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Charisma in Krisenzeiten Wie man die Massen gewinnt

Tobias Bachmann

Essay von

Tobias Bachmann

Elif Eralp und Ulrich Siegmund sind grundverschieden. Ihre jüngsten Erfolge hatten aber eine gleiche Zutat: Charisma. Was wir daraus für die Zukunft lernen können.

E lif Eralp war vor etwas mehr als einem Jahr noch eine kaum sichtbare Fachpolitikerin, in Berlin und darüber hinaus weitgehend unbekannt. Jetzt hat sie plötzlich beste Karten, erste linke Regierende Bürgermeisterin der Bundeshauptstadt zu werden.

Und Ulrich Siegmund, Gewinner der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, kannten vor nicht allzu langer Zeit nur ausgewiesene Ex­per­t*in­nen der radikalen Rechten. Jetzt könnte der AfDler Sachsen-Anhalts erster Ministerpräsident werden.

Eralp und Siegmund sind grundverschieden. Links und rechts sind nicht zwei gleichermaßen problematische Ränder einer vermeintlich neutralen Mitte. Die Hufeisentheorie ist Bullshit. Eralps und Siegmunds Erfolge haben jedoch eine gleiche Zutat und die sollte kennen, wer sich um die Zukunft sorgt.

Sie heißt: Charisma. Der Apostel Paulus hielt sie einst für ein Gottesgeschenk, das allen wahrhaft Gläubigen zuteilwird. Gnadengabe lautet das aus dem Altgriechischen stammende Wort übersetzt. Heute, in unserer halbwegs aufgeklärten Welt, gilt Charisma gemeinhin nicht mehr als himmlische Gabe. Sondern als etwas, das man zu großen Teilen trainieren kann.

Von Jürgen Klopp bis Taylor Swift

Der Schweizer Ökonom John Antonakis etwa sagt, charismatisch wirkenden Menschen gelänge es, Nähe zu ihren Mitmenschen herzustellen, sie emotional zu berühren und sie glaubhaft für ihre Werte und Visionen zu begeistern. Dafür benutzten sie bestimmte Techniken: das Sprechen in kontrastreichen Bildern oder das Erzählen persönlicher Anekdoten. Das hat er in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen.

Eralp und Siegmund, sie könnten ein Seminar bei Antonakis absolviert haben. Will Elif Eralp in Interviews die Probleme am Berliner Wohnungsmarkt erklären, erzählt sie etwa von der „Alleinerziehenden, die an der Supermarktkasse stand mit drei Kindern und deren Einkauf wegen einer Mieterhöhung nicht mehr abgebucht werden konnte“.

Ulrich Siegmund unterscheidet in Youtube-Videos gerne zwischen jenen, „die Deutschland lieben“ und denen, „die Deutschland hassen“. Oder erzählt davon, dass ihm besonders morgens in deutschen Städten Menschen begegneten, die schlecht Deutsch sprächen. „Weil diejenigen, die fleißig sind, da nicht unterwegs sind.“

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Charisma Menschen individuell zugeschrieben, als wäre es eine persönliche, wenn auch womöglich antrainierte Eigenschaft. Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp: „Was für ein charismatischer Typ!“, Taylor Swift: „Wow, how charismatic!“ Für die politische Analyse taugen solche Zuschreibungen wenig bis gar nichts.

Wie kollektive Wirkmacht wächst

Charisma hat aber noch eine weitere Bedeutung. Diese wiederum kann uns sehr wohl helfen, die politischen Probleme unserer Zeit besser zu verstehen. Und Lösungen dafür zu entwickeln. In der Soziologie beschreibt Charisma eine soziale Beziehung, ein Band zwischen führenden Akteuren und ihrer Gefolgschaft. Dieses Verständnis geht auf Max Weber zurück. Er begriff Charisma allerdings vor allem als affektives Herrschaftsverhältnis von Befehl und Gehorsam.

