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Alkoholverbot in Bahnhöfen Aus der Bahn genommen

Lukas Wallraff

Kommentar von

Lukas Wallraff

Nun ist es so weit: An ungefähr 5.700 Bahnhöfen in Deutschland gilt ein Alkoholverbot. Bei allen Tücken im Detail war diese Entscheidung überfällig.

A utoritäre Herrschaftszeiten! Erst machen sie die süße Cola teurer, dann die Zigaretten, und jetzt darf man nicht einmal beim Warten auf die Zugfahrt mehr ein Bierchen trinken, wenn die verfluchte Bahn wie immer viel zu spät kommt!

Was denken sich die Gesundheitspolizisten nach dem Alkoholverbot an Bahnhöfen als Nächstes aus? Ach ja, die Plastiksteuer. Das trifft auch die Bifi. Nie mehr Billigwurst! Und am Bahnsteig Durst! Wo führt das alles hin, wo soll das enden?

Da sich die Mehrheit der Menschen ungesund ernährt und irrational verhält, steigt mit den zunehmenden Verboten und Verteuerungen auch die Zahl der potenziellen Wutbürger im Land, die nicht gegendert werden müssen, weil die klare Mehrheit der wutschäumenden Biertrinker eindeutig männlich ist.

So wie auch die klare Mehrheit der fanatischen Wurstesser, Bahn-Basher und AfD-Anhänger, die für rationale Argumente unzugänglich sind. Was also lässt sich tun, um sinnvolle Maßnahmen trotzdem durchzusetzen? Ein Männerverbot wäre natürlich die einfachste Lösung, würde vermutlich aber noch mehr Widerstand heraufbeschwören als ein Verbot der AfD.

Nüchtern gesehen eine Stadtbildverbesserung

Wohl oder übel müssen wir es wohl mit dem guten alten Nachdenken, Diskutieren und Aufklären versuchen. Ein Unterfangen, das nicht ganz aussichtslos erscheint, weil ja auch Frauen noch wählen dürfen.

Beginnen wir die Überzeugungsarbeit am besten jetzt sofort mit dem Verbot des Alkoholkonsums, das ab 15. Oktober an allen deutschen Bahnhöfen in Kraft tritt. Mit etwas Glück findet sich hierfür sogar eine Mehrheit aus allen polarisierten Gesellschaftsgruppen.

Ein Ende des Saufens in und um die Bahnhöfe herum mit all seinen Begleiterscheinungen wie ordinären Tönen, Geschrei und Scherben verbessert höchstwahrscheinlich auch das Stadtbild, das längst nicht nur Friedrich Merz beklagt.

Selbst die Linkspartei hat im letzten Berliner Wahlkampf mehr Sauberkeit versprochen, weil sie die Deutschen kennt. Der Wunsch nach mehr Ruhe, Recht und Ordnung in öffentlichen Räumen mag konservativ und spießig klingen, aber so sind die Deutschen halt. Einfach nichts zu tun und das Stadtbild so zu lassen, wie es ist, wäre deshalb eher nicht zu empfehlen.

Im Vergleich zu dem rassistischen Ruf nach Abschiebungen, den Merz vor einem Jahr ausstieß, ist das Alkoholverbot an Bahnhöfen auf jeden Fall ein deutlich besserer Anfang, weil es nicht nach Herkunft unterscheidet und niemanden diskriminiert. Stattdessen hilft es allen, die durch Betrunkene belästigt oder sogar bedroht werden: Reisenden und Bahnangestellten. Wie die Erfahrungen an den Testbahnhöfen zeigen, an denen die Prohibition in den letzten Monaten ausprobiert wurde, gehen Krawall und Müll ohne Alkoholtrinker messbar zurück.

Wie bei allen neuen Maßnahmen bleibt abzuwarten, wie das Alkoholverbot durchgesetzt wird. Natürlich liegen auch hier die Tücken in der Diskriminierung von Randgruppen. Obdachlose dürfen nicht einfach rausgeschmissen werden, ohne ihnen alternative Aufenthaltsorte anzubieten. Bei den Kontrollen des Alkoholverbots darf es kein Racial Profiling geben. Auch besoffenen Fußballfans müssen die Flaschen abgenommen werden, egal, woher sie kommen.

Ja, es ist eher unwahrscheinlich, dass die Ordnungshüter plötzlich vorurteilsfrei agieren. Aber man soll die Hoffnung nie aufgeben. Friede den Bahnhöfen!

Lukas Wallraff

Lukas Wallraff taz.eins- und Seite-1-Redakteur

seit 1999 bei der taz, zunächst im Inland und im Parlamentsbüro, jetzt in der Zentrale. Besondere Interessen: Politik, Fußball und andere tragikomische Aspekte des Weltgeschehens
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4 Kommentare

  • lifoo

    Was soll man von so einem Alkoholverbot halten, wenn das geltende Rauchverbot an Bahnhöfen mittlerweile schlichtweg ignoriert wird?

    • Janix

      @lifoo:

      In vielen Bahnhöfen gibt es gelb umrandete Flächen, wo dies ausdrücklich erlaubt ist. Achten Sie mal drauf. Dort einsteigen heißt, Geruch in Atem und Kleidung steigt zuweilen mit ein.



      (Früher waren Bahnreisen kürzer, das erleichterte es den Suchtis auch.)

      Ignoriert wird da nichts, und Sie und ich können ja immer wieder die Letzten darauf hinweisen. Neoliberales Ich-ich-ich darf gerne in ein gemeinsames Schaffen-wir gehen.

      Nikotin nervt Dritte an den Nasen und den Lungenlappen, Alkohol nervt indirekt, durch seine gehirn- und hemmungsreduzierende Wirkung.

  • sujall

    Eine Kombi mit Alkoholverbot in Regionalzügen - wie in der NordWestBahn seit 2016 auf Wunsch der Fahrgäste praktiziert - wäre generell und überall im Land sehr wünschenswert:

    "Laut einer repräsentativen forsa-Umfrage aus dem Jahr 2014 wird ein generelles Alkoholverbot in öffentlichen Verkehrsmitteln von 71 Prozent aller Deutschen begrüßt. Auch eine groß angelegte Befragung, die die NordWestBahn unter ca. 1.500 Fahrgästen im Sommer dieses Jahres durchgeführt hat, bestätigt das deutschlandweite Meinungsbild. 75 Prozent der Fahrgäste sprechen sich für eine NordWestBahn aus, in deren Zügen kein Alkohol getrunken wird."

    www.nordwestbahn.d...lkoholkonsumverbot

  • Janix

    Laute Junggesellenabschiede. Ja, und Junggesellinnenabschiede!



    Kegelvereine, Vertriebler-Ausflüge. Wohlstandsverwahrloste Jungspunde mit dem teuren Gin.



    Fußballfans haben sich inzwischen gefühlt mehr im kollektiven Griff, doch auch da darf das Saufen gerne erst nach dem Verlassen des Bahnhofs einsetzen.







    Der Alkoholkranke ohne festen Wohnsitz kommt bei mir dagegen weit hinten auf der Nervt-Liste. Oder das französische Ehepaar auf der Bank, das sich einen kleinen (!) Becher Wein zum Käsebrot gönnt.

    In einer idealen Welt würde jeder das selbst lösen (können). Da würden auch keine Leute Alkoholwerbung machen. Außer für Putzspiritus. Krebserzeugendes Gift, bei aller Anerkennung von Leckereien mit Alkohol.



    Ich fürchte, die Bahnhöfe gewinnen deutlich an Qualität, wenn der Pegel mal niedrig ist.