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Ölwrestling in der TürkeiGut geölte Männer

Ölwrestling zählt zu den ältesten Sportarten der Türkei. Die Erdoğan-Regierung fördert den „Ahnensport“, um ein breites Publikum zu erreichen.

Unter tosendem Applaus betritt Cemal Cumbur den Rasen in der Wrestling-Arena nahe Seydikemer im Süden der Türkei. Während trommelnde Musiker den Takt vorgeben, übergießt der Wrestler seinen stählernen Körper mit Olivenöl. Mit eisernem Blick stellt er sich vor seinem Gegner auf, der ihn um einen Kopf überragt und wohl doppelt so viel wiegt. Doch Cumbur wirkt entschlossen, den Koloss zu bezwingen. Ungleiche Duelle wie diese hat er schon öfter für sich entschieden. In der Szene trägt er deshalb den Spitznamen „Atom Karınca“, was so viel wie Atomameise bedeutet.

„Yağlı Güreş“ heißt der Ölringkampf, der in der Türkei seit rund siebenhundert Jahren ausgetragen wird. Der Sport gehört zu den ältesten Kampfsporttraditionen des Landes. Durch das Öl gilt er als besonders anspruchsvoll. Das größte Turnier im Ölwrestling, das bereits 665-mal in Edirne im Westen der Türkei stattfand, gilt als immaterielles Kulturerbe der Unesco. Und auch der jährliche Wettbewerb in Seydikemer sorgt für Aufmerksamkeit: Rund 1.100 sogenannte Pehlivans – also Ringer – treten an. Etwa 10.000 Zuschauer verfolgen die Kämpfe. Außerhalb des Stadions verkaufen Händler Grillfleisch, Kinder fahren Karussell, Familien picknicken.

Trainer Numan Yayıcı beobachtet seinen Schüler Cumbur von der Seitenlinie. „Der Sport liegt uns in den Genen. Schon unser Prophet Muhammad hat Konflikte beim Ringen ausgetragen“, erklärt er. Der Überlieferung zufolge habe Mohammad dreimal gegen den großen Kämpfer Rukana gewonnen, der danach ehrfürchtig zum Islam konvertierte. Ein Pehlivan sei deshalb nicht einfach nur ein Ringer: „Sie genießen großen Respekt in der Gesellschaft“, erklärt Yayıcı.

Das weiß auch die türkische AKP-Regierung. Präsident Recep Tayyip Erdoğan bezeichnet Yağlı Güreş ausdrücklich als „Ata sporu“ – als Sport der Vorfahren. Im September fand ein eigens ausgerichteter Präsidenten-Cup statt, den Erdoğan von der Tribüne aus verfolgte. Auch in der Arena von Seydikemer ist die nationalkonservative Prägung des Sports sichtbar: Über dem Rasen wehen mehr türkische Flaggen, als man zählen könnte, dazwischen hängen übergroße Porträts von Republikgründer Atatürk, Erdoğan und dem AKP-Bürgermeister der Region.

Politisches Interesse

Dass hinter der Förderung traditioneller Sportarten auch politisches Interesse stehen könnte, zeigt ein Blick auf die World Ethnosport Confederation. Seit 2017 setzt sich die Organisation für den Erhalt traditioneller Sportarten und kultureller Identität ein. An ihrer Spitze steht Bilal Erdoğan, der Sohn des Präsidenten. Die World Ethnosport Confederation verbindet den Ölringkampf mit traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit.

Spätestens seit der Fußballweltmeisterschaft in Katar ist bekannt, dass Autokraten Sportereignisse zu ihren Gunsten inszenieren. Auch Yağlı Güreş vermittelt ein bestimmtes Narrativ: Die stolzen und durchtrainierten Kämpfer verkörpern Stärke, Disziplin und Tradition. Die World Ethnosport Confederation will den Sport über die Ländergrenzen hinaus bekannt machen und damit möglicherweise auch das Bild einer starken, traditionsbewussten Türkei verbreiten.

„In der Zukunft wird es vielleicht mal einen europäischen Ölwrestling-Wettbewerb geben“, sagt Trainer Numan Yayıcı. Er begrüßt, dass der Sport an Aufmerksamkeit gewinnt. Dadurch verdienen seine Schüler mehr Geld, können sich voll auf den Sport konzentrieren. „Viele der Kämpfer leben nur von den Preisgeldern, die sie den Sommer über bei Wettbewerben verdient haben“, erklärt er. Die laufende Wirtschaftskrise in der Türkei ließ die Inflation auf jetzt rund 30 Prozent wachsen, zurzeit würden viele Kämpfer nur schwer über die Runden kommen.

In der Arena von Seydikemer liegt Spannung in der Luft. Cemal Cumbur versucht, seinen schweren Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dafür greift er in dessen Kıspet, die traditionelle Lederhose der Ringer. Wer seinen Gegner zuerst mit beiden Schultern auf den Boden zwingt oder ihn hochhebt und drei Schritt trägt, gewinnt den Kampf. Flink schiebt sich Cemal Cumbur unter seinen Gegner, packt sein Hosenbein und wirft ihn zu Boden. Auf der Tribüne springen die Zuschauer jubelnd auf. Auch Coach Numan Yayıcı kann seinen Stolz nicht zurückhalten: „Genau deshalb nennt man ihn Atomameise“, ruft er grinsend.

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