Punker-Kunst im Auktionshaus Grisebach: Abhängen mit amüsierten, unproduktiven Parasiten
Wenige Professoren lösten das Versprechen der Kunsthochschule so sehr ein wie Thomas Zipp. Nun widmen ihm Studierende und Alumni eine Tribut-Ausstellung.
Foto: Roman März
Wenn man beginnt an einer Kunsthochschule zu studieren, gehen Vorstellung und Realität häufig stark auseinander. Alles ist bürokratischer, die Kommilitonen dann doch meist braver und ehrgeiziger, die Deadlines ernst gemeinter, als man dachte. Studierte man 2017 an der Berliner UdK, gab es jedoch eine Klasse, die all das erfüllte, wie man sich Kunstuni so vorgestellt hatte.
Eigentlich immer, wenn etwas provokant, interessant oder zumindest saukomisch war und man fragte, wo es denn herkomme, lautete die Antwort: Klasse Zipp. Das Punkkonzert? Klasse Zipp. Die sogenannten Popkornbrüder mit ihren Autos, Filmen und Aktionen? Klasse Zipp. Irgendwas mit Polizei? Klasse Zipp. Gerade noch hatten er und seine Studenten in Militärzelten im Innenhof der Fakultät Bildende Kunst gecampt.
Als sie abgebaut wurden, zogen sie in den Ausstellungsraum des Auktionshaus Grisebach, inkarniertes Symbol eines Milieus der Berliner Kunstszene, das mit dünnen Baumwollschals, Siegelringen, weißen BHs unter weißen Blusen, Perlenohrringen und Aktiendepots nicht weiter entfernt sein dürfte von den Punks und Underdogs, den von Lohnarbeit kaputtgearbeiteten, selbsttättowierten, kahlgeschorenen und bunt-blondierten Überzeugungskünstler:innen der Klasse Zipp.
War es der ultimative Coup? Aber für wen? Die Klasse oder den Kunsthandel? Am Ende war das auch egal. Irgendwann zogen sie wieder aus und verfolgten ihre Zippigkeiten in der Uni, und das Auktionshaus begann, regelmäßig andere Kunsthochschulklassen zu zeigen.
Die Vielfalt der Arbeiten und Namen ist erstaunlich
Als Thomas Zipp, nicht nur engagierter Professor, sondern selbstverständlich auch erfolgreicher Künstler, in diesem Frühjahr unvermittelt und viel zu jung verstarb, war der Schmerz also auch bei Studierenden und Alumnis groß. Seine Künstlerische Mitarbeiterin Tania Elstermeyer war es, die an das Auktionshaus herantrat. Heraus kam eine Schau als Tribut an den Mentor. „Ich bin in der Rückkopplung – Die Klasse Thomas Zipp“ heißt die Gruppenausstellung, die diesmal allerdings im Untergeschoss der Villa Grisebach an der Charlottenburger Fasanenstraße zu betrachten ist.
Gleich im Foyer grüßt ein Werk des Professors selbst: „Big Mouse“ von 2025. Die bojenartige Wackelskulptur mit Mickey-Mouse-Kopf und schlackernden Armen lacht den Besuchenden von oben herab ins Gesicht, darüber räkelt sich ein kopfloser Krake – „Créature Tentaculaire“ von Nolundi Tschudi – an der Balustrade. Am Treppengeländer hängen schlaffe rötliche Gliedmaßen unmotiviert ab: Für „Hide“ steckte Iza Regel Styropor in rote Strumpfhosen. Schon beim Eintreten in die Ausstellung ist also klar: Die amüsierten, unproduktiven Parasiten sind (wieder) da. Und wie.
Vor dem Kamin kauert sich ein alien-shrimp-gleiches Wesen in seiner nackten Kreatürlichkeit, Mary-Audrey Ramirez hat es dahin gelegt, mit seiner glänzenden Vinylhaut erregt „Jen (wingless)“ Mitleid und Abgestoßenheit gleichermaßen. Daneben ein Kruzifix: Kurt von Bley formte es aus Krücken und Prothesen, behängt mit allerlei medizinischem Gerät. „Pars pro toto“, so der Titel, sieht aus, als hätte man seine Einzelteile benutzt, um dem zusammengekrümmten Tier seine Flügel zu amputieren. Allerdings ohne Anästhesie.
"Ich bin in der Rückkopplung – Die Klasse Thomas Zipp", Grisebach, Berlin, bis 08. Oktober.
Mehr als 70 Arbeiten sind hier versammelt, tolle Malereien sind dabei, wie der höchst amüsante „Zirkus Habitus“ Maja Herniks, bei dem ein menschlicher Pudel durch den Reifen eines traurigen Clowns in Adidashosen hüpfen muss. Oder die um der Arbeit willen arbeitenden Arbeiter Ferdinand Döllbergs, dessen Einzelausstellungen in seiner Galerie Anton Janizewski stets ausverkauft sind. Doch auch Videokunst (Shiri Faingold), Keramik (Sophia Lietsche), Zeichnung (Andi Fischer) und Fotografie (Greta Wildhage) sind vertreten.
Diese mediale Vielfalt ist vielleicht das, was hier am meisten erstaunt. Die und die Liste der teils mittlerweile recht bekannten Namen, die aus Zipps Klasse also hervorgingen. Offensichtlich war der Künstler als Professor stets bemüht, den Stil der Studierenden zu fördern und nicht seinen eigenen aufzustempeln. Und trotzdem gibt es da Vereinendes. Die Lust an der Provokation, der Genuss des Schmutzes und das Selbstbewusstsein fürs eigene Ding. Und das wohnt halt „in der Rückkopplung“.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert