: Ist es eine gute Idee, Olympia nach Deutschland zu holen?
Mit München möchte sich Deutschland für die Olympischen Spiele bewerben – für 2036, 2040 oder 2044. Das erzeugt nicht nur Euphorie, sondern weckt vor allem Erinnerungen an die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte
Ist das eine Athletin? Eine echte Olympionikin gar? Aller Augen in dem Pariser Straßencafé sind auf eine junge Frau im Trainingsanzug gerichtet, die gerade über die Straße läuft. Sie trägt eine riesige Tasche über der Schulter und ein Paddel. Um ihren Hals hängt eine Zugangsberechtigung des Internationalen Olympischen Komitees für die Spiele in Paris. Es ist Sommer 2024. Wer genau hinschaut, kann erkennen, dass es sich um eine Athletinnenakkreditierung handelt.
Bald wird sie angesprochen. Sie posiert für Selfies. Fans? Eher nicht. Die nigerianische Kanutin, die am Tag zuvor im B-Finale über 200 Meter im Zweierkanadier Platz fünf erreicht hat, wird hier, irgendwo mitten in Paris, niemand gekannt haben. Aber wann begegnet man schon einmal einer echten Olympionikin einfach so? Also nichts wie hin auf einen Smalltalk und ein Selfie!
Am selben Abend hat sich irgendwo anders in der Stadt eine große Gruppe Menschen vor einem Lokal versammelt, um das Finale des olympischen Boxturniers der Frauen in der Gewichtsklasse bis 66 Kilo zu verfolgen. Die Freischankfläche ist mit algerischen Fahnen geschmückt. Bis weit in die Nacht hinein schallen die Jubelgesänge vom Café durch das ganze Viertel. Imane Khelif, die Boxerin, der zwei Wochen lang von notorischen Kulturkämpfern das Frausein abgesprochen worden war, hatte Gold gewonnen. Party!
Im vergangenen Februar steht ein Ehepaar im besten Alter im dichten Schneegestöber am Fuße der riesigen Big-Air-Schanze im sogenannten Funpark von Livigno in den italienischen Alpen. Sie halten eine ukrainische Fahne in die Höhe. Gleich geht ihre Tochter im olympischen Finale von der Schanze. Die Eltern der Ski-Freestylerin Kateryna Kotsar waren zwei Tage mit dem Auto unterwegs, bis sie hier waren. Gut 2.000 Kilometer sind sie von Kyjiw bis nach Livigno gefahren, um ihre Kateryna anzufeuern. Für ein paar Tage müssen sie nicht in ihrer Wohnung frieren, werden nachts nicht von Alarmsirenen geweckt. Für alle, die sie nach ihrer Geschichte fragen, packen sie die paar Brocken Englisch aus, die sie beherrschen. Faszinierend. Wer Olympia ausrichtet, der holt sich die Welt in die Stadt.
Nicht die Sportveranstaltungen allein, nicht nur die faszinierenden Bilder von Athletinnen und Athleten, die ihre Körper auf die unterschiedlichsten Arten auf einzigartige Weise beherrschen, sind es, die Olympische Spiele zu etwas ganz Besonderem machen. Zwei Wochen lang können sich Menschen aus aller Welt so nahe kommen wie sonst nie. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist ein intransparenter Verein, der Gastgeberstädte wie Zitronen auspresst. Das Geschäft mit den Spielen treibt die Preise an den olympischen Orten in die Höhe. Und auch den Wettbewerb der Staaten, die mit den Sporterfolgen ihrer Athletinnen und Athleten Überlegenheit demonstrieren wollen, ist oft alles andere als gesunder Patriotismus. Aber bei allen Spielen gibt es eben auch diese ganz besonderen olympischen Begegnungen, die man in diesen kriegerischen Zeiten gar nicht hoch genug schätzen kann. Olympia ist ein hässliches Gebilde und kann doch so schön sein.Andreas Rüttenauer
Was für eine wahnwitzige Idee: Da wollte sich Berlin tatsächlich exakt 100 Jahre nach den geschichtsträchtigen Spielen in der Reichshauptstadt unter der Hakenkreuzflagge auf die Spiele 2036 bewerben. Hatte die Berliner CDU mit Kai Wegner und Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) im Geschichtsunterricht geschlafen? Oder ist das Kalkül? In der internationalen Sportgeschichte richtete Deutschland nur zwei Mal Olympia aus – 1936 in Berlin und 1972 in München. Beide Großevents hinterließen tiefe Spuren. Während 1972 die Spiele in der bayerischen Landeshauptstadt von dem mörderischen Attentat auf die israelische Mannschaft überschattet wurden, nutzten die Nationalsozialisten unter Hitler den internationalen Wettkampf als perfide Propagandamaschinerie.
Reichspropagandaminister Joseph Goebbels rief die Parole aus: „Olympia – eine nationale Aufgabe“, Leni Riefenstahl drehte während der Austragungen den zweiteiligen Propagandafilm „Olympia“, der zu den bekanntesten ideologischen Werken des Nationalsozialismus gehört. Ziel der Spiele 1936 war es, der Welt ein positives Bild vom Deutschen Reich zu vermitteln und die Schmach des Ersten Weltkrieges hinter sich zu lassen. Und es sollte dem „deutschen Volk“ mehr Selbstbewusstsein und Stolz für ihr Land eingeimpft werden. Beides gelang nur allzu gut: Die internationale Presse lobte die gute Organisation, während zeitgleich (im Sommer 1936) nur 40 Kilometer entfernt das Konzentrationslager Sachsenhausen entstand.
Erfinder der modernen Olympischen Spiele und maßgeblicher Begründer des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), der Franzose Pierre de Coubertin, war im Übrigen ein ausgesprochener Sexist, der sich bis zu seinem Tod 1937 vehement gegen die Teilnahme von Frauen an Olympia aussprach. Coubertin behauptete: „Die modernen Spiele repräsentieren die Glorifizierung männlichen Athletismus …“. 1936 wegen seiner Sturheit mittellos geworden, erhielt er von Hitler eine Ehrengabe von 10.000 Reichsmark.
Es ist höchste Zeit dieses veraltete und heute von kapitalistischen Interessen getriebene Konzept der Olympischen Spiele aufzubrechen. Braucht es in Zeiten der internationalen Vernetzung wirklich noch einen sportlichen Kampf der Nationen? Oder hilft nicht ein Blick auf die Gay Games beziehungsweise Euro Games, den internationalen sportlichen Wettkämpfen der queeren Community, bei denen es nicht um die Herkunft der Teilnehmer:innen geht, sondern um den sportlichen Ehrgeiz.
Für Berlins (noch) Regierenden Bürgermeister Kai Wegener war es in der vergangenen Woche ein „trauriger Tag“, als er verkünden musste, dass Berlin seine Kandidatur für die Ausrichtung der Spiele zurückzieht. Für alle, die im Geschichtsunterricht aufgepasst haben, ist es ein Aufatmen.
Und was sagen eigentlich Jüdinnen und Juden in diesem Land zu der Diskussion? Bisher jedenfalls brachten die Spiele in Deutschland für sie nichts Positives. Während die bundesweite CDU die Berliner Linkspartei als Extremisten und Antisemiten beschimpft, agiert sie selbst geschichtsvergessen und mit einer gefährlichen Portion Nationalstolz. Dana Müller
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen