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Frank S. und CornellWarum interessieren wir uns für Jane Doe?

57 Männer wissen an der US-Eliteuniversität Cornell, dass eine Frau vergewaltigt wird, keiner hilft. Und in Deutschland? Wird auch gern weggeschaut.

A ls ich im Urlaub Instagram öffne, lese ich einen Satz immer wieder: „I am Jane Doe.“ Mehrheitlich Frauen erzählen, wie sie sexualisierte Gewalt erlebt haben. Ihre Posts sind eine Solidaritätsbekundung mit einer US-amerikanischen Studentin, deren Namen der Öffentlichkeit nicht bekannt ist. Deren Geschichte in den vergangenen Wochen aber um die Welt gegangen ist.

2024 soll die damals 20-Jährige an der Eliteuniversität Cornell von sieben Studenten der Verbindung „Chi Phi“ vergewaltigt worden sein. Jane Doe soll leicht angetrunken in das Verbindungshaus gekommen sein, dort hätten Männer sie gedrängt mehr zu trinken und Drogen zu nehmen, um sie dann im nicht mehr klaren Zustand über sieben Stunden hinweg zu vergewaltigen. So schildert die Frau es in der Anklageschrift. Die Männer streiten die Vorwürfe ab. Im Netz verbreiten sich Screenshots des Gruppenchats von „Chi Phi“. Einer schrieb: „free pussy“. Eine Einladung die Frau zu vergewaltigen.

In dem Gruppenchat waren 57 Männer, keiner ist der Frau zur Hilfe gekommen. Als das Opfer sich im Nachhinein an die Uni wandte, bekam sie auch da keine Hilfe. Es sind die Details, die verstören. Obwohl ich mich im Urlaub eigentlich mit schönen Dingen beschäftigen möchte, lese ich Dutzende Texte über den Fall, teile Posts bei Instagram, die sich mit der Frau solidarisieren und das Verhalten der Männer und der Universität skandalisieren. Doch je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr frage ich mich: Wieso bewegt uns die Geschichte von Jane Doe so sehr, während uns die Realität hierzulande oft erschreckend kalt lässt?

Selbstverständlich ist es erst einmal etwas Gutes, dass wir trotz der Häufigkeit nicht abgestumpft sind und weiter Mitgefühl und Wut empfinden. Doch es ist schon auffällig, dass wir uns oft nur dann mit sexualisierter Gewalt beschäftigen, wenn sie weit weg passiert.

Der größte Missbrauchsprozess Berlins

Ein Fall, der hierzulande viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt, wird aktuell in Berlin verhandelt. Frank S. wird vorgeworfen, verschiedene Frauen in seiner Wohnung betäubt und vergewaltigt zu haben, Videos davon soll er im Netz verbreitet haben. Im Prozess geht es um 14 Betroffene, die Polizei geht von 59 Geschädigten aus. Während die Staatsanwaltschaft diese Woche 13 Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung forderte, findet vor dem Gericht ein kleiner Protest statt. Der Fall erinnert an Pelicot, es ist der größte Missbrauchsprozess Berlins, doch bislang fällt die Solidarität erstaunlich klein aus.

Und das ist oft so in Deutschland. Fälle von sexualisierter Gewalt dringen in der Regel nur dann durch, wenn die Betroffenen berühmt sind oder sie rassistisch instrumentalisiert werden können. Es gibt viele Gründe dafür. Einer ist, dass Deutschland generell zögerlich mit Protestbewegungen ist – das sieht in Frankreich oder den USA anders aus. Ein weiterer, dass räumliche Distanz auch zu einer Distanz im Kopf führt. Wir können uns einreden: Der Fall an der Cornell Uni hat nicht mit uns zu tun. Wir posten unsere Solidarität, empören uns über die Verantwortlichen und damit ist unsere Aufgabe erledigt. Doch je näher die Gewalt uns kommt, desto schwieriger wird es, die Verantwortung von uns weisen.

Selbst wenn wir Täter und Opfer nicht persönlich kennen, leben sie im gleichen Land wie wir, vielleicht sogar in der gleichen Stadt, arbeiten in der gleichen Branche, sind Bekannte oder Nachbarn. Und haben wir wirklich alles getan, um Gewalt im Vorhinein zu verhindern? Sind eingeschritten, wenn Frauen belästigt werden? Haben wir unsere Freunde konfrontiert, wenn sie sich falsch verhalten haben?

Ein Jane-Doe-Post aus der Ferne ist einfacher als eine Konfrontation. Wer sich wirklich mit Frauen solidarisch zeigen möchte, wird nicht darum herumkommen, sich mit seinem engeren Umfeld auseinanderzusetzen.

Carolina Schwarz

Carolina Schwarz Ressortleiterin taz zwei

Ressortleiterin bei taz zwei - dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Schreibt hauptsächlich über intersektionalen Feminismus, (digitale) Gewalt gegen Frauen und Popphänomene. Studium der Literatur- und Kulturwisseschaften in Dresden und Berlin. Seit 2017 bei der taz.
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