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Korrigierte Wirtschaftsprognose Nur eine Momentaufnahme

Simon Poelchau

Kommentar von

Simon Poelchau

Öko­no­m*in­nen heben ihre Wirtschaftsprognosen an. Trotzdem fordern Neoliberale unter ihnen, an den geplanten Reformen festzuhalten.

N ever waste a good crisis“ – „Verschwende nie eine gute Krise“ heißt ein beliebter Spruch unter Ökonom*innen. Nur so lässt sich erklären, warum neoliberale Ökonom*innen, Lob­by­is­t*in­nen und die Bundesregierung an den geplanten Sozialstaatsreformen festhalten. Schließlich soll damit die angeblich strauchelnde Wirtschaft wieder fit gemacht werden. Nur zu dumm, dass jetzt alle Öko­no­m*in­nen ihre Wirtschaftsprognosen kräftig anheben.

Den aktuellen Prognosen fünf führender Wirtschaftsinstitute zufolge soll das BIP dieses Jahr um 1,3 Prozent wachsen. Das ist ganz ordentlich und mehr als doppelt so viel, wie die Institute noch im Frühjahr annahmen. Das liegt vor allem an der überraschend guten Entwicklung bei den Exporten sowie an der Industrie. Dies passt so gar nicht ins Bild von der angeblichen Industriekrise und den angeblich zu hohen Arbeitskosten, die die deutsche Wettbewerbsfähigkeit zu Grabe tragen würden. Trotzdem mahnen die Institute in ihrer Prognose Strukturreformen an.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Die derzeit guten Konjunkturprognosen sind nur eine Momentaufnahme. Mit der Autobranche steckt der wichtigste hiesige Industriezweig in einer handfesten Krise. In diesem Jahrzehnt ist die Wirtschaft bisher kaum gewachsen. Das spüren die Menschen in ihrem Geldbeutel, steigende Spritpreise machen die Lage nur noch schlimmer. Jetzt müssen sie auch noch um ihre Arbeitsplätze bangen.

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Doch verunsichern immer neue soziale Einschnitte die Menschen zusätzlich. Und das wirkt sich auf die Wirtschaft aus. Laut einer Umfrage des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung schränken bereits 42 Prozent der Befragten ihren Konsum ein. Wer die Rente zukunftsfit machen will, muss also mehr Zuwanderung zulassen und die Erwerbsbeteiligung von Frauen fördern und nicht die Rente mit 63 abschaffen. Und wer die Industrie wieder fit machen will, muss sie gezielt bei der Transformation unterstützen, statt die Lohnkosten zu drücken.

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Simon Poelchau

Simon Poelchau Redakteur

ist für Ökonomie im taz-Ressort Wirtschaft und Umwelt zuständig.
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2 Kommentare

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  • Arne Babenhauserheide

    Und wieder überrascht von der "überraschend guten Entwicklung". Wie die letzten Jahre auch immer wieder.

    Vielleicht sollten wir Doomsayern nicht so viel glauben.

    Da wundert es mich nicht, dass die Mehrheit der Deutschen denkt, unsere Wirtschaft würde absteigen, obwohl ihre eigene Situation stabil ist.

    Belegt durch die Forschungsgruppe Wahlen:

    - Erwartete Wirtschaftliche Entwicklung: www.forschungsgrup...ziales/#WirtschEnt

    - Beschreibung der eigenen Situation: www.forschungsgrup...nd_Soziales/#WLEig

  • Astrid Sehnefeld

    Natürlich müssen dringend weitreichende und scharfe Reformen durchgeführt werden.



    Wohin wird die Prognose denn gehoben? Auf 1,3%.



    Und wo liegt die Inflationsrate 2026? Bei 2,8 bis 2,9%.



    Ergo haben wir immer noch eine reale Rezession, weil das Wachstum kleiner ist als die Inflation.



    Und das seit Jahren!



    Nur weil das nominale Wirtschaftswachstum nun etwas besser ausfallen soll, ist die Krise noch lange nicht beendet - ja selbst ein Ende der Krise ist deshalb noch nicht absehbar, denn die Prognose des Wirtschaftswachstum beschäftigt sich einzig mit der Zunahme der Wirtschaftsleistung (BIP), ohne die Inflation zu berücksichtigen - und die könnte wieder mächtig anziehen, wenn die hohen Ölpreise auf Lebensmittel und Heizung im Winter voll durchschlagen...