Doku „La Graciosa – Kanarische Träume“: Am Rand der Zivilisation
Der Dokumentarfilm „La Graciosa – Kanarische Träume“ von Karin Kaper und Dirk Szuszies erinnert an ein früheres Aussteigerparadies. Touristen gibt es dort jetzt auch.
Wie ein herübergewehtes Stück Wüste liegt die leuchtend braun, gelb und rot getönte Insel La Graciosa nördlich von Lanzarote im Atlantischen Ozean. Auf nur knapp dreißig Quadratkilometern Sand und Felsen erheben sich ein paar formvollendete Vulkankegel, umgeben von Steilküsten und abgelegenen Buchten. Wie auf anderen kanarischen Inseln lassen Wind und Sonne der Vegetation nur kleine Nischen.
Baumartiges wächst hier ausschließlich um die niedrigen weißen Steinhäuser von Caleta de Sebo, dem kleinen Hafenort, der das Gesicht der „anmutig“ genannten Insel prägt und sie durch eine Fähre mit dem gegenüberliegenden Städtchen Órzola auf Lanzarote verbindet.
Lange Zeit bewohnten nur wenige Fischer und ihre vielfältig miteinander verwandten Familien die kleinste der acht bewirtschafteten Kanarischen Inseln. Historische Fotografien belegen, wie eng die Frauen in die Arbeit eingebunden waren, indem sie gemeinsam Netze flickten und den Fischfang für den Verkauf auf der größeren Insel präparierten. Bis heute reklamieren die rund 730 Inselbewohner eigensinnig ihre alte Kunst der Fischerei im Chinijo-Archipel, zu dem außer La Graciosa noch ein paar unbewohnte Felseninseln weiter nördlich gehören.
Der Film
„La Graciosa – Kanarische Träume“. Regie: Karin Kaper und Dirk Szuszies. Deutschland 2026, 105 Min.
Doch seit den 1970er Jahren wurden die Fanggründe überfischt und das Ökosystem geriet ins Schlingern. Die kanarische Regionalregierung und höher angesiedelte Entscheider erklärten den Atlantik vor der Haustür der selbstbewussten Gracioseros und Gracioseras zum Schutzgebiet. Die seltenen Sturmtauchervögel zu fangen oder auch Meeresfrüchte wie zum Beispiel Napfschnecken zu sammeln, war plötzlich verboten – Grund genug für die eindrucksvollen Demonstrationen des Dorfes gegen Naturschutz und Bevormundung.
Die besondere Atmosphäre feiern
Das Berliner Filmemacherpaar Karin Kaper und Dirk Szuszies, beide bekannt für ihre Dokumentarfilme „Wir sind Juden aus Breslau“ (2016) und „Walter Kaufmann – Welch ein Leben!“ (2021), zog sich über viele Jahre immer wieder aus seinem anstrengenden Filmberuf auf La Graciosa zurück. Die Insel war einmal ein stilles Paradies für Aussteiger am Rand der Zivilisation. Warum also nicht die besondere Atmosphäre dokumentieren und feiern?
Ein Jahr lang begleiteten Karin Kaper, Dirk Szuszies und ein kleines Team den Alltag der Einheimischen in Caleta de Sebo und sammelten ihre stolzen, direkt in die Kamera gesprochenen Anekdoten und Statements zum Gang der Inselgeschichte. Wie schlägt man sich trotz der verhassten Naturschutzmaßnahmen durch und holt sich ein Stück vom europäischen Wohlstand?
Eine Schweinefleischerin erzählt von den Essgewohnheiten der Dorfgemeinschaft, eine Ladenbesitzerin schildert, was ihr Geschäft zu bieten hat. Der Besitzer der Fähre beschreibt das gute Geschäft mit den Tagestouristen, die für ein paar Stunden am anderen Ende der Insel Fahrräder oder Autos mieten. Ein geschichtsbewusster Graciosero präsentiert die alte Getreidemühle, mit der die Körner für das Landesgericht Gofio gemahlen wurden.
Empfohlener externer Inhalt
Trailer „La Graciosa“
„La Graciosa – Kanarische Träume“ schildert die örtlichen Straßenfeste, Karnevalsumzüge und gemeinschaftlichen Essen auf den gepflegten Schotterpisten des Ortes in immer neuen Varianten. Die ehemalige Bürgermeisterin hat es geschafft, dass Wasser und Strom in dicken Rohren und Kabeln von Lanzarote auf La Graciosa gepumpt werden und so das Geschäft mit Ferienwohnungen seinen Anfang nahm. Ein Bankautomat darf da nicht fehlen. Ehemalige, in die Jahre gekommene Aussteiger setzen sich für die Renovierung alter Häuser und erste Ansätze zu einer kleinen Ökolandwirtschaft ein. Das Paradies, das Karin Kaper und Dirk Szuszies am Herzen liegt, hat Kratzer bekommen, in ihrem Porträt begegnet das Dorf den Krisenzeichen jedoch mit wilder Lebenslust.
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