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Der Soziologe Max Lill hat dazu geforscht. Er sagt, Charisma entstehe wechselseitig und keineswegs nur durch irrationale Unterwerfung. Die Anhängerschaft sichere jenen Akteuren ihre Unterstützung zu, von denen sie überzeugt ist und sich repräsentiert fühlt. Die Repräsentanz wiederum greife die Erfahrungen, Emotionen und Ansprüche ihrer An­hän­ge­r*in­nen auf, verdichte sie in sich, verkörpere sie leidenschaftlich in ihrer Sprache, ihren Gesten. Und verleihe diesen so öffentlichen Ausdruck. Für die Anhängerschaft wirke das aktivierend, mobilisierend. Das befeuere die kollektive Wirkmacht.

Elif Eralp und die Berliner Linkspartei wurden nicht einfach so von Hunderttausenden Ber­li­ne­r*in­nen gewählt. Unzählige Freiwillige haben im Wahlkampf an eine viertel Million Haustüren geklopft. Haben mit Menschen gesprochen, auch mit vielen, die politisch ganz anders tickten, und versucht, sie von der Linken zu überzeugen.

Auch in Sachsen-Anhalt haben Hunderttausende Menschen Ulrich Siegmund und der AfD nicht einfach so ihre Stimmen gegeben. Die AfD hatte zuvor in zahlreichen sachsen-anhaltinischen Kleinstädten sogenannte Familienfeste veranstaltet. Manche ihrer Hel­fe­r*in­nen sind extra aus anderen Bundesländern angereist, um Hüpfburgen aufzubauen und am Grill Bratwürste zu drehen.

„Exemplarisches Charisma“, so nennt Lill diese Beziehung in Anlehnung an Webers späte Religionsstudien. Ausgangspunkt dafür seien in der Geschichte häufig Momente gewesen, „in denen Außenseiter bestimmte Stigmata umwerteten und gegen den Status Quo wendeten.“ Greta Thunberg etwa verkörperte 2019 eine globale, ums Klima besorgte, verzweifelte Jugend exemplarisch. Martin Luther King war der charismatische Repräsentant der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA.

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Ulrich Siegmund steht heute für „das einfache Volk“ in Ostdeutschland. Elif Eralp für die postmigrantische, kosmopolitische und zur Miete wohnende Multitude Berlins.

Wenn die Mitte zur Sackgasse wird

Hier wird deutlich: Welche spezifischen Eigenschaften und Handlungen einer Person charismatische Wirkung entfalten, hängt von ihrer Zielgruppe ab. Ob Repräsentanz und Gefolgschaft schließlich zusammenfinden, ist eine Frage der Inszenierung, der Ressourcen – und vor allem auch der Umstände. Besonders in Krisenzeiten könne exemplarisches Charisma gut geknüpft werden, sagt Lill. „Tragen Menschen eine grundlegende Unzufriedenheit in sich, sind sie offener für Angebote, die ihre Ängste, Wünsche und Sehnsüchte adressieren – und den richtigen Ton treffen.“

Die Krise ist heute Alltag. Wer vor den zurückliegenden Wahlen grundlegender Unzufriedenheit in der Gesellschaft nachspüren wollte, der brauchte sich nur in Halle-Neustadt oder Berlin-Neukölln umzuhören. „So, wie es ist, kann es nicht bleiben!“ – sinngemäß formulierten AfD-Wähler*innen das vor allem migrations- und wirtschaftspolitisch. Und Wäh­le­r*in­nen der Linkspartei besonders mit Blick auf explodierende Mieten und Sozialkürzungen.

Grundlegende Unzufriedenheit: Das Gefühl ist ein Ausdruck gescheiterter Politik der „Mitte“. Und das gleich in mehrfachem Sinn. Wirtschafts- und vor allem migrationspolitisch haben sich die selbsterklärten Mitteparteien in eine Sackgasse manövriert. Lange haben sie – allen voran die Union, in der Hoffnung, so den Rechtsextremen Stimmen streitig zu machen – auf eine negative Stimmung eingezahlt, die ihnen jetzt zum Verhängnis wird: die Lösungen, die sie auf die eigens mitkonstruierten Probleme anbieten, können das damit verbundene schlechte Gefühl nicht mehr nachhaltig wenden. Umstrittene Grenzkontrollen, GEAS-Reform, all das hilft nicht mehr gegen die neue deutsche Nichtwillkommenskultur.

Tragen Menschen eine grundlegende Unzufriedenheit in sich, sind sie offener für Angebote, die ihre Ängste, Wünsche und Sehnsüchte adressieren

Max Lill, Soziologe

Mieten- und sozialpolitisch steckt die Mitte in einer ideologischen Sackgasse. Wollte sie die Unzufriedenheit einhegen, die angesichts steigender Lebenshaltungskosten und schrumpfender Aufstiegschancen immer tiefer in die Gesellschaft einsickert, müsste sie mit ihrer neoliberalen Programmatik brechen. Ihr Versprechen, wenn man jetzt ein wenig kürze, mache man den Sozialstaat zukunftsfest, zieht immer weniger.

Immer mehr Sogwirkung hingegen erzeugt eine glaubwürdig vermittelte Aufbruchstimmung. Das Gegengift zur lähmenden Zukunftsangst. „Ab heute verändern wir unser Berlin und machen es zu einem besseren Ort – alle zusammen!“, rief Elif Eralp bei ihrer ersten Ansprache an ihre Anhängerschaft am Wahlabend ins Mikrofon. In Sachsen-Anhalt kündigte Ulrich Siegmund vor der Wahl immer wieder an: „Wir schreiben Geschichte.“ Seine Partei gab sich ein passendes, neues Motto: „Alles ist möglich.“

Für ein radikal progressives Zukunftsprojekt

In radikalen Angeboten, sagt Lill, sei „ein Versprechen auf ein substanziell besseres Leben spürbar. Ob als Illusion oder wirkliche Perspektive“. Das könne Menschen charismatisch ergreifen und magnetisch auf sie wirken. Ohnmachts- oder Entfremdungsgefühle, die sie zuvor noch plagten, könnten sich dann wandeln in einen Glauben daran, dass alles auch ganz anders sein könnte. Und dass sie daran mitwirken, ja, Geschichte schreiben können.

In den 1930er-Jahren formierten sich die Nazis als charismatisches Massenprojekt mit Adolf Hitler an der Spitze, der Erlösung versprach. Bis 1945 ermordeten sie Millionen von Menschen. Heute ist mit der AfD eine neue nationalrevolutionäre, in Teilen faschistische Bewegung auf dem Vormarsch. Um sie aufzuhalten, sagte die Publizistin Carolin Amlinger kürzlich im taz-Interview, brauche es eine soziale Erneuerung der Demokratie: Ausbau des Sozialstaats und der öffentlichen Infrastruktur, bessere Chancen für alle, finanziert vor allem über höhere Steuern für die obersten Einkommen, Erbschaften und Vermögen.

Das sind ein paar der essenziellen Zutaten für ein radikal progressives Zukunftsprojekt. Wie sich dafür charismatisch Mehrheiten mobilisieren lassen, hat die Linkspartei in Berlin beeindruckend vorgemacht. Die Tage danach offenbaren, dass dann Herausforderungen warten, innere wie äußere. Widerständen trotzen, aus Kritik lernen. Und dann: liefern.

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Tobias Bachmann

Tobias Bachmann wochentaz-Politikredakteur

Geboren kurz vor dem Mauerfall in Sachsen-Anhalt. Über einige Umwege zum Schreiben gekommen. Besonders interessiert an sozialen Bewegungen, gesellschaftlichem Wandel, Protest, Migration und Flucht. Studiert einen Mix aus Ökologie, Ressourcenökonomie, Politikwissenschaften und kritischer Theorie in Berlin. Hat bei der taz volontiert.
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