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Medien in KolumbienVerklagen, bedrohen, überfahren

Seit Präsident de la Espriella im Amt ist, ist das Klima für unabhängige Medien in Kolumbien gefährlich geworden. Und es könnte schlimmer werden.

Die Investigativabteilung von Caracol Radio in Bogotá landete Anfang September einen Scoop, als sie Regierungsinterna veröffentlichte: Keine Interviews und keine Pressekonferenzen – so lautet die geleakte Anweisung des Präsidialamts an die Ministerien.

Ausnahmen gelten für „befreundete Medien“ und bei strategischen Themen –, aber auch nur dann, wenn zuvor die Erlaubnis des Präsidialamts eingeholt wurde. Mi­nis­te­r:in­nen dürfen bei Veranstaltungen lediglich eine Erklärung abgeben. Fragen von Jour­na­lis­t:in­nen sind nicht erlaubt. Vi­ze­mi­nis­te­r:in­nen dürfen überhaupt nicht mehr sprechen. Die „großen Ankündigungen“ mache allein der Präsident – ohne dass diese näher definiert werden.

Doch es gibt nicht nur weniger Informationen, sondern auch neue Regeln für die Kommunikation mit der Presse. Das Foto- und Videomaterial soll künftig aussehen wie Pressematerial, damit es so verwendet wird.

Dazu gibt es Sprachregelungen: „Hoffnung“ verbreiten, betonen, dass „die schlechten Zeiten vorbei“ seien, dass „das Vaterland wiederaufgebaut“ werde.

Große Ungewissheit

Was Caracol Radio durchstach, kam wenige Tage später offiziell als Kommunikationsrichtlinie aus dem Präsidialamt – allerdings ohne den Hinweis auf die Sonderbehandlung von „befreundeten Medien“.

Die kolumbianische Stiftung für Pressefreiheit (FLIP) ist alarmiert. „Wir haben diese Einschränkungen de facto schon vor Bekanntwerden der internen Regelungen bemerkt“, sagte Direktorin Sofía Jaramillo Otoya der taz. Mehrere Ministerien hätten die Auskunft nach dem schweren Erdbeben am 10. August verweigert. Alles sei über das Präsidialamt gelaufen.

Das große Problem sei, dass der Zugang zur Information begrenzt und erschwert werde. Es herrsche Ungewissheit bei den Medien, welche derzeit für die Regierung als Freunde gelten, denen man Interviews gewährt, sagt Jaramillo.

Präsident Abelardo Gabriel de la Espriella Otero ist für seinen Umgang mit der Presse berüchtigt. Im Wahlkampf und bereits zuvor überzog er Journalist*innen, die sich näher mit ihm beschäftigten, mit Klagen.

Selbstzensur aus Selbstschutz

Der Wahlkampf war selbst für kolumbianische Verhältnisse extrem gefährlich für Journalist*innen. „Wir haben im ersten Wahlgang einen Anstieg der Übergriffe auf die Presse um fast 230 Prozent verzeichnet“, sagt Sofía Jaramillo. Bis zur Stichwahl wurden zwei Journalisten ermordet. Schon die linke Vorgängerregierung hatte Jour­na­lis­t:in­nen stigmatisiert. Heute wird jeden zweiten Tag ein:e Journalist: in bedroht, alle fünf Tage jemand von einer bewaffneten Gruppe

Die Folgen sind: Selbstzensur aus Selbstschutz. Das könnte sich jetzt verstärken, befürchtet Jaramillo. Die weitere Zentralisierung der Information und die zusätzlichen Hürden erschwerten besonders für die Jour­na­lis­t:in­nen in den Regionen den Zugang, die es ohnehin schwerer hätten, nationale Nachrichten abzudecken.

Erste personelle Konsequenzen gibt es jetzt schon. Der politische Cartoonzeichner Vladdo wurde kürzlich von seinem Arbeitgeber RCN Televisión gefeuert, nachdem er eine Karikatur des Präsidenten auf seinen privaten sozialen Medien gepostet hatte.

