht abschlossen. Dann kam der 7. Oktober. Wie lebt es sich dort heute?

H inter dem Tor schlängelt sich eine idyllische Straße durch den Kibbuz Be’eri. Eukalyptusbäume, Kiefern und üppige Sträucher zieren die Gärten rund um die Doppelhäuser und Cottages. Über diese Straße durchs Grüne liefen damals die Kämpfer der Terrororganisation Hamas, die Maschinengewehre in der Hand, um die Stirn das hellgrüne Band mit dem islamischen Glaubensbekenntnis.

Heute, genau drei Jahre später, ist es ruhig im Kibbuz Be’eri, fast unheimlich still. Nur die Vögel zwitschern, eine Katze ruht gemütlich auf dem Gehweg. Gelegentlich fährt ein Golfcart vorbei, das häufigste Fortbewegungsmittel in den Kibbuzim, ein paar Bauarbeiter sind hinter den Skeletten der Gerüste künftiger Fassaden zu erahnen. Eine Soldatin verschwindet schnell in einem Haus.

Am 7. Oktober 2023 zerbrach die Ruhe hier in Südisrael. Um 6.30 Uhr früh füllten sich die beschaulichen Wege des Orts mit Schusssalven und Schreien. Gal Cohen, Generalsekretär des Kibbuz Be’eri, war kurz zuvor zum morgendlichen Spaziergang mit seiner Hündin aufgebrochen, dann lief sie abrupt davon. Komisch, dachte sich Cohen.

Noch schlief das Dorf. Am Tag zuvor hatte es eine Feier auf dem Hauptplatz unter dem großen Baum gegeben, 77 Jahre Kibbuz Be’eri, Geschichten aus der Kindheit, erzählt unter freiem Himmel.

Nun, am Morgen, wurde die Ruhe wie schon ungezählte Male zuvor durch die Explosionen der Raketen aus Gaza unterbrochen. Knapp 5 Kilometer Luftlinie liegt Be’eri von dem Küstenstreifen entfernt. Diesmal waren es viele sehr laute Knallgeräusche, viel mehr als sonst. „Deswegen ist sie weggerannt“, dachte Gal Cohen.

Seine Hündin kam gerade wieder zurück, als das Handy des 61-Jährigen klingelte: Seine Tochter, die ebenfalls im Kibbuz lebte, hatte Angst. „Ich komme und hole dich ab“, sagte ihr Vater. Doch als er vor der Tür stand, fuhren Kämpfer in Uniform und mit Maschinengewehr auf einem Motorrad am Eisenzaun des Kibbuz vorbei. Einer musterte Cohen, der jemenitische Wurzeln hat. „Er sah mich an, und ich sah ihn an. Und ich sah diese Uniform, das Gewehr und ein grünes Bandana.“

wochentaz

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Für einen Moment standen sich die beiden gegenüber, der arabisch aussehende Israeli und der Soldat einer Armee, die Gottes Namen auf der Stirn trägt, ihn in Wahrheit aber verloren hat.

Die Kämpfer fuhren weiter. Gal Cohen ging zurück ins Haus und rief den Sicherheitsdienst des Kibbuz an, der zunächst an einen Scherz glaubte. Dann ging Cohen die 200 Meter zum Haus seiner Tochter und brachte sie zu sich.

Zu Dutzenden hatten die Kämpfer inzwischen den Zaun um den Kibbuz durchbrochen, waren durch Gras und Gebüsch gekrochen, hatten zwei Bewohner am gelben Haupttor erschossen. Andere waren auf Motorrädern und Pick-ups in die Landgemeinde eingedrungen. Nahezu widerstandslos konnten die Terroristen durch die Straßen streifen, im Kibbuz vertrauten die Menschen einander, die Türen waren oft nicht einmal abgeschlossen.

Gal Cohen, seine Frau und seine Tochter flohen in ihren Schutzraum – nur um entsetzt festzustellen, dass es dort kein Schloss an der Tür gab. Der Schutzraum sollte ja Raketen abwehren, keine Einbrecher. Die ersten Salven bohrten sich durch die Luft, die ersten Whatsapp-Nachrichten leuchteten auf den Bildschirmen auf. Familie Cohen begann, das Ausmaß dieses Angriffs zu begreifen.

Hier bin ich als Kind barfuß gelaufen, dort war mein erster Kuss, da drüben mein erster Streit

Gal Cohen, Bewohner von Be'eri

Außerhalb des Schutzraums gingen die Terroristen von Haus zu Haus, wer nach draußen floh, wurde erschossen oder entführt. Wer sich drinnen versteckte, erstickte in vielen Fällen am Qualm des Feuers, das die Militanten an die Gebäude legten.

Die junge, philippinische Pflegerin von Cohens Mutter rief an, die demenzkranke Frau weigere sich, in den Schutzraum ihres Hauses zu gehen. „Ich sagte ihr: ‚Schütze dich selbst. Es ist okay.‘“ Gal Cohens Mutter war damals schon 88 Jahre alt.

Etwa 15 Stunden verbrachten die Cohens eingesperrt in ihrem Schutzraum, die Hände an der Türklinke versuchten sie jedes Geräusch zu ergründen. Ein Messer hatten sie dabei. In direkter Umgebung ein Massaker an Kindern, Männern und Frauen, kaltblütig hingerichtet. Familien, Nachbarn, die pausenlos Nachrichten schickten – und dann plötzlich verstummten. Cohen wusste, was das bedeutete.

Vor allem Frustration habe Cohen empfunden, weil er absolut nichts gegen das Morden tun konnte, nur einmal habe er Todesangst gehabt, einen trockenen Mund, erhöhten Puls, als Patronen das Metallfenster des Raums trafen.

Stunden vergingen, sie fühlten sich an wie eine Ewigkeit. Erst gegen 22.30 Uhr riefen zwei ehrenamtliche Reservisten bei den Cohens an, die mit ihrem gepanzerten Jeep durch die Straßen fuhren. Noch unter Beschuss der Terroristen holten sie die Familie samt Hündin aus dem Haus und rasten davon.

Wieso seine Familie überlebt hat, während der Nachbar tot ist? Das habe sich Cohen gefragt. Eine rationale Erklärung habe er nicht gefunden, erzählt er heute in einem Büro im Kibbuz. Vielleicht war es Glück, das Dorf ist groß, die Terroristen hatten viel zu tun. Zufall vielleicht, Schicksal. Auf jeden Fall etwas, das jeder menschlichen Logik entbehrt.

1.200 Ein­woh­ne­r:in­nen hatte die Gemeinde Be’eri vor dem Massaker. 102 davon sind gestorben, 32 wurden in den Gazastreifen verschleppt. Inzwischen leben fast alle in einem anderen Kibbuz, Hatzerim, rund 40 Kilometer landeinwärts. Lediglich um die 100 Kibbuzniks sind zurück nach Be’eri gekommen. Unter ihnen Gal Cohen und seine Familie.

Cohen, ein schlaksiger Mann mit grauem Bart und schlichter Brille, ist gleich im Dezember 2023 zurückgekehrt. Wieso, das erklärt er in sachlichem Ton. „Hier bin ich als Kind barfuß gelaufen, dort war mein erster Kuss, da drüben mein erster Streit“, sagt er, während er sein Golfcart in die Straßen um das Kibbuzbüro herum lenkt und auf die Wiesen und Bäume zeigt. Zugehörigkeit. Wurzeln. Ein Zuhause. Das ist Be’eri für Cohen.

Etwa ein Fünftel aller Gebäude war nach dem Angriff zerstört oder abgebrannt. Inzwischen haben sie hier ein ganzes Viertel eingeebnet, neue werden errichtet. Die alten renoviert.

Ein Haus zeigt noch Einschusslöcher, ein anderes ist fast vollständig abgebrannt, die Ruine soll als Denkmal erhalten bleiben. Andere wiederum ragen mit ihren Säulen wie Bauklötze in die Luft, weiß und noch völlig ungenutzt. Über 1.000 Be­woh­ne­r:in­nen sollen den Kibbuz im Juli 2027 wieder mit Leben füllen, sagt Cohen, 20 davon seien in den vergangenen drei Jahren geboren worden, etwa 30 Menschen wollten neu einziehen. In der Druckerei des Kibbuz Be’eri laufen die Maschinen bereits wieder.

Doch wie gelingt das, an den Ort der eigenen Traumata zurückzukehren, dort zu leben, wo so viele gestorben sind?

„Wir haben den Menschen Ziele gegeben“, sagt Cohen. „Erstens: zurückkehren. Für diejenigen, die Be’eri damals gegründet haben, und für all unsere verstorbenen Freunde. Zweitens: Wir kümmern uns um alle, auch um diejenigen, die nicht zurückkehren wollen.“ Drittens, sagt Cohen, sollte die Druckerei wiedereröffnet werden. „Wir müssen wieder Normalität herstellen.“

Kibbuzim, das sind ländliche Kollektivsiedlungen, die eine lange Tradition haben in Israel. In der Regel leben in diesen Dörfern kleine Gemeinschaften ohne Privateigentum oder individuelle Gehälter zusammen. Be’eri ist berühmt für seine Druckerei – und für seine säkulare und liberale Einstellung.

Ein­woh­ne­r:in­nen des Kibbuz waren Teil von Friedensinitiativen, die kranke Kinder aus dem Gazastreifen zur Behandlung nach Israel brachten. Menschen aus Gaza arbeiteten auch auf den Feldern um den Kibbuz herum.

Der 7. Oktober, der Angriff von Hamas-Militanten und anderen Terrorgruppen auf israelischem Boden, der fast 1.200 Menschen das Leben kostete, kam einem abrupten und gewaltsamen Einschnitt gleich. Menschen, die sich für die Menschen in Gaza eingesetzt hatten, wurden getötet. Mit dem Fensterglas zerschellte für viele auch die Vision eines Zusammenlebens von Pa­läs­ti­nen­se­r:in­nen und Israelis in Frieden.

Gal Cohen aber sagt, er glaube trotzdem weiter an Koexistenz. „Ich glaube, dass es am Ende eine Abmachung geben wird, zwischen uns und den Palästinenser:innen.“ Es werde Jahrzehnte dauern, „aber … kein Abkommen in der Geschichte ist je durch Krieg entstanden“.

Beit Hanun ist nur noch ein Friedhof

Auf einem staubigen Hügel etwa 14 Kilometer entfernt von Be’eri liegt ein Aussichtspunkt. Mit dem Fernrohr kann man von dort aus den Gazastreifen sehen, etwa die Stadt Beit Hanun, kurz hinter der Sperranlage.

Am Abend versinkt eine blutrote Sonne hinter Schutthaufen, verkohlten Autos und einer grauen Silhouette aus den Skeletten, die von den Wohnhäusern Beit Hanuns übrig geblieben sind. Ein dichter Nebel hüllt die versehrten Hügel ein, kein Mensch ist in Sicht, kein Licht, bis auf einige – wohl militärische – Scheinwerfer. Beit Hanun im Norden des Gazastreifens ist heute eigentlich keine Stadt mehr, sondern ein Friedhof aus leblosen Ruinen.

Mehr als 70.000 Tote hat der Krieg im Gazastreifen bislang gebracht, der auf das Massaker des 7. Oktobers folgte. Unklar ist, wie viele davon Kämpfer waren, mindestens die Hälfte der Toten jedoch waren Frauen und Kinder. Studien zufolge sollen über 10 Prozent der Bevölkerung des Küstenstreifens entweder verletzt oder tot sein. Und mehr als 470 israelische Sol­da­t:in­nen haben bei den Gefechten ihr Leben verloren.

