Gesucht wegen Angriffen in Budapest: Antifaschist Gino Abazaj stellt sich der Polizei in Hannover
Seit Jahren fordert Ungarn die Auslieferung des albanischen Antifaschisten Gino Abazaj. Nun stellte er sich selbst auf einer Polizeiwache in Hannover.
Foto: Simon Wohlfahrt
Seit Langem schon hatten deutsche Behörden die Überstellung des albanisch-italienischen Antifaschisten Rexhino „Gino“ Abazaj nach Deutschland gefordert – wegen vorgeworfener Angriffe auf Rechtsextreme. Bisher wehrte sich der 34-Jährige juristisch dagegen. Nun nicht mehr: Am Donnerstagabend stellte sich Abazaj der Polizei in Hannover, auf der Nordstadt-Wache. „Ein Leben auf der Flucht ist keine Perspektive für mich“, erklärte der Aktivist in einem Video.
Empfohlener externer Inhalt
Lukas Theune, der Anwalt von Abazaj, bestätigte der taz die Selbststellung und Festnahme in Hannover. Sein Mandant sollte noch in der Nacht nach Karlsruhe gebracht und dort im Auftrag der Bundesanwaltschaft einem Haftrichter vorgeführt werden, so Theune.
Gino Abazaj ist albanischer Staatsbürger, aber in Italien aufgewachsen. Er wurde bereits seit drei Jahren gesucht. Der Vorwurf: Er soll mit anderen Antifaschist*innen aus Deutschland und Italien im Februar 2023 in Budapest mehrere Rechtsextreme schwer angegriffen haben. Diese hatten sich dort damals zu einem Aufmarsch aus ganz Europa versammelt, dem „Tag der Ehre“, auf dem die Wehrmacht verherrlicht wird.
Abazaj war danach abgetaucht und in Finnland festgenommen worden. Mit einer Fußfessel wurde er aus der Haft entlassen – diese trennte er durch und floh weiter nach Frankreich. Dort wurde Abazaj im November 2024 in Paris erneut festgenommen. Ungarn verlangt seitdem seine Auslieferung – so wie im Fall von Maja T. aus Thüringen.
Pariser Gericht erlaubte zuletzt die Auslieferung
Frankreich aber verweigerte eine Auslieferung von Abazaj nach Ungarn, wegen Zweifeln an der dortigen Rechtsstaatlichkeit und angesichts einer drohenden Strafe von bis zu 24 Jahren Haft. Im März 2025 kam Abazaj wieder auf freien Fuß.
Zugleich beantragte nun auch Deutschland eine Auslieferung von Abazaj, weil bei den Angriffen in Budapest auch deutsche Staatsbürger verletzt wurden. Vor zwei Wochen dann entschied ein Pariser Gericht, dass eine Auslieferung von Abazaj nach Deutschland zulässig ist. Wann diese erfolgen sollte, blieb zunächst offen.
Nun wartete Abazaj diesen Schritt nicht mehr ab. Eine Auslieferung nach Ungarn sei für ihn nie infrage gekommen, sagte er in einem Video, das kurz nach seiner Selbststellung bei der Polizei Hannover veröffentlicht wurde. In Ungarn drohten „Foltergefängnisse“ und ein „Schauprozess“. Allerdings würden auch in Deutschland Antifaschist*innen verfolgt, kritisierte Abazaj. Auch dort riskiere er einen „unfairen Prozess“. Dennoch habe er sich gestellt, um seinen Fluchtzustand zu beenden. Zugleich solidarisierte sich Abazaj mit Maja T. und anderen verfolgten Antifaschist*innen.
„Hoffnung auf ein faires Verfahren“
Sein Anwalt Lukas Teune sagte der taz, er gehe nicht davon aus, dass Abazaj von Deutschland weiter nach Ungarn ausgeliefert werde. Sein Mandant sei mit der Selbststellung „nunmehr in Vorleistung gegangen“, so der Anwalt. „Unsere Hoffnung ist jetzt, dass ihn hier in Deutschland ein faires Verfahren erwartet.“
Dieses Verfahren dürfte die Bundesanwaltschaft führen – so wie zuletzt auch schon im Fall der Nürnbergerin Hanna S., die wegen der Budapest-Angriffe zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Oder wie gegen 12 weitere Antifaschist*innen, die derzeit in Dresden und Düsseldorf vor Gericht stehen.
Zuletzt war Maja T. zu sieben Jahren Haft in Ungarn verurteilt worden. Auch einem weiteren Linken droht noch die Auslieferung nach Ungarn oder Deutschland wegen der Budapest-Angriffe: dem syrischen Nürnberger Zaid A., der sich derzeit in Paris aufhält. Über seine Auslieferung will ein Pariser Gericht am 25. November entscheiden.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert