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Autor über Identität und Widerstand„Wie laut soll mein Schrei sein?“

Aidin Halimis Debütroman „In den Flügeln das Licht“ spielt in Iran der 1980er. Es geht um das Aufwachsen in einem autoritären System.

Interview von

Klara Hohnke

taz: Herr Halimi, was bedeutet Heimat für Sie?

Aidin Halimi: Heimat ist eigentlich für mich ein Ort, wo sich Menschen befinden, die mir etwas bedeuten und die ich liebe. Das ist für mich weniger ein geografischer oder physischer Ort, sondern eher mit den Menschen verbunden, die mich umgeben. Seitdem ich in Deutschland bin, war ich nicht mehr in Iran. Aber ich bin mir sicher, dass ich mich bei den Menschen, mit denen ich dort in Kontakt bin, sofort zu Hause fühlen würde, wenn ich jetzt zurückkehren würde.

Im Interview: Aidin Halimi

Jahrgang 1981, ist Autor, Poetry Slammer und Comedian. Mit 16 Jahren ist er aus Iran nach Deutschland gekommen.

taz: Wie hat es Sie geprägt, in mehreren Gesellschaften aufzuwachsen?

Halimi: Ich sehe das heute als ein großes Privileg. Ich hatte die Möglichkeit, so zwei Kulturen miteinander zu vergleichen und mir aus beiden die Rosinen herauszupicken. Ich habe gelernt, dass wir viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben. Zwischen zwei Kulturen oder Sprachen zu hängen, bringt auch eigene Regeln mit sich. Da muss man sich erst mal zurechtfinden. Das dauert auch ein paar Jahre, bis man merkt: Okay, vielleicht bin ich weder deutsch noch Iraner, vielleicht bin ich sowohl deutsch als auch Iraner. Diese Zwischenwelt ist vielleicht eine neue Heimat.

taz: Welche Rolle spielt Sprache für Sie?

Halimi: So wie ich mein jetziges Leben sehe, als Privileg, so sehe ich das auch mit der Sprache. Das ist eng mit meiner Biografie verbunden. Meine Muttersprache, Persisch, ist sehr bildlich und poetisch. Die deutsche Sprache ist viel präziser. Ich habe versucht, sie zusammenzubringen und die Stärken beider Sprachen miteinander zu verbinden. Dadurch habe ich eine Art eigene Sprache entwickelt.

Lesung

„In den Flügeln das Licht“: Do, 29.10., 20 Uhr, Kukoon, Buntentorsteinweg 29-31, Bremen; im Rahmen des Globale-Literaturfestivals vom 26.10. bis 01.11.

taz: Welchen Einfluss hatten aktuelle Protestbewegungen in Iran auf Ihre Arbeit?

Halimi: Ganz direkt hat das nicht dazu geführt, dass ich das Buch geschrieben habe. Vor allem war es meine Familiengeschichte und die Geschichte meines Vaters, die ich erzählen wollte. Das Buch ist sehr autobiografisch. Die Protestbewegungen und das Buch haben gemeinsam, dass man weiterkämpft und nicht aufgibt, was auch immer einem widerfahren ist. Ich weiß, dass es sehr schwer sein kann, mit Traumata umzugehen, aber schwerwiegender ist das Aufgeben.

Widerstand fängt für mich im alltäglichen Leben an. Vor allem in einem autoritären System

taz: Sie greifen trotzdem immer wieder die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung auf.

Halimi: Die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung hat mich besonders geprägt. Ihr jugendlicher und progressiver Geist macht mich stolz. Es ist eine Parole, die ich voll und ganz unterstütze. Ich habe in Iran miterlebt, was Frauen durchmachen müssen. Für mich persönlich war das die wichtigste Bewegung in den letzten Jahren.

taz: Was macht für Sie Widerstand aus?

Halimi: Widerstand fängt für mich im alltäglichen Leben an. Vor allem in einem autoritären System. Das ist sehr eng mit Mut verbunden. Man muss erst mal für sich selbst ausloten: Wie weit will ich gehen? Wie laut soll mein Schrei sein? Ich habe in meinem eigenen Umkreis in Iran erlebt, wie zum Beispiel Frauen sich widersetzt und immer weiter die Grenzen verschoben haben. Vor zehn Jahren hätte ich mir nicht ausmalen können, dass heute viele Frauen auf der Straße ohne Kopftücher und ohne Schleier rumlaufen können. Aber das haben sie sich erkämpft. Das war ein langer Prozess, aber im Endeffekt sind solche Veränderungen viel nachhaltiger, als wenn sie von außen aufgezwungen werden. Kriege bringen keine Freiheit.

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