Elif Eralp gewinnt Berlin-Wahl: „Eine von uns wird Bürgermeisterin!“
Zum ersten Mal hat unser Kolumnist in Deutschland gewählt. Seine Freude über das Wahlergebnis wird von den politischen und medialen Folgen getrübt.
Foto: Sebastian Gollnow/dpa
H err Präsident, ich habe ein Update für Sie: Ich durfte in Deutschland zum ersten Mal wählen. Und zum ersten Mal hat die Person gewonnen, der ich meine Stimme gegeben habe. Nach mehr als 15 Jahren, in denen meine Stimmen mit beeindruckender Konstanz an unterlegene Kandidaten gingen.
Vor zehn Jahren, als Ali Celikkan als junger Journalist aus der Türkei gerade in Berlin angekommen war, traf er Frank-Walter Steinmeier unerwartet im Parlament. Ganz beiläufig und ohne Kontext sagte er einen einzigen Satz zu ihm: „Keep me updated.“ Seitdem ist viel passiert. Diese Kolumne ist sein lang ersehntes Update, über all jenes, das er (als Bundespräsident) sonst verpasst. Alle Texte dieser Kolumne finden Sie hier.
Trotzdem muss ich sagen, dass das Wählen in Deutschland anders ist als in der Türkei. Ein zittriges X mit einem Kugelschreiber statt eines unumkehrbaren Stempels oder das Fehlen der Unterschrift, dass ich meinen Wahlzettel tatsächlich in die Urne geworfen habe, sei’s drum. Was ich nicht gesehen habe, waren Anspannung, Misstrauen und die völlig entgleiste Wut, wie ich sie von den Wahlorten in der Türkei kenne. All das sollte erst kommen, nachdem die Ergebnisse feststanden.
Vielleicht, Herr Präsident, denken Sie jetzt, dass ich mich in diesem Land noch immer nicht vollständig integriert habe. Doch die Geschichte, die mich vor dieser Wahl am meisten interessiert hat, war die Beteiligung der Türkischen Arbeiterpartei (TİP) am Wahlkampf der Linken. Gemeinsam zogen sie von Tür zu Tür und hörten sich die Probleme der Menschen an. Und wissen Sie, worum es dabei meistens ging? Nicht um Palästina oder Israel, sondern um steigende Mieten, Müll, den öffentlichen Nahverkehr und die hohen Lebenshaltungskosten.
Keine Überraschung und trotzdem Aufregung
Als die Wahlergebnisse bekannt gegeben wurden, ging ich aus Neugier zum Ballhaus Rixdorf am Kottbusser Damm, das inzwischen in manchen Medien fast schon als Hort von Clans und Terroristen gehandelt wird. Als die ersten Prognosen verkündet wurden, ging ein gewaltiger Jubel durch den Saal. Auf kurze Siegesreden folgte dünne Musik. Trotz der miserablen Akustik tanzten Migras zum dumpfen Saz-Klang Halay, während daneben Deutsche mit ihrer gewohnt unbeholfenen Körperkoordination mittanzten. Kurz darauf verließ ich den Ort, ohne dass etwas passierte.
Das Wahlergebnis hat mich nicht überrascht. Viele Menschen, mit denen ich in den vergangenen Monaten gesprochen hatte, wollten die Linke wählen. Es wurde mobilisiert, um Menschen, die bislang nie gewählt hatten, an die Urnen zu bringen. Selbst SPD-Familien in dritter Generation, deren Kinder vielleicht schon sehr jung „Willy Brandt ist unser Vater“ gehört hatten, wollten diesmal Elif Eralp wählen. Ich hoffe, Herr Präsident, dass Sie das nicht ärgert.
Am nächsten Tag herrschte unter Menschen mit türkischen Wurzeln eine ganz andere Aufregung: „Eine von uns wird Bürgermeisterin!“ Bisher hatten diese Menschen erfolglos versucht, sich mit einem gewissen Grünen zu identifizieren.
Offensichtlich wollen sich jetzt alle – nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Türkei – Elif Eralp als eine der Ihren aneignen. Je nachdem, wo man hinschaut, ist sie Türkin, Alevitin, Tscherkessin, Kurdin, Anatolierin, Migrantin oder Deutsche. Selbst Menschen, die sich sonst kaum für Politik interessieren, waren glücklich. Vielleicht einfach deshalb, weil sie sich seit langer Zeit zum ersten Mal über etwas freuen konnten.
Während man der Linken Clan- und Terrorismusverbindungen vorwarf, haben Sie in Hattingen gemeinsam mit Jugendlichen Kartoffeln geschält. Ehrlich gesagt war mir die Meldung darüber lieber als die, die in den vergangenen Tagen die deutschen Medien dominierten. Wenn Begriffe wie „Terrorunterstützer“ benutzt werden, um politische Parteien zu diskreditieren, muss ich unweigerlich an die Türkei der AKP denken.
Halb im Scherz frage ich mich, ob als Nächstes – wie es in der AKP-Türkei wäre – die Immunität aufgehoben und das Mandat entzogen wird. Am nächsten Morgen lese ich, dass eine ehemalige Polizistin von den Grünen etwas Ähnliches fordert: Die Linke solle einen Abgeordneten aus der Fraktion ausschließen und er sein Mandat abgeben.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, dass eine ehemalige Polizistin von den Grünen die Aufhebung der Immunität und den Entzug des Mandates gefordert hätte. Das ist falsch. Die entsprechende Stelle wurde korrigiert.
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