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Medienberichte über die Linkspartei Tagesspiegel scheitert an Selbstreflexion

Timm Kühn

Kommentar von

Timm Kühn

Leitende Redakteure des Tagesspiegels wollen in einem Pocast ihre Linkspartei-Berichterstattung überdenken. Ist die zu hart oder faktisch falsch?

E s war schon eine bemerkenswerte Ausgabe des „High Noon“-Talks des Tagesspiegels, einem Live-Podcast der Zeitung, der am Donnerstag stattfand. Angekündigt war eine Selbstreflexion über die Berichterstattung zum Wahlsieg der Linken in Berlin. Man habe dazu „sehr viele Zuschriften und Leserkommentare“ erhalten, hieß es in einer Einladung, auch redaktionsintern werde „fast täglich“ diskutiert, ob man mit der Linken zu hart ins Gericht gehe. Das ließ aufhorchen: Eine Zeitung, die ihre eigene Praxis öffentlich reflektiert – das gibt es nicht häufig.

Was dann aber der Chefredakteur Christian Tretbar, die stellvertretende Chefredakteurin Anke Myrrhe und der Leiter des landespolitischen Büros, Christian Latz, ablieferten, hatte wenig mit einer selbstkritischen, kontroversen Diskussion zu tun: Eine Stunde rissen sie Kritikpunkte an, um sich dann gegenseitig darin zu bestärken, dass an diesen nichts, aber auch gar nichts dran sei. Abwechselnd gab man sich das Wort unter dem Hinweis, dass man dieses „absolut teile“ und bei jenem „vollständig zustimme“ – das wurde schnell langweilig.

Dabei gebe es viel zu reflektieren. In den vergangenen Tagen haben sich, auch im Tagesspiegel, die Wortmeldungen längst nicht nur links eingestellter Jü­d:in­nen gehäuft, die sich von der Debatte über Antisemitismus in der Linken instrumentalisiert fühlen. Und zwar oft nicht, weil sie keine Probleme bei der Linken sehen. Sondern unter anderem wegen der Befürchtung, dass die Mehrheitsgesellschaft den Antisemitismus als ausschließlich linkes Problem behandelt, statt auch auf sich selbst zu schauen. Oder, dass mit Verweis auf den Antisemitismus ein politisches Projekt verhindert werden soll, das die Vergesellschaftung von Immobilienkonzernen anstrebt.

Und doch wollte niemand in der Runde etwas Problematisches zum Beispiel an dem Satz der stellvertretenden Chefredakteurin Myrrhe sehen, Linken-Wähler:innen hätten sich offenbar gedacht: „Was kümmert uns der Judenhass? Wir suchen schließlich eine Wohnung.“ Das sei vielleicht „sehr zugespitzt und hart“ gewesen, gab Myrrhe zu – aber nur, um von Tretbar unterbrochen zu werden, der sagte, es sei doch „faktisch nicht falsch“ gewesen. In der Folge stellte Myrrhe den Vorwurf der Aufbauschung in eine Reihe mit dem Gerede von der „Lügenpresse“.

Mutmaßungen statt Fakten

Von Zurückrudern also keine Spur – im Gegenteil. Die Linke habe den Antisemitismus „strategisch laufen lassen, um den Stimmanteil zu erhöhen“, mutmaßte Tretbar. Mit Blick auf die Chats des Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak zu Figuren der organisierten Kriminalität sagte Latz, man habe sich „verkauft an diese Leute“. Ohne Faktenbasis mutmaßte Myrrhe, ob Koçak Informationen aus dem Innenausschuss des Bundestags an Clans weitergegeben haben könnte. Wiederholt wurde darauf hingewiesen, dass „aus Berlin der Holocaust geplant und organisiert wurde“, was mit einer besonderen Verantwortung einherginge – womit insinuiert wurde, dass die Linkspartei diese Lehren infrage stellt.

Von einer Kampagne, da waren sich alle einig, könne aber keine Rede sein. Eine solche sei schließlich „eine gesteuerte Aktion mit Ziel“. Politische Ziele verfolge der Tagesspiegel aber nicht. Denn es gehe nur darum, so Myrrhe, „ein transparentes Bild“ zu schaffen. Man sei „weder dazu da, Politiker zu stürzen noch zu stützen“, sagte sie – und formulierte damit mustergültig das journalistische Idealbild einer unideologischen Arbeitsweise.

Ein Schlussteil des Gesprächs über die Wirtschaftsfeindlichkeit der Linken ließ dann aber doch noch die ein oder andere Meinung durchblicken. „Berlin lebt von internationalen Investoren“, sagte da Tretbar, doch die Linke wolle nur „enteignen“ und bremse „überall dort, wo wirtschaftliches Wachstum entsteht“.

Als Beispiel nannte er unter anderem die geplante Luxusvillensteuer „für alle, die vielleicht ein größeres Haus im Grunewald haben“. Es sei ja auch eine „gewisse Einschränkung von Vielfalt“, dass es den Linken beim Wohnungsbau vor allem um bezahlbare Wohnungen, bereitgestellt von den Landeseigenen, ginge. „Es gibt Leute, die wollen sich was anderes leisten und können das auch“, beschwerte er sich.

Vielleicht ist das Problem mit politischen Meinungen im Journalismus ja dieses: Nur wenn man weiß, dass man sie hat, kann man vernünftig reflektieren, ob die eigene Berichterstattung noch den Fakten entspricht. Der Tagesspiegel hat diese Chance verpasst. Schade.

Timm Kühn

Timm Kühn Redakteur

Timm Kühn ist Redakteur für soziale Bewegungen im Inland und in Berlin. Für die taz schreibt er seit 2021 über Klima, Kapitalismus und kleine Risse im großen Ganzen. Hat auch mal Politische Theorie studiert.
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5 Kommentare

  • Christiane Link

    Endlich mal einer der sagt wie es ist. Ich nur der Tagesspiegel auch rbb hacken m.M.anlasslos ständig auf die Linken ein.



    GUTER Journa,ismus ist anders

  • Sikasuu

    Vielleicht ist das Problem mit politischen Meinungen im Journalismus ja dieses: Nur wenn man weiß, dass man sie hat, kann man vernünftig reflektieren, ob die eigene Berichterstattung noch den Fakten entspricht. Der Tagesspiegel hat diese Chance verpasst. Schade.



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    Ist schon komisch, wenn Journalisten eines Printmediums in "Privatbesitz" sich öffentlich HINSTELLEN & behaupten:



    "Wir haben keine Tendenz!"



    MWn. wird im 1. Semester "Journalistenausbildung" genau DAS Gegenteil gelehrt!



    In privaten Medien vertritt die Redaktion die Tendenz des "Eigentümers", das kann ein Einzelner nicht abstellen.



    In ÖRR hat jeder Einzelne seine private, oft nicht veränderbare & unbewusste "Tendenz"!



    Da entsteht durch "Vielfalt" der Beschäftigten das , was wir "Ausgewogenheit" nennen können"!



    Btw. "„Der Reporter hat keine Tendenz, hat nicht zu rechtfertigen und hat keinen Standpunkt. Er hat unbefangen Zeuge zu sein und unbefangene Zeugenschaft zu liefern.“(c) e.e.k



    Wer als "Journalist" diesen "Spruch" unseres großen Kollegen ernst nimmt, das scheint der Tagesspiegel zu tun, sollte noch einmal "ganz von vorn im Volontariat anfangen!"



    Das war & ist reine/r Ironie/Sarkasmus! :-)

  • Klempschwester

    Tja, die FAZ hat sich damals auch gegen Brosius-Gersdorf gemein gemacht. Am Ende geht es den selbsternannt "Bürgerlichen" halt doch in erster Linie um ihren Selbsterhalt und nicht um das Wohl der Allgemeinheit.

  • Erwin1.

    Ich bin Berliner Jude und Nachfahre von Shoaüberlebenden. Ich bin einer, der regelmäßig diese Berichterstattung im Tagesspiegel kommentiert und negativ kritisiert hat. Für mich war das Frappierenste in diesem Kontext, der offensichtlich Missbrauch von Anti-Antisemitismus. Der Kotau vor der CDU, die in Heidenau, Sachsen zusammen mit der afd einen antisemitischen parlamentarischen Beschluss gefasst hat und die Erinnerung des Allerschrecklichsten aus dem Stadtbild verbannt hat.



    Es gab einen Artikel darüber, der berichtete, dass Jüdinnen und Juden Kritik geäußert haben, aber nicht einen Kommentar. Gleichzeitig etliche Kommentare, Artikel und einen Life-Ticker zur Linken.

    In etlichen Kommentaren, im Leser*Innen im Chat, würde es auch thematisiert!

    Ich empfinde diese mediale und parteipolitische Kampagne als beängstigend und es wirkt wie Trumpismus light.

    So wie hier:

    www.timesofisrael....ntisemitism-issue/

    • Hank

      @Erwin1.:

      Sehe ich ähnlich. Ich habe den TS lange und wirklich gern gelesen und dort auch fleißig unter dem Namen Diogenes mitkommentiert. Inzwischen tue ich beides praktisch gar nicht mehr.

      Irgendwann macht es einfach keinen Spaß mehr, bei der Lektüre ständig das Narrativ mitdenken zu müssen, das insbesondere bei der Berichterstattung über die Linke erkennbar wird. Aus allen Rohren wird gegen sie gefeuert, während man das offenbar selbst als vollkommen neutrale, rein sachliche Kritik versteht.

      Natürlich muss ich den TS nicht lesen und inzwischen tue ich es eben auch nicht mehr. Schade finde ich es trotzdem, denn diese Art der Berichterstattung hat für mein Empfinden inzwischen sehr unschöne Formen angenommen.

      Umso treffender finde ich den Gedanken dieses Artikels. Vielleicht fällt Selbstreflexion gerade deshalb so schwer, weil man die eigene politische Perspektive gar nicht als solche wahrnimmt, sondern sich selbst für politisch neutral hält. Ich glaube, genau da liegt der Knackpunkt.