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Verschärfung des Sexualstrafrechts Es geht nicht um verunglückte Komplimente

Christian Rath

Kommentar von

Christian Rath

Der Gesetzentwurf gegen verbale sexuelle Belästigung geht vielen nicht weit genug. Doch lieber später nachschärfen als über das Ziel hinausschießen.

F ast alle Frauen kennen das: Sie schlendern durch die Straßen und müssen sich immer wieder dumme oder obszöne Sprüche von Männern anhören. Eine Schauspielerin lief einmal zehn Stunden durch New York, ihre versteckte Kamera registrierte rund 100 Anmachsprüche.

Es geht hier nicht ums Flirten, es geht nicht um Komplimente, es geht um Machtdemonstrationen. Deshalb ist es durchaus richtig, derartiges Verhalten zu bestrafen, wie es Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) nun vorhat. Sie hatte eine Initiative gegen sexuelle Belästigung mittels Worten und Gesten angekündigt – und hat geliefert.

Zwar wird ihr Gesetzentwurf vermutlich vielen nicht weit genug gehen. Denn Hubig will verbale sexuelle Belästigungen nur dann bestrafen, wenn sie „einschüchternd“ oder „bedrängend“ wirken. Da wird ein bloßes Hinterherpfeifen nicht genügen, selbst wenn es mit dem unangenehmsten Lachen verbunden ist.

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Aber der vorsichtige Ansatz von Hubig ist richtig. Denn gut gemeinte Strafrechtsverschärfungen, die zu weit gehen, können schnell ins Gegenteil umschlagen. Wenn es Hausdurchsuchungen wegen bloßer anzüglicher Bemerkungen geben würde, wäre die Empörung schnell am Kochen und die Bestrafung sexueller Belästigungen würde als neuer Exzess der Wokeness bekämpft. Das wäre im Ergebnis dann eher ein Rückschritt.

Sollte die von Hubig geplante Strafrechtsverschärfung nicht genügen, kann sie in einigen Jahren immer noch nachgebessert werden. So wie ab 2016 zunächst nur unerwünschtes körperliches Angrapschen und Betatschen als sexuelle Belästigungen erfasst wurde und dies nun um nicht-körperliche Anmache verschärft wird.

Doch Hubigs Gesetzentwurf hat auch heute schon das Potenzial, Werte zu verdeutlichen. Die Feinheiten der Strafnorm mögen im Einzelfall zu Enttäuschungen führen. In der Breite der Gesellschaft kommt aber das Signal an, dass es nicht in Ordnung ist, Frauen zum Objekt belästigender Kommentare und Gesten zu machen.

Hubig und die Bundesregierung nehmen den Schutz von Frauen und ihrer sexuellen Selbstbestimmung auch sonst durchaus ernst. So wird der Bundestag demnächst ein Gesetz gegen digitale Gewalt beschließen. Auch dort wurden Forderungen der Frauenbewegung aufgegriffen. So werden sexualisierte Deepfakes, unerwünschte Aufnahmen in der Sauna und das sexuell motivierte Filmen des Pos einer Joggerin künftig strafbar sein.

Und – die Prognose sei gewagt – noch in dieser Wahlperiode wird das Prinzip „Ja heißt Ja“ im deutschen Sexualstrafrecht eingeführt – wenn die Koalition lange genug durchhält.

Christian Rath

Christian Rath Rechtspolitischer Korrespondent

Geboren 1965, Studium in Berlin und Freiburg, promovierter Jurist, Mitglied der Justizpressekonferenz Karlsruhe seit 1996 (zZt Vorstandsmitglied), Veröffentlichung: „Der Schiedsrichterstaat. Die Macht des Bundesverfassungsgerichts“ (2013).
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8 Kommentare

  • Comerade Aardvark

    „einschüchternd“ oder „bedrängend“ nachzuweisen wird jetzt doch zum Problem werden, oder? Aber ein Fortschritt ist das unter Strafe stellen solchen Verhaltens allemal.

  • realnessuno

    "Handeln" oder "handeln lassen"?



    Bei solchen Gesetzen frage ich mich ob das unser Leben wirklich schöner macht, denn es klingt nicht realitätsnah. Im manchen Einzelfällen mag das helfen.