Und Ende August wurde das Ende der Sendung „Mañanas Blu 10:30“ auf Blu Radio unter Leitung der berühmten Politikjournalistin Camila Zuluaga verkündet. Drei Stunden tägliche Morgensendung, politische Nachrichten, Analysen, kritische Interviews. Zuluaga gehört zu den Journalistinnen, denen de la Espriella jedes weitere Interview abgesagt hat – und die er verklagt hat.

Ein Shitstorm

Die Sendung hat dem Präsidenten nicht gepasst, sagt Ana Christina Restreop. Sie ist das bekannteste Gesicht aus Zuluagas Team. Seit Monaten wird Restrepo selbst attackiert. Sie erhält Morddrohungen und ist seitdem mit Personenschützern unterwegs. Als sie im Juni von Medellín nach Europa flog, hatte ein Taxifahrer versucht sie zu überfahren.

Seit September 2025 sei die Situation angespannt gewesen, sagt Restrepo. Damals interviewte sie den zu der Zeit Vor-Präsidentschaftskandidaten de la Espriella. Die Sendung wurde live übertragen, die Folge waren aggressive und frauenfeindliche Kommentare, auch von Bots. Und die Drohungen hörten auch danach nicht auf.

Bei einer Moderation im Wahlkampf an der Uni Eafit in Medellín tauchte ein Mann mit Wahlwerbung und einem Schild auf und beleidigte Ramirez aufs Schärfste Es handelte sich um David Toledo, einen rechtsextremen Aktivisten der Partei Centro Democrático. Restrepo musste den Sicherheitsdienst rufen, um ihn aus dem Saal zu entfernen – der Beginn einer Schmutz- und Verleumdungskampagne durch Toledo im Internet.

Das Centro Democrático ist heute Regierungspartei. In der Sendung danach fragte Camilia Zuluaga Restrepo, wie sie den Wahlsieg in Medellín erlebt habe. Es habe sie daran erinnert, wie die Mafiosi in den 80er Jahren ihre Anführer krönten, sagte sie.

Daraufhin brach ein Shitstorm los. In der Anzeigenabteilung hätten Leute angerufen und gedroht, ihre Werbung zurückzuziehen, sollte Restrepo nicht gefeuert werden – und manche taten es. Camilia Zuluaga sei einbestellt worden, damit Restrepo richtigstelle. „Aber Meinungen stellt man nicht richtig“, sagt Restrepo.

Tatsächlich feierten manche von de la Espriellas An­hän­ge­r:in­nen ähnlich wie die Narcos in den 80ern: mit Luftschüssen und Böllern. Und nicht nur in Medellín. In Hatoviejo an der Karibikküste starb eine 16-Jährige, weil ein Querschläger bei der Feierei sie traf.

Seitdem habe es immer wieder geheißen: „Wir müssen aufpassen, sie nehmen uns sonst die Sendung weg“, sagt Restrepo. Am 31. August hätten sie eine ganz normale Sendung gemacht. In der anschließenden Reaktionssitzung verkündete man dem Sendungsteam das Aus. Begründung: Die Sendung sei nicht nachhaltig. Zahlen, die das belegten, habe niemand vorgelegt. Die Hörer-Zahlen seien immer hervorragend gewesen.

Alle, die gefeuert werden konnten, mussten gehen. Restrepo erreicht nächstes Jahr das Rentenalter. Sie steht unter besonderem arbeitsrechtlichen Schutz. An ein Live-Mikrofon darf sie nicht mehr im Sender bis dahin. Man hat ihr einen Podcast angeboten, den man vorproduziert und gegebenenfalls entschärfen kann.

Die Botschaften seien klar: „Eine kritische Journalistin wie dich zerstören wir moralisch.“ Und was die Sendung angeht, ist sie sicher: „Es geht nicht um Camilia Zuluaga oder mich, sondern um alle Medien: Entweder ihr mäßigt euch oder wir vernichten euch.“

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