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Erster Gang der Präsidentschaftswahl Brasilien drohen dunkle Jahre

Niklas Franzen

Kommentar von

Niklas Franzen

Bei der Präsidentschaftswahl in Brasilien war der Etappensieg von Bolsonaro Junior auch ein Votum gegen Amtsinhaber Lula. Ihm bleiben drei Wochen, um die Katastrophe abzuwenden.

S o richtig kann sich kaum einer erklären, warum diese wenig charismatische Kopie des Vaters, des rechtspopulistischen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, im ersten Wahlgang um die Präsidentschaft so gut abschnitt. „01“, Zero Um, wie der Erstgeborene von seinem Vater genannt wird, ist knietief in eine Reihe von Skandalen verstrickt. Verbindungen zu kriminellen Gruppen und Korruptionsvorwürfe werden mit ihm in Verbindung gebracht und kratzen am Image des aufrechten, gottesfürchtigen Familienvaters.

Es handelte sich, so viel kann man sagen, nicht nur um eine Wahl für Flávio Bolsonaro, sondern gegen Lula. Im 21. Jahrhundert erlangte die Linke weltweit nirgendwo so viele Wahlsiege wie in Brasilien. Das führt zwangsläufig zu Abnutzungseffekten. Der Volkstribun Lula bewegt zwar immer noch Massen, aber eben nur einen Teil der Bevölkerung. Er steht auch für ein Gefühl, dass es im Land nicht vorangeht. Dass es immer unsicherer wird.

Man könnte nun sagen: Dann lasst die Bolsonaristen doch einmal regieren. Sie haben sich ja in der ersten Amtszeit bereits einmal selbst entzaubert. Letztlich scheiterte Bolsonaro 1 an zwei Dingen: seiner Unfähigkeit und den demokratischen Institutionen.

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Doch eine Regentschaft von Bolsonaro Junior könnte grundlegend anders sein. Der Oberste Gerichtshof dürfte nach einer Reihe von Skandalen nicht mehr die gleiche Kontrollfunktion einnehmen. Das Parlament ist am Sonntag noch viel weiter nach rechts gerückt. Und in den USA regiert mit Donald Trump ein grande amigo der Bolsonaros. Stichwort Trump: Von ihm könnten sich die brasilianischen Rechten auch abschauen, wie man eine zweite Amtszeit mit der Brechstange durchzieht.

Man sollte jetzt nicht in Panik verfallen – und vor allem erst einmal die Stichwahl abwarten. Drei Wochen bleiben, um die aus linker Sicht drohende Katastrophe noch abzuwenden. Gelingt das nicht, könnten Brasilien politisch sehr dunkle Jahre bevorstehen.

Niklas Franzen

Niklas Franzen Autor

Niklas Franzen ist Journalist und ehemaliger Brasilien-Korrespondent. Im Mai 2022 erschien sein Buch “Brasilien über alles - Bolsonaro und die rechte Revolte” bei Assoziation A.
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9 Kommentare

  • Andreas Grimm

    Ich lebe seit 10 Jahren in Brasilien, Sao Paulo und bekomme von daher die Stimmung direkt mit. Viele Leute haben die Schnauze voll von Lula - insbesondere die Ausgaben seine Frau "Janja" (Rosângela) - während die arbeitende Bevölkerung unter Steuern und - viel schlimmer- extremen Zinsen leidet. Viele meiner Nachbarn haben bereits einen Zweitwohnsitz in Paraguay, das ein sehr attraktives Steuermodell bietet. Aus dem ehemals Linken Revolutionär Lula ist mittlerweile eine Art "Roter Monarch" geworden, der zwar den Charme der Armut predigt, aber selbst nur in teuersten Luxus-Hotels absteigt. Dass die Familie Bolsonaro keine Saubermänner sind, ist auch allen klar. Aber in Brasilien versucht man nicht, den perfekten Präsidenten zu finden sondern den, der im Moment geeigneter erscheint - oder einfach weniger schlimm. Und das ist im Moment Bolsonaro.