Nahost-Debatten

Der Israel-Palästina-Konflikt wird vor allem in linken Kreisen kontrovers diskutiert. Auch in der taz existieren dazu teils grundverschiedene Positionen. In diesem Schwerpunkt finden Sie alle Kommentare und Debattenbeiträge zum Thema „Nahost“.

Bereits vor dem Krieg glich der Gazastreifen aufgrund der israelischen Blockade einem armseligen Gefängnis, mit über 1,5 Millionen palästinensischen Geflüchteten, teils in überfüllten Flüchtlingslagern lebend. Die islamistische Hamas, die in dem Küstenstreifen 20 Jahre lang regierte, ist jetzt zwar offiziell nicht mehr an der Macht, doch noch immer hat sie Einfluss und militärische Kapazitäten in einigen Gebieten. Trotz der fragilen Waffenruhe ist ein wirkliches Ende des Gazakriegs noch nicht in Sicht.

Premier Netanjahu soll gewarnt worden sein

Wie die Terroristen in Israel so viele Menschen töten konnten, wieso die Armee in weiten Teilen versagt hat am 7. Oktober, wieso eine koordinierte militärische Antwort erst so spät kam, das alles möchten die Familien von Verstorbenen und Geiseln von einer unabhängigen Kommission untersucht sehen. Doch Israels Premierminister Benjamin Netanjahu sträubt sich dagegen. Stattdessen soll ein politisch gewähltes Gremium das Geschehen aufarbeiten.

Benjamin Netanjahu steht gerade wieder im Mittelpunkt der Kritik, kurz vor den neuen Parlamentswahlen am 27. Oktober. Medienberichten zufolge soll er Tage vor dem 7. Oktober gewarnt worden sein, dass die Hamas einen ernsten Angriff plante – und nichts unternommen haben. Der Premierminister verneint das.

Eine jüngste Untersuchung durch die israelischen Streitkräfte zeigt jedoch, wie die Attacke rund um den Kibbuz Be’eri verlief und wie das Töten so vieler Menschen überhaupt möglich war. Der nahegelegene Grenzposten der Armee mit Namen Paga etwa soll nicht in der Lage gewesen sein, die erste Angriffswelle abzuwehren.

Die Kämpfer aus Gaza haben die Militäranlage überrannt und nahezu alle dort stationierten Sol­da­t:in­nen getötet oder verwundet. 40 bis 50 Menschen befanden sich an jenem Samstagmorgen an dem kleinen Militärposten. 18 starben, zwei Getötete wurden nach Gaza verschleppt. Als der Posten Paga fiel, war der Weg in die umliegenden Kibbuzim frei für die Terroristen. Be’eri war als Nächstes dran.

Etwa 5.600 Militante aus Gaza sollen sich am Angriff auf die israelischen Gemeinden im Süden und das Supernova-Festival in Grenznähe beteiligt haben. Die Untersuchung zum Grenzposten Paga zeigt, dass die israelischen Sol­da­t:in­nen dort weder die passenden Waffen noch die Infrastruktur hatten, die nötig gewesen wären, um einer solchen Attacke standzuhalten. Auch waren sie auf ein Szenario wie die mehrfache Durchbrechung der Sperranlagen, die Gaza von Israel trennen, nicht vorbereitet. Sie kämpften bis zuletzt, die Niederlage war unvermeidbar.

Um 6.49 Uhr begannen die Angreifer, auf die Militärbasis zu schießen, um 6.55 Uhr waren sie schon in der Anlage. Eine Rakete traf einen Panzer, zwei Minuten später kamen noch mehr Kämpfer hinein, sie zerstörten die Mörserstellung. Die Sol­da­t:in­nen versuchten, den Angriff abzuwehren, indem sie sich hinter Panzerfahrzeugen versteckten und auf die Angreifer schossen.

Doch um 7.13 Uhr gingen die Munitionsbestände teilweise bereits zur Neige. Eine halbe Stunde später fiel der nördliche Teil der Militärbasis unter Beschuss einer israelischen Drohne, die eigentlich die Terroristen treffen sollte.

