Konsequenzen für Koçak: Noch kein Schlussstrich
Ferat Koçak räumt Fehler im Umgang mit den Remmos ein. Nicht alle sind glücklich darüber, dass die Parteiführung über seinen Fall schweigt.
Reden über Ferat Koçak? Wollen heute in der Linkspartei öffentlich nur wenige. Dabei hatte der Abgeordnete aus Berlin-Neukölln in einem Artikel der Zeit vom Mittwoch selbst schon viel erzählt. Dort legte er seine Chats mit einem Mitglied der Familie Remmo offen. Mit dem Artikel will er für Transparenz sorgen und gesteht Fehler ein. Am selben Abend gibt Koçak auf X bekannt, dass er seinen Sitz im Innenausschuss abgibt. Seinen Posten als Sprecher für Antifaschismus und Antirassismus behält er jedoch.
Die Debatte um Koçak spitzte sich seit dem Wahlabend zum Berliner Abgeordnetenhaus zu. Dort tauchte Issa Remmo uneingeladen auf der Wahlparty der Neuköllner Linken auf. Er ist der Anführer der Remmo-Familie, deren Mitglieder wegen diverser Verbrechen in Zusammenhang mit organisierter Kriminalität vor Gericht standen. Zwar schickten die Linke Remmo wieder von der Party, daraufhin veröffentlichte jedoch dessen Sohn, Firas Remmo, Chats zwischen ihm und Koçak. Dort schreibt Koçak „Grüße mit Respekt zurück an deinen Vater“. Daraufhin hatte Koçak schon kurz nach der Wahl angekündigt, seine Parlamentsfunktionen vorerst ruhen zu lassen.
Koçak bleibt Sprecher für Antifaschismus und Antirassismus
Während Koçak mittlerweile seinen Sitz im Innenausschuss aufgibt, behält er den Posten als Sprecher für Antifaschismus und Antirassismus. Das teilten die Fraktionsvorsitzenden Sören Pellmann und Heidi Reichinnek auf Anfrage der taz mit. Die Begründung: „Die Sprecherposten sind unabhängig vom Sitz im Ausschuss. Ferat Koçak leistet seit vielen Jahren eine wichtige Arbeit im Bereich Antifaschismus und Antirassismus und wird diese in unserer Fraktion fortführen.“
Bezogen auf den Artikel in der Zeit teilten Pellmann und Reichinnek weiter mit: „Ferat Koçak hat seinen Fall einem unabhängigen Journalisten offengelegt und wie angekündigt für Transparenz gesorgt“. Dabei sei deutlich geworden, „es gibt, wie von Anfang an von ihm versichert, keine Verbindung zu organisierter Kriminalität“. Dass er seinen Sitz im Innenausschuss abgibt, sei ein notwendiger Schritt, „damit die Linksfraktion ihre Arbeit dort unbelastet von dieser Debatte weiterführen kann“.
Koçak ist der erste direkt gewählte Kandidat der Linken außerhalb des Gebietes der ehemaligen DDR. Er gewann bei der Bundestagswahl 2025 das Direktmandat in Wahlkreis Neukölln. Auf X teilte er mit: „Ich habe einen Fehler gemacht. Im Umgang mit meinem Kontakt zur Familie Remmo bin ich meinem Selbstverständnis nicht gerecht geworden. Ich war in der konkreten Situation naiv und mit der Situation überfordert. Dafür übernehme ich Verantwortung.“
Der Zeit sagt Koçak, er schwöre, dass er Firas Remmo zu dem Zeitpunkt nicht kannte und kein Kontakt mehr zu ihm habe. Ob Koçak vorher Nachrichten gelöscht hat, das lässt sich nicht überprüfen. Kritisiert wird er zudem nicht nur, aufgrund seiner Kontakte zu der Familie Remmo, sondern auch, weil er ein Foto mit Ibrahim Ibrahim postete. Der wirbt für die linke Terrororganisation Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP). Den getöteten Hamas-Chef Jahia Sinwar nannte er einen „Märtyerhelden“ und zolle ihm seine „Hochachtung“.
Schweigen bei den meisten
Seinen Rücktritt aus dem Ausschuss hatte die Woche davor bereits Teile der Linkspartei gefordert. Darunter die Thüringer Linken-Abgeordnete Katharina König-Preuss. In einem Video forderte sie, Koçak müsse sein Mandat niederlegen, er vertrete keinen glaubwürdigen Antifaschismus – und lasse die Facharbeit schleifen. Obwohl dieser jetzt seinen Sitz aufgegeben hat, will König-Preuss nicht über Koçak öffentlich reden. Der Grund: Sie sei genervt, „dass niemand anderes von der Bundestagsfraktion oder der Partei nach vorne geht und etwas sagt“.
Das könnte auch an einer Nachricht liegen, über die die Welt berichtet. Die Parteivorsitzenden Ines Schwertner und Luigi Pantisano bitten dort die Partei, „nicht öffentlich alles weiter hochzukochen, die Situation ist gerade schwer genug, insbesondere für Berlin. Bitte haltet euch also zurück, bis er sich selbst äußert.“
Im Fall Koçak muss die Linke jetzt wohl auch beweisen, dass sie auf die Vorwürfe von Antisemitismus und Kontakte in die organisierte Kriminalität ernst nimmt, damit sie in Berlin eine Regierung bilden kann. Nach dem Wahlsieg der Linken in Berlin hat die Partei am Freitag für Sondierungsgespräche mit Grünen und SPD gestimmt. Doch das Bündnis hat viele Kritiker – und auch bei den möglichen Koalitionären gibt es Uneinigkeiten. Die erste offizielle Gesprächsrunde zwischen Linke, SPD und Grünen sollte am heutigen Donnerstag stattfinden.
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