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Ed Sheeran bricht sein SchweigenIn Ungnade gefallen

In Irland wird der Eklat um Ed Sheeran besonders heiß debattiert. Der Sänger selbst spricht bei einem Konzert in den USA erstmals von einem „Fehler“.

Mit seinen roten Haaren würde er auf das Cover eines irischen Reiseführers passen. Und Ed Sheeran, der in England geboren und aufgewachsen ist, sagt von sich, er fühle sich kulturell gesehen als Ire. Seine Familie väterlicherseits stammt von der Insel, er verbrachte als Kind viele Urlaube dort und machte dort seine ersten musikalischen Gehversuche. „Musikalisch gesehen ist es quasi mein zweites Zuhause“, sagt er. „Ich würde sagen, Irland ist der Ort, an dem ich musikalisch am erfolgreichsten bin.“

Doch das war einmal. Denn die Liebesaffäre der Iren mit Sheeran hat einen Knacks bekommen, nachdem der Rapper Macklemore vorige Woche als Vorgruppe für seine „Loop“-Welttournee ausgebotet wurde – auf Anweisung des Veranstalters. Die Begründung: Macklemore hatte bei einem gemeinsamen Konzert im US-Bundesstaat New Jersey auf der Bühne „Free Palestine“ gerufen und zu „Hind’s Hall“ – einem Song über Hind Rajab, die 2024 von der IDF ermordete Fünfjährige – Bilder der Zerstörung aus dem Gazastreifen gezeigt.

Nach Macklemores Rauswurf sagten alle anderen Vorgruppen – der Ire Aaron Rowe, der irisch-amerikanische Künstler Finneas und der Däne Lukas Graham sowie Sheerans Begleitband Beoga – aus Solidarität mit Macklemore ihre Teilnahme an Sheerans Tour ab. Darüber hinaus entschied ein irischer Radiosender, bis auf Weiteres keine Sheeran-Songs mehr zu spielen. Sheerans Follower-Zahl auf Instagram sank binnen 24 Stunden um fast 150.000, der ebenfalls irischstämmige Macklemore dagegen gewann mehr als 750.000 hinzu.

Diagnose: Rückgratlosigkeit

Die Reaktion seiner Begleitmusiker sei eine Demütigung für Sheeran, schrieb die Guardian-Journalistin Laura Snapes. Denn diese Musiker hätten viel mehr zu verlieren als der steinreiche Sänger, der mit Hits wie „Shape of You“ über 150 Millionen Tonträger verkauft hat. Doch die hätten kapiert, dass der Verzicht auf finanzielle und berufliche Vorteile nötig sei, um Charakter zu zeigen und sich gegen einen Völkermord und gegen Milliardäre zu stellen, die die Meinungsfreiheit unterdrücken.

Sheeran behauptete zunächst, er habe nichts mit dem Rauswurf zu tun: „Macklemores Vertrag für die Tour lief mit dem Veranstalter, nicht mit mir.“ Er selbst spreche auf der Bühne nicht über Politik: Allerdings trat Sheeran 2022 beim „Concert for Ukraine“ auf, unterzeichnete einen offenen Brief an Theresa May zum Brexit und unterstützte das Gleichstellungsgesetz in den USA.

Der Unterschied besteht darin, dass all diese Positionierungen im Westen als wenig kontrovers angesehen werden. Das ist bei Statements zu Gaza anders. Der Medien-Professor David Hesmondhalgh sagt: „Sheeran wollte an Glaubwürdigkeit gewinnen, indem er sich mit einem Künstler wie Macklemore in Verbindung bringt, dessen Image auf starkem politischem Engagement beruht.“ Daher wirkten seine Bekenntnisse zur Neutralität jetzt rückgratlos.