  • Nilsson Samuelsson

    Die Erklärung ist leider sehr banal und dieselbe wie gerade an vielen Orten dieser Welt:

    Werbung und Propaganda funktioniert!

    +

    Geld regiert die Welt!

    Ergo:



    Wer reiche Freunde hat (wie Bolsonaro, Trump, Putin & Co. gemeinsam mit Tech- und Fossiloligarchen), hat viel Geld für Werbung und Propaganda und kann Wahlergebnisse mit sehr viel Geld und Macht regelrecht einkaufen.

    Das bekannte wirkungsvolle und einfache Mittel dagegen heißt:

    (Surprice!) TAX THE RICH

    Lesetips dazu:



    www.ullstein.de/we...over/9783550202827

    bigtechmussweg.de/

  • Elite123

    Könnt ihr bitte genauer auf das oberste Gericht eingehen?

  • Minderleister

    Ich weiß nicht, woher dieser Masochismus kommt, dass immer mehr Menschen in (noch) freien und demokratischen Wahlen populistische Politiker wählen, die für sie selbst eine absolute Katastrophe sind.

  • wheredallthegoodpeoplego

    Sehen wir das mal ein bisschen pragmatisch. Die Bolsonaros werden eine Dynastie errichten, in der wieder die Großgrundbesitzer den Ton angeben. Wie in der guten alten Zeit. Bis die Bolsonaros geputscht werden. Dann gehen die ins Exil und destabilisieren aus dem Ausland, während in Brasilien wieder andere das Land plündern. Daneben hält die Kirche die Armen unter der Fuchtel und rät ihnen, mehr zu beten. Willkommen in Lateinamerika. Zynisch? Ja, definitiv, aber deshalb nicht weniger richtig.

  • Hans Dampf

    Des Volkes Wille



    Wenn das Volk mehrheitlich Bolsonaro wählt, dann will es Bolsonaro. Es war eine demokratische Wahl, also muss man dies akzeptieren. Auch wenn es weh tut, das Volk wollte es so!

  • Astrid Sehnefeld

    "Brasilien drohen dunkle Jahre"



    Aha - und was hatte Brasilien unter Lula?



    Es kommt ja nicht von ungefähr, dass Bolsonaro Junior gewonnen hat.



    Politskandale am laufenden Band haben zu einem enormen Wählerverdruss geführt.



    Lulas Bande darf sich die Niederlage schön auf die eigene Fahne schreiben.



    Auch wirtschaftlich blieb Lula vieles, eigentlich alles, schuldig.



    Das sich da die Wähler wieder gen Bolsonaro wenden darf nicht verwundern. Die Wähler wollen politische Lösungen - weltweit. Die Geduld ist am Ende, wer nicht liefert wird abgewählt, Moral und Ethik waren in Zeiten des Niedergangs schon immer die ersten Opfer.



    Das man sich darüber echauffiert und gar überrascht zeigt, zeugt eindrucksvoll von der Abgehobenheit und dem fehlenden historischen Interesse.



    Der weltweite Rechtsruck vollzieht sich so ja nicht zum ersten Mal und er folgt klassischen Mustern - trotzdem weiß oder will man nicht wissen, wie ihm zu begegnen ist.



    Tja dann 🤷

  • Tiene Wiecherts

    Lula wird das machen, was alle sozialdemokratischen Politiker in der Lage machen: Das eigene Scherflein ins Trockene bringen, sich persönlich vor den Rachegelüsten der Nachfolger in Sicherheit bringen und dann "Nach mir die Sintflut".

  • FtznFrtz

    Warum schickt die Linke immer wieder Lula ins Rennen, er ist mittlerweile 81 Jahre alt? Gibt es in Brasilien niemanden in der Linken?



    Offenbar gibt es eine rechte Dynastie mit den Bolsonaros, warum der Sohn des irrwitzigen Vaters jetzt den Thron besteigen will ist ebenso rätselhaft.