piwik no script img

Lula und Bolsonaro in BrasilienKontrahenten wollten nicht streiten

Kurz vor der Wahl platzt das TV-Duell zwischen Präsident Lula und seinem Herausforderer Bolsonaro. Woran das lag und was stattdessen lief.

Christine Wollowski

Aus Salvador Da Bahia

Christine Wollowski

Die große TV-Debatte zum Endspurt des Wahlkampfs in Brasilien hat nicht stattgefunden. Statt eines Wortgefechts zwischen den beiden Rivalen im Wahlkampf für das Präsidentenamt zu zeigen, lief am Donnerstagabend in der brasilianischen TV-Globo die übliche Telenovela. Dass Luiz Inácio Lula da Silva nicht hingehen würde, hatte er bereits am Vorabend angekündigt. Doch Herausforderer Flávio Bolsonaro hatte beteuert, er werde auf jeden Fall dabei sein, mit oder ohne Lula. Es wäre eine gute Gelegenheit für den Senator gewesen, sich vor einem großen Publikum zum letzten Wahlkampfskandal zu äußern.

Laut einer Falschmeldung soll der Kandidat geplant haben, bei einem Wahlsieg die brasilianische Schutzpatronin Nossa Senhora da Conceição Aparecida ihres Amts zu entheben. Hintergrund: Flávio Bolsonaro gehört einer Pfingstkirche an und diese lehnt Heiligenverehrung grundsätzlich ab. Da die brasilianische Bevölkerung überwiegend katholisch und der Heiligenverehrung durchaus zugeneigt ist, fürchtete Bolsonaros Marketingabteilung negative Auswirkungen unter den Wählern.

Zwei Stunden vor dem geplanten Debattenbeginn sagte allerdings auch Bolsonaro seine Teilnahme ab. Angeblich „wegen der Zensur durch das Oberste Wahlgericht“, wie er auf sozialen Medien begründete. Das Oberste Wahlgericht hatte kurzfristig entschieden, dass während der TV-Debatte weder ein leerer Stuhl gezeigt werden dürfe, der für Präsident Lula reserviert gewesen wäre, noch dürften die anwesenden Kandidaten Fragen an den Abwesenden formulieren.

Podcast Fernverbindung Brasilien

Brasilien wählt, und der Linke Lula und Kontrahent Flávio Bolsonaro kämpfen erbittert um Stimmen. Droht der nächste Rechtsruck in Lateinamerika? Hier geht's zur Folge

Jeder spricht auf einem anderen Kanal

Statt einander gegenüberzusitzen, sprachen die beiden Kontrahenten dann unabhängig voneinander auf verschiedenen Kanälen. Bolsonaro wandte sich in seinem, einer Tradition seines Vaters Jair nachempfundenen, wöchentlichen Live-Streaming in seinem eigenen TV-Kanal bei Youtube an seine Anhänger. Präsident Lula stellte sich zeitgleich den Fragen des Podcasts Flow, einem der größten Interviewkanäle des Landes, der sich um Diversität der Interviewten und politische Neutralität bemüht. Das Thema Schutzpatronin erwähnte Bolsonaro in seiner Ansprache nicht.

Stattdessen beschuldigte er die Justiz, den Wahlprozess zu beeinflussen, behauptete, er sei daran gehindert worden, an der Debatte teilzunehmen, und warf Lula vor, zu feige für eine Konfrontation zu sein. Er selbst sei „die einzige Garantie für Brasilien, wieder eine Demokratie zu werden“, behauptete der ultrarechte Politiker, der nachgewiesenermaßen enge Verbindungen zu paramilitärischen Gruppen in Rio de Janeiro unterhält und als Anwalt bereits einen Polizisten verteidigt hat, der bei einem Einsatz ein fünfjähriges Kind erschossen hatte.

Lula erklärte, TV-Duelle seien fruchtlos, eine reine Spielerei und kritisierte den politischen Gegner unter anderem dafür, dass der als Senator über mehrere Jahre Verwandte des ehemaligen Polizisten angestellt hatte, der verdächtigt wurde, am Mord der Stadträtin Marielle Franco beteiligt zu sein. Er erinnerte daran, dass seine Regierung die meisten Universitäten und öffentlichen Mittelschulen gegründet habe, und forderte die Jugend auf, in die Politik zu gehen, um die Realität des Landes zu beeinflussen. Zuletzt rief er die jungen Leute sowie die über 70-Jährigen, die von der allgemeinen Wahlpflicht ausgenommen sind, zum Urnengang auf. „Ihr habt keine Wahl“, wandte er sich an die Zuschauer: „Entweder ich oder die Barbarei.“

Am Sonntag sind 158 Millionen Brasilianer aufgerufen, den Präsidenten, 27 Gouverneure und zwei Drittel des Kongresses zu wählen. Einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage von Datafolha zufolge, liegt Lula mit 45 Prozent der Wählerstimmen knapp vor Bolsonaro mit 40 Prozent. Falls keiner der Präsidentschaftskandidaten mehr als 50 Prozent der Stimmen erhält, ist für den 25. Oktober eine Stichwahl angesetzt.

Mehr zum Thema

0 Kommentare