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EU-Beitrittskandidat MontenegroEuropa im Herzen

Montenegro stimmt über die Absetzung des Parlamentspräsidenten ab, weil er Serbiens Völkermörder Mladić ehrte. Die jungen Menschen hier sind indes längst weiter.

Aus Podgorica

Margareta Kosmol

F ür dich würde ich niemals kämpfen. Deiner Lügen bin ich schon müde geworden – Za tebe nikada ne bi’ se borila. Od tvojih laži već sam se umorila

Der Song dröhnt, der halbe Raum singt mit. „Muške priče“ heißt der Titel, zu Deutsch: Männergeschichten, von DJ Shone, einem Produzenten aus Serbien. Er handelt davon, was Männer erzählen, wenn sie etwas wollen. Im Song bietet er ihr: Kuba, Ibiza, Mallorca. Sie hört sich das an und glaubt ihm kein Wort. 


Westlicher Luxus als Versprechen: In einem Land, in dem der Durchschnittslohn zuletzt bei 1.037 Euro netto lag und die Preise schneller steigen als die Gehälter.

Es ist ein Dienstagabend im September. Im Restaurant Desetka, mitten auf dem Campus der Technischen Fakultäten der Universität Montenegros, stehen flirtende Paare, Anfang zwanzig. Tagsüber ist die Desetka hier Mensa und Café, abends Bar mit Livemusik.

Ehre, wem keine Ehre gebührt

Am Donnerstag wird das Parlament dieses Landes darüber abstimmen, ob er sein Präsident bleiben darf, weil er einem verurteilten Völkermörder nachgetrauert hat.

Ratko Mladić starb am 27. August 2026 im Alter von 84 Jahren im Gefängnis von Den Haag. Der frühere Kommandeur der bosnisch-serbischen Armee war rechtskräftig verurteilt: Völkermord in Srebrenica, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen. Am 7. September wurde er in Belgrad beerdigt, mit militärischen Ehren, der Sarg mit den Flaggen Serbiens und der Republika Srpska, der autonomen Teilrepublik von Bosnien-Herzegowina, bedeckt.

In Montenegro, das im Bürgerkrieg der 90er Jahre mit Serbien zusammen den Rest Jugoslawiens bildete, sprach der Parlamentspräsident Andrija Mandić der Familie Mladić sein Beileid aus. Die pompöse Beerdigung löste breite Kritik im Ausland aus, aber auch im Inland. Montenegros Außenministerium distanzierte sich, die Opposition forderte die Abwahl von Mandić.

Die Regierung von Premierminister Milojko Spajić schweigt hingegen. Ohne Mandić’ proserbische Partei hat sie keine Mehrheit. Eine Abberufung könnte die Regierung stürzen.

Montenegro braucht die EU – und umgekehrt

Deshalb sind die meisten Leute auf der Party in der Desetka eher pessimistisch, wenn die taz sie auf die Abstimmung anspricht: Er wird nicht gehen. Die da oben halten zusammen.

Miljan ist 26 und studiert Jura. „Ich studiere das, um zu verstehen, was die Politik nicht richtig umsetzt.“ Neben ihm sitzen Ognjen, 19, und Maya, 18. Beide haben gerade die Schule beendet, in einer Woche beginnt ihr Wirtschaftsstudium. Ins Ausland wollen alle drei. Zum Studieren, für mehr Möglichkeiten. „Hier einen guten Job zu finden, ist schwierig.“

Ein guter Job ist für viele einer beim Staat. Der bietet Sicherheit.„Aber da reinzukommen, ohne Connections, ist fast unmöglich“, sagt Ognjen. „So sollte es nicht sein.“

„Montenegro ist so klein“, ergänzt Maya. „Jeder kennt jeden.“ Deswegen sei Vetternwirtschaft ein Problem. Dann kommt der Satz, der an diesem Abend noch oft fallen wird: Aber bald kommen wir in die EU, dann wird das besser. Alle nicken. Der EU-Beitritt ist das, was Montenegro bräuchte, sagen sie. „Und die EU braucht uns“, sagt Ognjen. Als Beweis, dass eine Erweiterung überhaupt noch möglich ist. 



Küste gegen Sicherheit

2013 trat mit Kroatien das bislang letzte Land der Union bei. Nordmazedonien brauchte fast siebzehn Jahre, bis überhaupt verhandelt wurde. Die Türkei verhandelt seit 2005, der Prozess liegt seit 2018 still. Montenegro wäre der Beweis, dass das Ziel erreichbar ist. Doch was, wenn es nicht klappt?

„Bei uns in Montenegro denken wir gerne in Extremen. Entweder ist alles ganz toll, oder alles ist ganz schlimm.“ Miljan lacht. „Was den EU-Beitritt angeht, sind wir alle optimistisch.“ Was die Jugendlichen besonders umtreibt: die Inflation. Die sei „sehr spürbar“.

Wir sind mit einem unabhängigen, multikulturellen Montenegro aufgewachsen, für uns ist das selbstverständlich Die Politiker versuchen zu spalten

Tadija, 23, Student aus Serbien

Das hat Gründe. Montenegro hat rund 620.000 Einwohner, produziert wenig selbst und importiert fast alles: Die Warenexporte decken gerade 12 Prozent der Importe. Für Landwirtschaft fehlt die Fläche, für Industrie das Know-how.

Was das Land hingegen hat, ist Küste. 1,48 Milliarden Euro nahm Montenegro 2025 aus dem Tourismus ein. Fast 29 Prozent der Wirtschaft hängt daran, jeder zehnte Beschäftigte arbeitet in Hotels und Gastronomie. Der Sektor boomt und ist zugleich eine der wenigen Einnahmequellen, die das Land hat.

Auf Eis gelegt

Seit 2010 ist Montenegro EU-Beitrittskandidat, das Land gilt als Nächster in der Reihe. Die Regierung wirbt mit einer Jahreszahl wie mit einem Versprechen: 2028. Bis dahin sind noch 15 von 33 Verhandlungskapiteln offen, darunter die zu Justiz, Korruption und Minderheitenrechten. Eigentlich sollten die bis Ende 2026 fertig verhandelt sein, damit der Beitrittsvertrag 2027 fertig wird. Ein Jahr später soll dann die Mitgliedschaft folgen.

Ein EU-Beitritt, so sagen viele an diesem Abend, wäre ein Grund, im Land zu bleiben, da sich neue Perspektiven öffnen würden. Und er würde Fortschritte im Kampf gegen die Korruption bringen. Die Frage ist nur, ob die Rechnung aufgeht.

Denn die Niederlande haben beantragt, den Prozess mit Montenegro auszusetzen; Kroatien, Estland, Lettland und Litauen haben sich angeschlossen. Sie fordern eine konsequentere Umsetzung europäischer Standards. Bei Korruption und organisierter Kriminalität verlangt die EU mehr rechtskräftige Urteile. Diplomaten in Brüssel sagen, auch die Reaktionen montenegrinischer Politiker nach Mladić’ Tod hätten die Haltung mancher Mitgliedstaaten beeinflusst. Und auch mit Kroatien sind Streitfragen aus den Zerfallskriegen bis heute ungelöst. Am Ende müssen alle 27 Mitgliedstaaten einstimmig zustimmen.

„Wir sind so gespalten in diesem Land“, sagt ein Partygast, „aber darüber sind wir uns einig, und auch alle politischen Parteien: In die EU wollen wir.“

Politisch geteilt, mit Musik geeint

Was die Menschen in Montenegro hingegen spaltet, das hat der Mladić-Eklat gezeigt, ist die Frage nach Identität, nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Es ist eine große Frage, sagen Maya und Ognjen. Montenegriner, Serben, Bosniaken, Albaner, Kroaten … „Wir sind ein multikulturelles Land.“

Bei der Volkszählung 2023 bezeichneten sich 41 Prozent als Montenegriner, 33 Prozent als Serben, knapp 10 Prozent als Bosniaken und 5 Prozent als Albaner. Im Alltag funktioniere das gut, sagt Ognjen. Man dürfe nur nicht über Politik reden. „Mein Kindheitsfreund ist zum Beispiel Serbe, wir sind hier zusammen aufgewachsen. Aber bis heute meiden wir politische Themen.“

Miljan sagt, es sei ohnehin alles vermischt. Sein Vater sei Serbe, seine Mutter Bosniakin, er selbst Montenegriner. So ist es in den meisten Familien hier. Fast jeder hat Verwandte in Serbien.Auch die Sprache trennt nicht. Montenegrinisch, Serbisch, Bosnisch, Kroatisch: Man versteht sich mühelos. Im Hintergrund läuft das nächste serbische Lied. Auch darüber denkt hier niemand nach.

Das Problem beginnt dort, wo die Politik des Nachbarn eine andere Richtung einschlägt als die eigene. Serbien verhandelt zwar formal ebenfalls über einen EU-Beitritt, fährt aber einen Kurs, der Moskau nicht vor den Kopf stößt, die Sanktionen gegen Russland nicht mitträgt und seit Jahren unter Druck von Protesten gegen Korruption und Machtkonzentration steht. Montenegro dagegen hat die EU-Außenpolitik übernommen, ist seit 2017 Nato-Mitglied und will genau damit beweisen, dass es dazugehört.

Wir sind so gespalten in diesem Land, aber darüber sind wir uns einig: In die EU wollen wir

Partybesucher an der Technischen Uni in Podgorica

Jugend für Europa

Zwischen diesen beiden Kursen verläuft die Bruchlinie, die auch durch montenegrinische Familien geht. Ohne die Serbisch-Orthodoxe Kirche ist die nicht zu verstehen. Sie ist die mit Abstand größte Religionsgemeinschaft im Land. Eine eigene montenegrinische orthodoxe Kirche gibt es zwar, sie ist aber kanonisch nicht anerkannt. Wer in Montenegro orthodox ist, betet damit in aller Regel in einer Kirche, deren Sitz in Belgrad liegt.

David Vukićević sitzt an einem Tisch, auf den er sichtlich stolz ist. Ein eigenes Büro, gestellt von der Stadt, im Zentrum der Hauptstadt Podgorica. Der 24-Jährige ist Vorsitzender der MOACG, des Netzwerks für Aktivismus der Jugend Montenegros, gegründet 2021, finanziert überwiegend aus der EU und von der Stadt. Hier gibt es einen offenen Jugendklub, Workshops über Vorurteile, Medienkompetenz, Umweltschutz, den Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte.

Podgorica trägt 2028 den Titel Europäische Jugendhauptstadt, an der Bewerbung war auch MOACG beteiligt. Was junge Menschen bräuchten, sei Bildungs- und Beschäftigungspolitik, nicht einen Streit um Identität, sagt 

Vukićević, der Wirtschaft studiert und auch schon unterrichtet. Diese Laufbahn will er weiterverfolgen, Professor werden, jungen Menschen Perspektiven eröffnen. In die Politik will er nicht.

Er spricht fließend Deutsch, in der zehnten Klasse war er für einen Austausch in Stuttgart. „Manchmal glaube ich, den jungen Leuten in Deutschland geht es zu gut, deswegen haben sie nicht die Energie. Sie sind verunsichert, wenn Planungssicherheit wegfällt. Wir glauben hier daran, unser Land verbessern zu können.“ Und deswegen wolle er auch bleiben.

Die Spaltung sieht er durchaus: bei der Religion, beim Verhältnis zu Russland, beim Verhältnis zu Serbien, bei der Frage, ob dieses Land ein multikulturelles ist. Er selbst habe viele Verwandte in Serbien, sieht sich aber klar als Montenegriner.

Auch seine Organisation arbeitet auf den EU-Beitritt 2028 hin, auch er will sich nicht ausmalen, was passiert, wenn es nicht klappt. „Es klappt, seit so vielen Jahren arbeiten wir darauf hin“, lacht er.

Spaltung als politisches Kalkül

Draußen auf dem Campus, vor dem Studentenwohnheim, ist es ruhig. Nur eine Gitarre ist zu hören, Tadija singt und spielt „Layla“ von Eric Clapton. Er ist 23, geboren in Serbien, aufgewachsen in Bosnien, zum Studieren nach Montenegro gekommen. Eigentlich wollte er Schauspiel studieren, die Eltern haben es nicht erlaubt. Jetzt studiert er Entrepreneurship und Business und hofft trotzdem noch auf eine Schauspielkarriere. Mihailo neben ihm kommt aus dem Norden Montenegros.

In der Desetka haben die Partygäste darüber gestritten, ob es eine Rolle spielt, wer Serbe ist und wer Montenegriner. Hier draußen wollen die beiden davon nichts wissen. „Das ist eher ein Thema für die ältere Generation“, sagt Tadija. „Wir sind mit einem unabhängigen, multikulturellen Montenegro aufgewachsen, für uns ist das selbstverständlich.“

Als Montenegro sich am 21. Mai 2006 per Referendum von Serbien trennte, waren die, die heute hier studieren, im Kindergarten oder noch nicht einmal geboren. Das Land ist seit 20 Jahren unabhängig, die ethnische Spaltung liegt in der Vergangenheit. „Politiker versuchen zu spalten“, sagt Tadija. „Die Bevölkerung hat damit viel weniger ein Problem.“ Das politische Kalkül ist simpel: Solange über Herkunft gestritten wird, wird nicht über Korruption gestritten.