Kurz nach 8.30 Uhr wurden die Verletzten aus der Paga-Basis evakuiert. Die restlichen Sol­da­t:in­nen versuchten kurz vor 12 Uhr, den Grenzposten zu verlassen, während sich andere im Speisesaal verbarrikadierten. Um 13 Uhr trugen die Angreifer Matratzen vor den Saal und setzten sie in Brand. Einige Sol­da­t:in­nen erstickten am Rauch, andere versuchten, sich den Milizionären entgegenzustellen. Kurz vor 17 Uhr kam Verstärkung des israelischen Militärs an und brachte die überlebenden Israelis in Sicherheit.

Was die hochtrainierten Sol­da­t:in­nen im Grenzposten Paga nicht aufhalten konnten, konnten auch die zivilen Sicherheitskräfte im Kibbuz Be’eri nicht verhindern. Mehrere Sicherheitsleute starben beim Versuch, die anderen Kibbuzniks zu schützen.

Einer detaillierten Rekonstruktion der Nachrichtenagentur Reuters zufolge wurde die Person, die den Schlüssel zur Kibbuz-Waffenkammer hatte, erschossen, bevor sie die Waffen herausholen und verteilen konnte. Das ließ die anderen Sicherheitsleute noch ungeschützter zurück. Ärzte und Krankenschwestern pflegten die Verletzten des Kibbuz, so gut sie konnten, in einer Zahnarztpraxis. Bis sie entweder ebenfalls getötet oder gerettet wurden.

Der Geruch von frischem Zement

Heute stehen schlichte, neugebaute Doppelhäuser mit roten Dächern am Rande des Kibbuz, die Rollläden noch zugezogen. Ein Geruch von frischem Zement hängt in der Luft. Noch ist es nachmittags gespenstisch still in Be’eri. Morgens kommen die Arbeiter:innen, abends bleiben aber nur noch wenige Bewohner:innen. Auf vereinzelte Menschen trifft man vor den renovierten Häusern, manche fegen, sortieren Müll.

Ein Mann grüßt Gal Cohen auf dessen Runde, er wolle nur schnell etwas abholen, fürs Wochenende, dann will er nach Hatzerim zurück. Als der Mann weg ist, sagt Cohen: „Er musste seine Kinder aus dem Fenster in der zweiten Etage werfen, um sie zu retten.“

132 neue Wohneinheiten sollen bis März 2027 einzugsfertig sein in Be’eri, einige noch früher, aber man wisse ja, wie solche Dinge laufen, sagt Cohen. Vor Juli 2027 rechnet der Generalsekretär nicht mit einer größeren Zahl an Rückkehrer:innen. Hauptsache, das Endergebnis stimme. „Gute Häuser zu bauen ist wichtig für den Heilungsprozess“, sagt Cohen.

Auch soll eine Art Privatisierung beginnen im Kibbuz Be’eri, mit individuellen Löhnen. Diese Veränderung sei schon vor dem 7. Oktober angedacht gewesen. Auch sie soll neuen Schwung ins Kibbuzleben bringen.

10 Millionen Schekel, 2,8 Millionen Euro, will die Gemeinde in neue Sicherheitsmaßnahmen investieren, in abschließbare Schutzräume etwa. Obwohl es sehr unwahrscheinlich sei, sagt Cohen, dass ein ähnlicher Angriff je wieder passiere. Israel Regierung gab bekannt, 470 Millionen Schekel für den Kibbuz eingeplant zu haben. Be’eri ist die Gemeinde mit den meisten Opfern. Das jüngste 10 Monate, das älteste 88 Jahre alt.

Angst kann man überwinden, aber Trauer sitzt viel tiefer, und ihre Bewältigung nimmt viel mehr Zeit in Anspruch

Reut Plonsker, Psychologin für die Organisation „Safe Heart“

Als Gal Cohen mit seiner Familie aus Be’eri flüchtete, auf einem gepanzerten Jeep der Armee, rief er seine Schwestern an. „Mama ist nicht mehr unter uns“, sagte er ihnen. Dann wurden er, seine Frau und die Tochter in ein Hotel am Toten Meer gebracht, das schnell zur Anlaufstelle für Vertriebene aus Be’eri umfunktioniert wurde.

Als Gal Cohen dort am 8. Oktober gegen 4.30 Uhr morgens vor die Hoteltür trat, um eine Zigarette zu rauchen, so erinnert er sich, rief die philippinische Pflegerin seiner Mutter an: „Ich und Mama, wir sind in Netivot.“

Die Terroristen hatten die alte Frau in ihrer Wohnung gefunden und ins Freie geschoben, konnten aber offenbar mit dem Rollstuhl nicht umgehen. Stundenlang blieb Cohens Mutter auf der Straße liegen.

Gut, dass sie Demenz hatte, sagt Cohen „Sie hat gar nicht begriffen, was passiert ist, und war nur froh, als sie im Hotel ankam.“

Im David Dead Sea Hotel lebten die meisten Überlebenden aus Be’eri fast ein Jahr lang, ehe sie in den Kibbuz Hatzerim oder zu Verwandten anderswo in Israel zogen. Sie bauten im Hotel ihre kommunalen Strukturen wieder auf, eine Gemeinschaftsküche, einen Garten und Unterrichtsräume.

Bis man alle Leichen aus Be’eri identifizieren konnte, vergingen Wochen. Viele waren vollständig verbrannt, nur Zähne und Knochen übrig. Andere bis zur Unkenntlichkeit verkohlt.

„Als wir am Toten Meer waren“, sagt Cohen, „haben wir jeden umarmt, den wir trafen, selbst wenn wir die Person nicht besonders mochten. Einfach, weil sie am Leben war.“ Immer mal wieder fanden morgens Beerdigungen statt. Abends versammelte sich die Gemeinschaft im großen Saal des David Hotels und verlas die Namen der neu aufgefundenen Toten. Dann las jemand ein Gedicht vor, ein Gedenkgebet, die Familien standen zusammen, umarmten sich und weinten. Die Konferenzsäle des Hotels wurden parallel dazu in Räume für psychologische Unterstützung umfunktioniert.

Reut Plonsker ist Psychologin für die Organisation „Safe Heart“, die Überlebende des Massakers behandelt. Am Telefon spricht Plonsker von einem „kollektiven Trauma“. Wichtig für die Heilung sei die große Anerkennung des Leids, die es in der israelischen Gesellschaft gäbe. Die Gemeinschaft. Doch jedes Trauma sei auch individuell. „Manche wachsen aus dem Trauma heraus, finden neue Ziele im Leben.“ Das aber sei ein langer Weg, sagt Plonsker.

Es sei nicht nur die Angst um das eigene Leben, die den Überlebenden noch lange in den Knochen stecken würde. Teilweise sei es die Gewalt an anderen, das lange Ausharren, bis Hilfe kam. Teils Schuldgefühle. Am meisten aber sei es der Verlust geliebter Menschen, der Zeit brauche, um zu heilen. „Angst kann man überwinden, aber Trauer sitzt viel tiefer, und ihre Bewältigung nimmt viel mehr Zeit in Anspruch.“

Gal Cohen hat niemanden aus seinem engsten Familienkreis verloren an jenem 7. Oktober vor drei Jahren. Davor, sagt er, habe er an ein baldiges Abkommen mit den Pa­läs­ti­nen­se­r:in­nen geglaubt – nun sei ein Deal in weite Ferne gerückt.

Das Grundvertrauen vieler Überlebender ist verletzt. Und das Vertrauen in den israelischen Staat mit seiner mächtigen Armee.

Die Idylle des Kibbuz Be’eri, auch sie ist verletzt. Ob ein Neustart an einem so tief gezeichneten Ort möglich ist? Vielleicht. Mit der Zeit.

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