    Aber geht es uns nicht um ein lebenswertes Umfeld, in dem sich ALLE wohl fühlen können? So etwas erreicht man nur, indem auch jedes Individuum auf die eigenen Bedürfnisse achtet und dadurch mithilft, das Zusammenleben zu regulieren. Unser Staat kann nicht alles per Gesetz regeln.

    • Herma Huhn

      @realnessuno:

      Sie haben insofern recht, dass eine Gesellschaft, in der einfach alle sich zu benehmen wüssten, für alle angenehmer wäre. Es wäre schön, wenn wir vieles nicht per Gesetz regeln müssten.



      Gesetze werden aber immer dann benötigt, wenn der Alltag zeigt, dass ohne Gesetz das Zusammenleben eben nicht mehr für alle gleichermaßen funktioniert. Wenn eben das Achten auf die eigenen Bedürfnisse nicht mehr ausreicht, weil dabei die Bedürfnisse der anderen außer Acht gelassen werden.

  • Duplozug

    Alles richtig was hier steht. Nur, geht es hier um die symbolische Sache? Das " anpöbeln" soll öffentlich geächtet werden? Oder wirklich darum jemanden zu bestrafen? Läuft dann jede Frau jederzeit filmend durch die Stadt um den Typen in flagranti aufzunehmen wenn er ihr einen dummen Spruch hinterher brüllt ?



    Irgendwie Zweifel ich an der Alltagstauglichkeit und Lebensrealität der Sache.

    • Herma Huhn

      @Duplozug:

      Genau dieser Beweisnotstand wird dafür sorgen, dass Männer sich jetzt keine Sorgen machen müssen, plötzlich fürs reine in der Öffentlichkeit sein bestraft zu werden.



      Es geht darum das Recht auf der eigenen Seite zu haben, wenn bloße Unhöflichkeit ein Maß überschreitet, mit Frauen augenrollend leben könnten.



      Es geht um Entgleisungen, welche Frauen das Recht absprechen, sich frei in der Gesellschaft zu bewegen. Wenn Sie noch nie Zeuge einer solchen Entgleisung waren, haben Sie Glück mit Ihrer Umgebung. Machen Sie das nicht kaputt, indem Sie sich auf die Seite Unbekannter Leute schlagen, von deren Abartigkeit Sie keine Ahnung haben.

    • Mindɘrlɘistɘr

      @Duplozug:

      Die Beweislage ist im Strafrecht oft ein Problem. Soll man deswegen alle Straftatbestände abschaffen?

  • Philippo1000

    Ich begrüße die Initiativen dee Bundesjustizministerin.



    Dass Strafmaß und Verjährungsfristen bei Vergewaltigungen hoch gesetzt werden ist angebracht.



    Die Ausweitung der Thematik auf verbale Angriffe ebenfalls.



    Leider ist in diesem Zusammenhang eine negative Entwicklung in der Gesellschaft erkennbar.



    Vielen Männern scheint die permanente Verfügbarkeit von Pornoseiten zu Kopf gestiegen zu sein.



    Da scheinen Wirklichkeit und Fiktion nicht mehr klar getrennt zu werden.



    Worte wie "Anstand" wirken antiquiert. Warum eigentlich?



    Die Sprachentwicklung scheint ebenfalls eher zu verrohen.



    Bedauerlich!



    Ich möchte gerne in einer Gesellschaft leben, in der Menschen, egal welchen Geschlechts, ohne Angst zusammen leben können.



    Wenn Werte wie Anstand und Respekt unmodern werden, ist es gut, dass es Ministerinnen wie Frau Hubig gibt, die diese Werte ins Gedächtnis rufen.

  • Agarack

    Ich glaube nicht, dass die ständigen Verschärfungen des Sexualstrafrechtes am Ende tatsächlich dazu führen, dass Frauen besser geschützt werden. Hier wird zum X-ten Mal versucht, einfach politische Punkte zu sammeln, indem mal wieder ein neuer Straftatbestand eingeführt wird. Das wird, wie die letzten Male, dazu führen, dass die Zahl der Sexualdelikte sprunghaft ansteigt (durch den neuen Straftatbestand), und das wird dann wiederum zu heiliger Empörung und der Ankündigung weiterer neuer Straftatsbestände führen - und die Richtung ist ja auch schon vorprogrammiert: "Da wird ein bloßes Hinterherpfeifen nicht genügen, selbst wenn es mit dem unangenehmsten Lachen verbunden ist." - das ist doch eine schöne "Lücke", die man perspektivisch "schließen" kann.