Verhandlungen als Motivation

In den vergangenen Jahren hat Montenegro die Korruption in Angriff genommen. Im Juni 2024 beschloss die Regierung eine Antikorruptionsstrategie bis 2028, im selben Jahr verabschiedete das Parlament ein Gesetz zur Korruptionsprävention, dazu kamen neue Regeln zur Parteienfinanzierung. Eineinhalb Jahre später arbeitet die zuständige Agentur für Korruptionsprävention mit etwa der Hälfte des vorgesehenen Personals, Verfahren gegen hochrangige Beschuldigte enden häufig mit Freisprüchen oder ziehen sich hin. Das Land bewegt sich im Ranking von Transparency International auf Platz 65, nur zwei Plätze hinter Kroatien.

NGOs kritisieren, dass Montenegro längst reif für die EU sei. Zumal andere Länder beim Beitritt auch nicht fertig gewesen seien: Spanien, Rumänien, Bulgarien, die baltischen Staaten. Der Beitritt sei kein Abschluss des Prozesses, sondern sein wirksamster Motor. Danach erst, unter dem Einfluss der Union, kämen die Veränderungen richtig in Gang.

Diese Kritik teilt der Staatspräsident. Jakov Milatović ist 39 Jahre alt, er hat in Podgorica und in Oxford Wirtschaft studiert, war Wirtschaftsminister und ist seit Mai 2023 im Amt. „Reformen lohnen sich, und europäische politische Kultur lohnt sich.“ Das sei die Botschaft, die Montenegro mit einem EU-Beitritt senden könne. Und: Man wolle ein Vorbild sein für einen multikulturellen Staat, der funktioniert.

Die größten Herausforderungen, bei denen Montenegro am weitesten von der EU entfernt sei, benennt er in vier Punkten: erstens ein wirksamer Kampf gegen Korruption und organisierte Kriminalität. Zweitens ein effektiveres Gerichtssystem: Verfahren müssten zu Ende gebracht werden. Bislang heben Berufungsgerichte Urteile immer wieder auf, Fälle beginnen von vorn, ein endgültiger Schuldspruch kommt selten zustande. Drittens die Infrastruktur, die Hauptstadt sei auf hohem Niveau, das Land dahinter nicht, dafür brauche es Mittel. Und viertens ökologische Standards.

Der frühere Ministerpräsident Dritan Abazović formuliert das Argument von der anderen Seite: Die EU brauche Montenegro als Erfolgsgeschichte. Zu lange sei nichts dergleichen passiert, zu lange habe Erweiterung nur nach Stillstand ausgesehen.

Die Brücke ins Morgen

Im Zentrum der Stadt spannt sich die Most Milenijum über die Morača. Eine Schrägseilbrücke, eröffnet am 13. Juli 2005, dem Nationalfeiertag und ein knappes Jahr vor der Unabhängigkeit. Sie wurde schnell zum Wahrzeichen der Hauptstadt: ein sichtbares Versprechen von Modernität und Anschluss an Europa.

Ein Taxi fährt vorbei. Aus den Lautsprechern dröhnt „Idem preko zemlje Srbije“ – „Ich ziehe durch das Land Serbien“. Ob sich das Versprechen der Brücke 2028 einlöst, ist offen. Viele hier glauben daran. Die Zustimmung zum Beitritt liegt seit Jahren zwischen 75 und 80 Prozent.



Für viele Montenegriner bedeutet der Beitritt auch die Sicherung der eigenen Souveränität. Es geht darum, das zu sichern, was man sich in 20 Jahren aufgebaut hat. Und wovon viele fürchten, dass man es in Belgrad noch immer für verhandelbar hält.

Die Musik in der Desetka ist lauter geworden, der Raum voller.„Wir haben das schönste Land“, ist Maya überzeugt. „Wir haben das Meer und die Berge. Und viel Sonne. Ich werde immer hierher zurückkommen, weil hier meine Familie ist.“ Und das nächste Lied erklingt.

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