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Eskalation in Frankreich Quittung für einen verweigerten Dialog

Kommentar von

Rudolf Balmer

Die Regierung hat durch die Polizeigewalt Öl ins Feuer gegossen. Sie wusste, dass sie damit ins Risiko geht – angesichts der Geschichte Frankreichs.

N och am Freitag meinte der französische Premierminister Sébastien Lecornu zum angekündigten Protesttag, es handle sich da nicht mehr um eine Jugendbewegung, sondern um „gewaltsame Unruhen“. Damit wollte er wohl die Schülerbewegung samt ihrer legitimen Forderungen pauschal in die Ecke ultralinker Extremisten verbannen. Er hoffte, dass die Perspektive von Krawallen viele Jugendliche, aber auch die ehemaligen Gelbwesten und andere Unzufriedene einschüchtern und von einer Teilnahme an Demonstrationen abhalten würde.

Das ist dem Regierungschef nicht gelungen. In Sachen Gewalt aber wurde er weit über Bedarf erhört. Die gewaltsame Eskalation des Konflikts auf den Straßen übertraf seine schlimmsten Erwartungen. Ist diese Regierung in Paris „taub (für die Proteste), schlecht informiert oder total daneben“ fragt das Online-Magazin Mediapart. Die Regierung muss sich am Tag nach den Krawallen Vorwürfe in alle Richtungen gefallen lassen.

Plünderungen sind wie die gewaltsamen Provokationen auf Seiten demonstrierender Jugendlicher inakzeptabel. Nicht zuletzt, weil sie ihrem Anliegen schaden. Doch die Regierung ist an diesem Ausbruch der Gewalt nicht unschuldig. Sie hat den Dialog mit den Jugendlichen verweigert und deren Forderungen nicht für voll genommen. Stattdessen antwortete sie mit der in Frankreich üblich gewordenen Polizeigewalt.

Sie hat dadurch Öl ins Feuer gegossen – womöglich auch, um eine soziale Bewegung als Werk von professionellen Unruhestiftern zu diskreditieren. Vor dem Hintergrund geplünderter Geschäfte und den Brandruinen von Rathäusern spielt der Innenminister den Betroffenen. Wie der Regierungschef macht er „Ultralinke“ verantwortlich. Nur: Das ist zu simpel, um zu überzeugen.

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Denn nicht nur war die Regierung unfähig, einen geordneten Verlauf der Demonstrationen zu garantieren, wie dies ihre Aufgabe wäre. Sie hat mit ihrer Polizeitaktik selbst die Eskalation provoziert. Sie ging dabei leichtfertig mit einem Risiko um.

Tradition der Gewalt

Denn in Frankreich müsste sie aus der Geschichte wissen, dass es nicht erst seit den Revolutionen von 1789, 1830, 1848 und 1870 im Land eine lange Tradition der gewaltsamen Konflikte gibt. Und wenn Landwirte mit ihren Traktoren den Verkehr blockieren oder öffentliche Gebäude attackieren, üben sich Frankreichs Regierungen durchaus in Nachsicht.

Ja, Frankreich hat – gerade im Vergleich mit seinen Nachbarländern – ein spezielles Problem mit Straßengewalt. Überrascht das? Bei sämtlichen Anlässen wird die Nationalhymne angestimmt, mit dem Refrain „Aux armes, citoyens!“ (Zu den Waffen, Bürger), der wie ein unverhohlener Aufruf zu Gewalt klingt. Schuld wären an allem für Lecornu dann wohl die Revolutionäre Danton und Robespierre und Co.

Rudolf Balmer Auslandskorrespondent Frankreich

Frankreich-Korrespondent der taz seit 2009, schreibt aus Paris über Politik, Wirtschaft, Umweltfragen und Gesellschaft, gelegentlich auch für „Die Presse“ (Wien).
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11 Kommentare

  • EchteDemokratieWäreSoSchön

    Ich habe mich mal mit jemandem darüber unterhalten, dass es extrem ungerecht ist, dass die meisten normaler Arbeiter und Angestellten mehr als 50% Ihres Lohns an den Staat abführen (Einkommenssteuer, Mehrwertsteuer, Sozialabgaben, Mineralölsteuer), während Superreiche und Milliardäre oft weniger als 20% abführen. Und dass dies nicht nur extrem ungerecht ist, sondern auch zu enormen Problemen führt, weil noch nicht einmal der Staat noch ausreichend Mittel zur Verfügung hat, um auch nur die dringendsten Aufgaben zu erledigen.



    Weil der Staat kein Geld mehr hat, wurden z.B. im Laufe der Jahrzehnte 900 Mrd. € aus der Rentenkasse entnommen und dadurch fehlen jetzt z.B. die 10 Mrd. € für die Rente nach 45 Beitragsjahren. Demgegenüber wuchs das Vermögen der 5000 Superreichen und Milliardäre alleine seit 2024 um 400 Mrd. $.



    Nur 1,5-3,5 % ihres Vermögens wären 50-100 Mrd. € und würde alle Probleme des Staates lösen und wieder zu einer stabilen Gesellschaft und Demokratie führen. Das sollte doch auch Superreichen und Milliardären die 1,5-3,5 % wert sein.

    Doch man antwortete mir, das man das nicht einsieht, da es ja noch keine Revolution auf den Straßen gibt.

  • realnessuno

    Lästern gegen "Linke",



    Eskalation statt Kommunikation,



    Markiges und schnelles Handeln,



    Das klingt alles wie der übliche Plan wenn man nichts verbessern will sondern nur eigene politische Werbung betreibt.

    Natürlich hat die Regierung (auch) bei dem Thema unverantwortlich gehandelt!

    Aber auch der brandschatzende Bürger könnte schlauer handeln, eigene Lebenshaltungskosten senken, Vernunft verbreiten...



    Viele der Teuerungen haben ihre Ursache in neuen Technologien ("KI"), Werbekosten (schaut euch die Milliardeneinnahmen der gängigen Werbekonzerne an - das ist EUER Geld!) und in unbedachten Konsumverhalten.



    Alle drei Dinge sind von jedem einzelnen Bürger steuerbar, wenn nur das Verständnis und die Vernunft vorhanden ist....

  • cerobasis

    Ueber 1000 verletzte Polizisten.



    Streiker sabotieren Lehre an Universitaeten mit Randalen und Beleidigung. Rechtfertigung: Votum bei einer "Vollversammlung", bei der ein Prozent der Studenten anwesend waren.



    Die Missachtung durch diee Regierung ist nichts im Vergleich zu dem Schaden an Glaubwuerdigkeit, den sich die Bewegung seler zufuegt.

  • vieldenker

    Sicher, die Regierenden machen Fehler. Aber auf der anderen Seite werfen auch nicht ein paar Schüler*innen nur Knallbonbons. Daher sollte man in einem Kommentar nicht versuchen, dass auch noch irgendwie zu rechtfertigen. Auch nicht, wenn man die Anliegen politisch teilt.

  • Auweiowei

    1789 war ein vergleichsweise friedlicher Auftakt, selbst der 'Sturm auf die Bastille' wurde erst von der nationalen Geschichtsschreibung zu dem gemacht, als den man ihn kennt oder besser: zu kennen glaubt.



    Und Danton war einige Jahre, bevor er unter der Guillotine starb, ein eher besonnener 'Softie', ein brillanter Redner und Strippenzieher. Er war keinesfalls ein blutrünstiger Unhold oder Gewalttäter. Und der am Ende 'eiskalte' Robespierre wird heute eher als moralinsaurer, unter Verfolgungswahn Leidender gesehen. Georg Büchner kommt mit 'Dantons Tod' den historischen Realitäten ziemlich nahe - ganz ohne Gewalt auf den Straßen.



    Und schließlich zur Marseillaise: "Le jour de gloire est arrivé!" Darin liegt viel mehr Opfer- und Todesbereitschaft (schlecht Bewaffneter!), als wir es heute für möglich halten würden.

  • Ritchie

    Die Regierung ist schuld wenn die "Demonstranten" plündern und brandschatzen?



    Eine sehr krude Ansicht.

    • Hans Dampf

      @Ritchie:

      Ja, fand ich auch eine sehr fragwürdig Darstellung des "Schuldigen".

  • Hans - Friedrich Bär

    Die Polizeigewalt hat damit zu tun, dass die Polizeiausbildung in Frankreich dtl kürzer ist als bei uns, somit Polizeigewalt als Ersatz von Polizei Know How strukturell toleriert wird. Das heizt Konflikte an. Wer Straßenschlachten will weiß: er bekommt sie geliefert.



    Die Bemerkungen zum geschichtichen Bezug stimmen im Großen und Ganzen weil das Gesellschaftsverständnis sich seit Jahrhunderten nicht geändert hat: "Die Freiheit führt das Volk" .



    Die politische Psychologie eines Präsidialsystems hat Weltferne zur Voraussetzung und zur Folge. " Was wollen die da unten überhaupt" bekommt man aus einer Schicht, die so erzieht und so erzogen ist, nicht heraus. In der Ukraine ist das genau so.



    Die Präsidenten sind deswegen subjektiv nicht Schuld an der Überschuldung und an sonstigen Misserfolgen. Es sind andere. Die Protestierenden in beiden Ländern haben erkannt , dass sie die anderen sind, die das sein sollen. Dazu haben sie keine Lust "nous en avons marre" stand auf einem Plakat. Da sind sie sich dem Präsidenten sogar ähnlich, er hat auch keine Lust sich zu ändern. Erschöpfung bis zum nächsten Waffengang, bei dieser Kassenlage nur eine Frage der Zeit.

  • warum_denkt_keiner_nach?

    Eine Regierung, die mit Blendgranaten auf Kinder schießt und die legitimen Forderungen der Kinder weitgehend ignoriert, braucht sich nicht aufzuregen, wenn im Land Rathäuser brennen.

    Ich fürchte mit der aktuellen Kombination aus Politik und Propaganda rollt Macron Le Pen den roten Teppich auf dem Weg in den Élysée-Palast aus...

  • Josef 123

    "Plünderungen sind wie die gewaltsamen Provokationen auf Seiten demonstrierender Jugendlicher inakzeptabel. Nicht zuletzt, weil sie ihrem Anliegen schaden."

    Wie bitte? Wären Plünderungen und gewaltsame Provokationen in Ordnung, wenn sie dem Anliegen nicht schaden würden?

  • Pico

    Klar, wenn erst dann miteinander geredet wird, wenn es eskaliert, dann ist das ein Vorgehen, dass vielleicht dann Schule macht. Besonders eben in Frankreich. Auch wenn die Bauern demonstrieren, geht es nicht immer sehr friedlich zu. Friedliche Demos werden doch von der dortigen Regierung "weggelächelt". Das ist bedauerlich, aber anders wird man vielleicht nicht mehr gehört. Wobei Brandstiftungen, Plünderungen und Sachbeschädigen und besonders Angriffe auf Menschen nicht akzeptabel sind.