Portugiesischer Exil-Roman: Ilse Lieblichs unwahrscheinliche Bücher
Ilse Losa, née Lieblich, hat zu Unrecht ihren eigenen Sprachkenntnissen misstraut: Ihre schnörkellose Prosa ergreift dank ihrer neusachlichen Kühle.
Foto: Stadtbibliothek Melle
Im Herzen des Buchs steht die Ausstoßung. Kaum wird sie erzählt; sie ist einfach vorhanden, vollzieht sich schleichend und unscheinbar, in belanglosen Szenen, während des Teetrinkens beim Höflichkeitsbesuch, im Rahmen der Konversation: Die bemäntelt das Böse nur notdürftig, das längst überall eingesickert ist. Es klingt mit, während doch nur über Möbel, Dekoration und Porzellan gesprochen wird. „So redeten wir“, heißt es also in der deutschen Übersetzung von Ilse Losas erstem Roman „O Mundo em que vivi“, der in Nordwestdeutschland in der Zeit von 1917 bis 1933 spielt.
Aber als in der befangenen Plauderei festgestellt ist, dass einfach nichts über Meißen gehe, fällt der Blick des geliebten Paul, der so viel von Heirat und gemeinsamen Reisen träumt, auf ein Stück Papier am Fenster: „Er stand auf und betrachtete es, wurde blass und stammelte ‚Meine Schwester lässt sich entschuldigen. Sie musste dringend zu Freunden … Wahrscheinlich ist jemand krank …‘“
Die Verlegenheitslüge muss nicht mal ausgesprochen werden. Sie liegt auf der Hand: Pauls Schwester hasst ja Juden. Auf dem Zettel wird sie ihm also Vorhaltungen gemacht haben, dieses Mädchen ins Haus gebracht zu haben, in dem die Geschwister seit dem Tod der Eltern zusammenleben, jene Rose Frankfurter, aus deren Perspektive das Buch erzählt ist. Und die will, was da wirklich steht, gar nicht wissen. Stattdessen kommt es kurz darauf also noch zu etwas, das aussieht wie eine Verlobungsszene: „Er streifte mir einen schmalen Silberring über den Finger und sagte, er werde mich nie vergessen.“
Das Buch
Ilse Losa: „Die Welt in der ich lebte“. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. Wallstein Verlag, Göttingen 2026, 238 Seiten, 25 Euro. Lesung am 29. 10., 19.30 Uhr, in Melle, Stadtbibliothek
Aber die bleibt so unterkühlt, dass klar ist: Die Wunde des Nachmittags ist viel endgültiger als Pauls fraglos ehrlich gemeintes „nie“. Der geschenkte Ring verheißt kein glückliches Leben bis ans Ende ihrer Tage, sondern nur Abschied auf immer.
Ungesundes Selbstmisstrauen
Ilse Losa hat der rauen Poesie ihres Schreibens selbst misstraut, hat das, was Lesende als lakonisch-schnörkellosen Stil bewundern werden, als Folge mangelhafter Sprachkompetenz bagatellisiert. Am Ende ihrer Karriere, nachdem sie drei Romane, viele Erzählungen und etliche Kinderbücher geschrieben, Bert Brecht, Anna Seghers, Max Frisch und „Das Tagebuch der Anne Frank“ für die lusofone Welt erschlossen hat, stellt sie 1989 in einem Interview fest, ihre Entscheidung fürs Portugiesische sei „ein großer Fehler“ gewesen.
Aber diese Selbstabwertung ist das Einzige, was falsch ist an dem, was diese in Buer bei Melle 1913 als Ilse Lieblich geborenen Frau der Welt hinterlassen hat. Ihr Werk ist Literatur, ist Kunst, und das muss betont werden, weil es zugleich so vieles anderes auch ist, Therapie zum Beispiel: Mit dem Schreiben hatte sie Mitte der 1940er Jahre auf ärztlichen Rat begonnen, um die Depression zu zähmen. Auch haben ihre Autofiktionen oft dokumentarischen Wert: „Die Welt in der ich lebte“ ist eine einzigartige Schilderung jüdischer Kindheit im ländlichen Deutschland der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.
Ilse Losa, née Lieblich, Schriftstellerin
Ihre artistische Schichtung von erzählten und Erzähl-Zeiten, von Erinnerungen, Gegenwart und Rückblenden, lassen die Lesenden regelrecht hineingleiten in die Heimatlosigkeit ihrer Figuren. Dieser Fokus auf die Biografie ist verständlich. Denn sensationell ist Ilse Losas literarisches Werk ja auch durch die unwahrscheinliche Geschichte seiner Entstehung.
Nichts aus ihrer Kindheit im Osnabrücker Land hätte sie auf eine Schriftstellerkarriere vorbereiten können. „Niemand erzählte mir im Elternhaus abends Geschichten“, heißt es in „Die Welt in der ich lebte“, und das dürfte eine wahre Erinnerung sein: Die Familie des Pferdehändlers Arthur Lieblich, Sohn des Pferdehändlers Joseph Lieblich, kann als kulturfern gelten.
Geradezu irrwitzig wirkt, dass die Tochter schließlich in Portugiesisch zur Schriftstellerin wird: Die Familie hat mit dieser Sprache nichts am Hut, der schulische Fächerkanon der Weimarer Republik kennt sie nicht. Als ihr Erstling 1949, wenige Monate vor der Geburt ihrer zweiten Tochter, erscheint, ist es wirklich erst 15 Jahre her, dass die Autorin „Bom dia“ und „Obrigado“ zu sagen gelernt hat. 14 liegt die Heirat mit Arménio Taveiro Losa zurück.
Den Architekten – der bald darauf zum ersten Leiter des neuen Stadtplanungsamtes von Porto ernannt wird – hatte sie in einem Café kennengelernt. Das Haus der beiden avanciert zu einem wichtigen Treffpunkt der dissidenten Intelligenzija, der Exilant*innen und der Menschen im Transit.
Ins Visier der Gestapo geraten
Die Überfahrt nach Leixoes hatte Ilse Lieblich 1934 ohne lange zu überlegen gebucht. Der Hafen von Porto ist der letzte Zwischenstopp der Südamerika-Linie von Hamburg aus. Dort hatte sie am 9. März, zehn Tage vor ihrem 21. Geburtstag, ein Billett dritter Klasse für die „General San Martin“ erworben, die noch am selben Tag ablegt: nur fort!, nur fort! Denn Ilse Lieblich hatte die Krallen des Monsters gesehen.
Politisch wach und unerschrocken – auch in Portugal wird sie bis zu deren Verbot in der pazifistischen Frauen-Orga Associação Feminina Portuguesa para a Paz mitwirken – war sie Anfang des Jahres ins Visier der Gestapo geraten: Weil sie auf einer Postkarte Adolf Hitler einen Verbrecher nennt, wird sie zum Verhör zitiert. Sie widerruft, darf gehen, weiß aber: Das hätte sie fast ins KZ gebracht.
Lob sei also dem Wallstein Verlag, der „Die Welt in der ich lebte“ nun eine Neuauflage beschert. Das Buch ist in einer zugänglichen, präzisen und oft neusachlich-unterkühlten Sprache verfasst. Maralde Meyer-Minnemanns gut gealterte Übersetzung aus den 1980er Jahren bildet sie vorzüglich nach. Etwas ratlos macht allein die Gestaltung des Covers: Für die portugiesische Erstausgabe hatte Gretchen Wohlwill einen Mädchenkopf gezeichnet.
Losa sei in Portugal die Frau gewesen, zu der sie die größte Nähe verspürt habe, so hat die aus dem Exil nach Hamburg zurückgekehrte Malerin später geschildert. In ihren Erzählungen und Romanen habe sie „das beschrieben, was ich selbst erlebt hatte“. Das Buch nun mit einem hübschen, aber etwas beliebigen Edvard-Munch-Gemälde zu dekorieren, wirkt etwas gedankenlos. Die Bedeutung der Neuausgabe schmälert es nicht.
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