Präsidentschaftswahl in Bulgarien: Faktenfreie populistische Rhetorik
Ilijana Jotowa führt die Umfragen vor den Präsidentschaftswahlen Ende Oktober an. Gewinnt sie, kann sich die EU auf eine prorussische Populistin einstellen.
Ilijana Jotowa fährt schweres Geschütz auf. In ihrem Land gebe es Kriegstreiber, sie gehöre nicht dazu, ließ die bulgarische Staatschefin unlängst ihre Zuhörer*innen in Varna wissen. Bulgarien brauche keine Koalition der Willigen für die Ukraine, sondern eine Koalition für Frieden in der Ukraine. „Solange ich Präsidentin bin, wird kein einziger bulgarischer Soldat in die Ukraine gehen“, sagte Jotowa.
Zwar hat dies in Bulgarien bislang niemand gefordert, doch das ficht Jotowa nicht an. Denn ihre faktenfreie populistische Rhetorik scheint beim Publikum, zwei Wochen vor den Präsidentschaftswahlen am 25. Oktober, gut anzukommen. Jüngsten Umfragen zufolge wird es in der ersten Runde für einen Durchmarsch wohl noch nicht reichen, aber die Stichwahl dürfte die 61-Jährige für sich entscheiden.
Geboren wurde Jotowa in der westbulgarischen Kleinstadt Kostinbrod, wo sie auch ihre frühen Kindheitsjahre verbrachte. Einem Abschluss am französischsprachigen Gymnasium Alphonse de Lamartine in der Hauptstadt Sofia folgte ein Studium der Bulgaristik und der französischen Philologie an der Sofioter Staatlichen Universität, das Jotowa 1989, dem Jahr der politischen Wende in Bulgarien, beendete. Von 1991 bis 1997 arbeitete sie beim Bulgarischen Nationalen Fernsehen (BNT).
Im selben Jahr begann Jotowa auch ihre politische Karriere, sie trat der Bulgarischen Sozialistischen Partei (BSP) bei. Die BSP, traditionell russophil, ist ihren muffigen Apparatschik-Stallgeruch bis heute nicht losgeworden und politisch ein Auslaufmodell.
Eine brave Parteisoldatin
2005 wurde die verheiratete Mutter eines Sohnes auf dem Ticket der BSP in die bulgarische Nationalversammlung gewählt, zwei Jahre später ins EU-Parlament, dem sie bis 2017 angehörte. 2016 trat der Ex-Militär Rumen Radew, unterstützt von der BSP, bei den Präsidentenwahlen an. Mit Jotowa holte er sich eine brave BSP-Parteisoldatin an die Seite und machte das Rennen. Schon damals waren seine Sympathien für Russlands Präsidenten Wladimir Putin ein offenes Geheimnis.
Verhaltensauffälligkeiten der frisch gebackenen Vize-Präsidentin Jotowa im Hinblick auf Moskau waren 2018 am bulgarischen Nationalfeiertag, dem 3. März, zu beobachten. Sie kniete vor dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill, nieder, der den Balkanstaat besuchte. „Jotowa heißt den ‚Stellvertreter Putins‘ willkommen. Sie verneigt sich vor ihm, nicht vor Gott. Das Foto, das sie zu seinen Füßen kniend zeigt, wird zu einem beschämenden Symbol einer weiteren Schmach für den bulgarischen Staat werden“, war auf dem bulgarischen Webportal Faktor.bg zu lesen. Etwas weltlicher ging es 2022 zu. Da begnadigte Jotowa den inhaftierten bulgarischen Narkoboss Ognian Atanasow. Drei Jahre später wurde der wieder mit Drogen erwischt.
Im Januar 2026 trat Staatschef Radew vom Präsidentenamt zurück, um mit seiner neuen Partei „Progressives Bulgarien“ bei den Parlamentswahlen im April anzutreten. Jotowa rückte nach. Radew holte die absolute Mehrheit und kündigte an, Jotowas Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen zu unterstützen.
Als im vergangenen Monat die Opposition den Fall des Narkobosses Atanasow wieder ausgrub, sprach Jotowa von einem persönlichen Angriff auf ihre Person. Die Begnadigung sei absolut transparent gewesen. Das trifft zumindest auf ihre Orientierung nach Russland zu. Im Verbund mit Regierungschef Radew dürfte Viktor Orbán im Rock auch Brüssel einiges Kopfzerbrechen bereiten.
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