Viele Iren solidarisieren sich mit Palästina

In Irland ist die Solidarität mit Palästina sehr ausgeprägt, weil man sie mit den eigenen Erfahrungen mit dem britischen Kolonialismus und dem irischen Unabhängigkeitskampf verbindet. Der Dubliner Songwriter Aaron Rowe sagte, als Ire wisse er nur zu gut, was Völkermord, erzwungene Hungersnot und gewaltsame Besatzung bedeuten: „Ich muss mir selbst und meinen Vorfahren treu bleiben, die sich der Kolonialisierung widersetzt und für die Freiheit gekämpft haben, die ich heute in Irland genieße.“

John Pavlovitz, ein ehemaliger US-amerikanischer Jugendpastor und Autor, schrieb in einem offenen Brief an Sheeran: „Hey, Ed Sheeran, es ist einfach nur traurig, dass du angesichts der Größe der Bühne und der Reichweite des Mikrofons, die dir anvertraut wurden, und angesichts der Stimme, die dir gegeben wurde und die so laut für bedrohte Menschen erklingen könnte, jetzt an einer solchen moralischen Stimmlosigkeit leidest.“

Die treibende Kraft hinter dem Rauswurf Macklemores war der Israeli American Council. Dessen Geschäftsführer Elan Carr behauptete, „Free Palestine“ sei „ganz eindeutig ein Aufruf zur Auslöschung des Staates Israel und des jüdischen Volkes.“ Carr übte Druck auf den Milliardär Robert Kraft aus, dem das Gillette Stadium in Massachusetts gehört. Der wiederum versammelte einige der anderen Stadionbesitzer hinter sich, und gemeinsam stellten sie ein Ultimatum: Wenn Macklemore dabei sei, würden alle Auftritte abgesagt.

Kraft ist mit Donald Trump befreundet und ein bedeutender Sponsor Israels: Benjamin Netanjahu sagte 2019 bei einer Preisverleihung zu Ehren von Kraft, dass „Israel keinen treueren Freund hat“. Kraft ist auch ein Freund von Sheeran. Dieser trat 2022 auf Krafts Hochzeitsfeier auf und bezeichnete den Milliardär als „super lieb“. Nun üben sich alle in Harmonie: Macklemore hat eine Million Dollar seiner Einnahmen aus der „Loop“-Tour humanitären Organisationen in Gaza zugesagt. Sheeran und Kraft zogen nach und haben jeweils zwei Millionen Dollar für „Hilfeleistungen in der Region“ zugesagt.

Es tue ihm „so, so leid“, sagt Sheeran

Noch peinlicher als der Rückzug seiner Co-Musiker dürfte für Sheeran jedoch der Beifall aus der rechtsextremen Szene gewesen sein. Die Engländerin Lucy Connolly, die 2024 wegen Anstiftung zum Rassenhass zu 30 Monaten Gefängnis verurteilt worden ist, schrieb auf X: „Ich unterstütze Ed Sheeran!“ Und der rassistische Rechtsextremist Tommy Robinson verkündete ebenfalls auf X, er unterstütze Sheeran – und „Fuck Palestine“.

Bei seinem ersten Konzert nach dem Eklat um seinen Kollegen Macklemore äußerte sich Ed Sheeran am Samstag erstmals bei einem Konzert in Philadelphia an der Ostküste der USA. Vor dem Stadion, in dem das Konzert stattfand, hatten sich US-Medienangaben zufolge einige propalästinensische Demonstranten versammelt.

„Was im Gazastreifen passiert, ist katastrophal und nicht zu rechtfertigen und unverhältnismäßig“, brachte er seine Trauer „angesichts des Ausmaßes der Zerstörung und des Verlustes des Lebens von Zivilisten und des Lebens von Kindern“ im Gazastreifen zum Ausdruck. Auch die „systematische Ungerechtigkeit“ im Westjordanland dürfe „nicht ignoriert werden“.

Sheeran sagte zudem, er habe „schwierige Entscheidungen“ treffen müssen und mache „Fehler“. Das tue ihm „so, so leid“.

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15 Kommentare

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  • Thomas Müller

    Sehr informativer Artikel! Ja Solidarität muss man sich leisten können. Und die Milliardäre bieten viel Geld fürs Schweigen und Komplizenschaft.

    Ich hoffe, dass Übermenschen-Gedankengut nicht mehr mehrheitsfähig wird - auch in Israel

  • HeinerM

    Ich habe dazu keine Meinung, finde es aber auch wichtig, dass man das äußern darf.

    Zur Meinungsfreiheit gehört meiner Meinung nach auch die Möglichkeit, nicht zu allem eine Meinung haben zu müssen.

    Oder wenn man eine Meinung hat, muss man die auch nicht immer sagen müssen.

    Oder wie ein früherer Arbeitskollege gerne zu sagen pflegte:

    "Wir meinen alles was wir sagen. Wir sagen nicht alles, was wir meinen!"

    Grüße an Walter! Und auch an Marita, Jennifer, Thomas, Manfred, Bernhard und Klaus!

  • Andi S

    Wieder dieser Völkermordvorwurf

    Hier ein Staat, der von einer staatstragende, antisemitischen Hamas vernichtet werden soll.

    Dort eine Hamas, die sich in zivilen Strukturen kriegsverbrecherisch versteckt.

    • Janix

      @Andi S:

      Was die Hamas macht, ist ein Verbrechen.



      Was Netanyahu macht, auch.

      Wir müssen nicht schwarz-weiß denken, nur dieselben Maßstäbe und das Völkerrecht anlegen.



      Vielleicht bei einer angeblich einzigen Demokratie der Region eher noch genauer hinsehen. Das fand und findet auf deutschem Boden eher zu wenig statt, oder?

    • Nickalsname

      @Andi S:

      Einer so schlimm wie der andere

  • Algernoon

    Kannte das Thema schon. Diese Zusammenfassung ist bisher die informativste. Chapeau. Ich glaube immer noch, alles wird besser – Aufklärung und Widerstand sind der Hebel. Ansonsten empfehle ich Tucholsky zu lesen, für die Perspektive.

    • Thomas O´Connolly

      @Algernoon:

      Was meinen Sie in diesem Kontext mit "Aufklärung" und was mit "Widerstand"?

  • Janix

    Künstler müssen und können kaum Politiker oder Heilige sein oder Vorbilder, denen mensch bedingungslos folgt.



    Sheeran hätte gleichwohl Macklemore dann von Beginn nicht einbeziehen sollen oder eben gleiche Rechte und gleiches Scheinwerferlicht für Palästina durchziehen sollen. Zur Not in der U-Bahn und ohne Stadion. Shame on Kraft.

    Warum ein Vertreiben, Bombardieren und Töten der palästinensischen Bevölkerung Israel im 21. Jahrhundert helfen soll, ist ein großes zynisches Fragezeichen mit dem Gesicht Netanyahus auf dem Punkt. Der spaltet und brutalisiert gerade aus egoistischen Wahlkampfgründen - der Likud ist zur Plattform für rassistische Aussagen geworden.

  • DerBlondeHans

    Den 07. Oktober 2023 haben diese ganzen Musiker auch betrauert? Oder habe ich was übersehen.

    • Ralf Sotscheck , Autor des Artikels, Korrespondent Irland/GB

      @DerBlondeHans:

      Ja, das haben Sie übersehen. Auf Instagram schrieb Macklemore: I have been in fear. I have felt a literal lump in my throat and I cannot stay silent any longer. I condemn the murder of any human. The bombings, kidnappings and murder of the Israeli people carried out by Hamas was horrific in every way imaginable. My heart deeply hurts for the Israelis that lost loved ones to such an abomination. As a father, I cannot imagine if one of my kids was at that festival, or was still missing after being kidnapped. It is absolutely unfathomable. But killing innocent humans in retaliation as collective punishment is not the answer. That is why I am supporting the people around the world who are calling for a ceasefire."

    • Ohne_Mitte_geht_nix

      @DerBlondeHans:

      Leider haben Sie nichts übersehen. Das ist die Realität!

    • Klaus Waldhans

      @DerBlondeHans:

      Anschließe mich

  • Paul123

    Vorgestern (Freitag) selber auf einem sehr kleinen Konzert in Berlin erlebt: Das Ausrufen von "Free Palistine" sicherte der Band ein Publikum mit 100 % Zustimmung.



    Ist ja auch einfacher einen vollständig Inhaltslosen Spruch zu brüllen, in angetrunkener Selbstgerechtigkeit und moralischer Überlegenheit.



    Nazis in Parlamenten? Ein besetztes Haus um die Ecke? Hochgradig autoritäre Strukturen und Sexismus in der eigenen Blase - egal!



    Solange Rote Dreiecke und Hakenkreuze Sonnensymbole sind...

  • elvetico

    Irland ist einer der am stärksten antisemitischen Staaten der EU, eine Schande. Das Bundesland Berlin wird offiziell bald folgen.

    • Kaboom

      @elvetico:

      Welche Belege gibt es für Ihre These?