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Wahl in Israel: Königsmacherin ohne Anschluss
Die arabische Partei Ra'am könnte über Israels nächste Regierung entscheiden. Sie kämpft gegen Gewalt und für mehr Rechte ihrer Wähler – bis hin zu Strom in Häusern.
W aleed Al-Hawashleh ist Mitglied der Knesset, des israelischen Parlaments. Und er wirkt auch wie ein Abgeordneter: Das hellblaue Hemd ist faltenfrei und ordentlich in die Hose gesteckt, die Brille rahmenlos, der Haarschnitt praktisch und kurz. Etwas über 100 Kilometer pendelt er zwischen seiner Arbeitsstelle in Jerusalem und dem Dorf Sa’wa, in dem er lebt. So weit, so normal.
Doch auf dem Dach von Al-Hawashlehs Haus reiht sich Solarplatte an Solarplatte, im Garten steht eine weitere, vertikal aufgebaut. Dahinter erstreckt sich die Wüste Negev, im Arabischen Naqab genannt. Al-Hawashleh nickt in Richtung der Solarplatten und sagt: „Ich bin Mitglied der Knesset, aber mein Haus hat keinen Stromanschluss.“ Das gesamte Dorf, wie viele hier im Süden Israels, ist nicht ans staatliche Stromnetz angeschlossen.
Al-Hawashleh ist Beduine und damit Teil der arabischen Minderheit in Israel. Etwa 2,1 Millionen von insgesamt rund 10,3 Millionen Staatsbürgerinnen und -bürgern wachsen in Israel mit arabischer Muttersprache auf. Der größte Anteil unter ihnen sind Muslime, etwas über 80 Prozent, der Rest Christen und Drusen. Viele von ihnen, die Drusen ausgenommen, bezeichnen sich selbst als Palästinenser oder als „48er“ – also Palästinenser, die bei der Staatsgründung Israels 1948 auf dessen heutigem Territorium verblieben.
Wie auch jüdische Staatsbürger haben sie das aktive und passive Wahlrecht. Am Dienstag wird in Israel gewählt. Al-Hawashleh, der bereits in der Knesset sitzt, tritt erneut an.
Zwei arabische Parteien stehen dieses Mal auf der Wahlliste: die Joint List, die aus den Parteien Hadash, Ta’al und Balad besteht. Und die Ra’am, Waleed Al-Hawashles Partei. Bei dieser Knesset-Wahl könnten sie für die Regierungsbildung entscheidend sein. Denn weder der Oppositionsblock noch der Block des derzeitigen Premierministers Benjamin Netanjahu erreichen laut Umfragen die nötigen 61 Sitze für eine Regierungsmehrheit. Beiden Blöcken fehlen etwa sechs bis zehn Sitze, je nach Umfrage. Um über die Hürde zu kommen, bräuchten sie also Partner.
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Die Joint List ist eher säkular, links, teilweise arabisch-nationalistisch ausgerichtet. Alle drei Parteien, aus denen sie sich zusammensetzt, sind Oppositionsparteien. Aspirationen, eine israelische Regierung mitzubilden, haben sie nicht.
Ganz anders Ra’am. Die Partei saß bereits einmal in der Regierungskoalition – unter der sogenannten Regierung des Wandels von 2021 bis 2022. Und auch bei dieser Wahl will sie wieder Teil einer Regierungskoalition werden.
Wird Ra’am also die Königsmacherin? Wofür steht die Partei? Und wer wählt sie?
Mansour Abbas ist der Parteivorsitzende und steht auf Position eins der Kandidatenliste der Ra’am. Die taz trifft ihn in einem Parteibüro in Zarzir, einem Beduinendorf nahe Nazareth in Nordisrael. Acht Sitze, sagt er, seien das Ziel der Ra’am bei den Wahlen. Er rechnet vor: Etwa 53 Sitze in der Knesset werden die Oppositionsparteien bei der Wahl wohl erhalten, so legen es verschiedene Umfragen nahe. Ihnen fehlten somit acht Sitze zur Mehrheit. „Sie müssten uns in ihre Koalitionsverhandlungen miteinbeziehen“, betont Abbas.
Zum Oppositionsblock gehören Yashar, die Mitte-rechts stehende Partei des ehemaligen Generals Gadi Eisenkot, sowie B’Yachad von Yair Lapid und Naftali Bennett. Lapid gilt als Zentrist, Bennett steht weiter rechts der Mitte. Hinzu kommt Yisrael Beitenu, die rechte Partei von Avigdor Liberman, die lange vor allem bei Israelis mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion Unterstützung fand. Komplettiert wird das Lager durch die Mitte-links-Partei der Demokraten.
Doch außer den Demokraten zeigt kaum jemand Bereitschaft, mit Ra’am zu koalieren. Und das, obwohl Lapid und Bennet ja bereits einmal mit der Partei in einer Koalition saßen. Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich Israel verändert.
Damals fielen die Hamas und andere palästinensische Milizen aus dem Gazastreifen im Süden des Landes ein; etwa 1.200 Menschen wurden getötet, 251 Geiseln in den Gazastreifen verschleppt.
Eine gemeinsame Untersuchung der Universität Tel Aviv und des in Ramallah ansässigen Palestinian Center for Policy and Survey Research (PCPSR) zeigte jüngst: Nur etwa einer von zehn jüdischen Israelis hat noch Vertrauen in Palästinenser. Schmerz, Angst, aber auch Hass sitzen tief. Das Vertrauen in die arabischen Mitbürger im Staat fehlt vielen Menschen in Israel.
Dabei waren unter den Opfern am 7. Oktober auch 21 Beduinen, fünf arabische Israelis aus dem Norden, ein Palästinenser aus Ost-Jerusalem und fünf Palästinenser aus dem Gazastreifen, die sich als Arbeiter legal in Israel aufhielten. Sieben der 21 beduinischen Opfer kamen durch Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen um, 14 wurden aus nächster Nähe getötet. Sieben Beduinen wurden außerdem als Geiseln genommen; nicht alle überlebten. Auch unter den Soldaten, die in den Kriegen nach dem 7. Oktober fielen, sind Drusen und Beduinen, also arabische Bürger Israels.
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Die Beduinen waren die größte arabische Opfergruppe am 7. Oktober. Ein großer Teil der beduinischen Bevölkerung Israels lebt in der Negev – und damit in der Nähe des Gazastreifens. Ein kleinerer Teil lebt im Norden, in der Galilee. Die Beduinen sind außerdem die wichtigste Wählergruppe der Ra’am. Bei der Wahl im Jahr 2022 wählten zwei Drittel der Beduinen im Norden Ra’am; im Süden waren es mit fast 74 Prozent noch etwas mehr.
Dass so viele Beduinen am 7. Oktober getötet wurden, hat mehrere Gründe. Einer davon: Viele der Getöteten und Entführten arbeiteten in den Kibbuzim entlang der Grenze, die besonders heftig angegriffen wurden.
So wie Hamed Abo Arrar. Am 7. Oktober 2023 bringt ihn seine schwangere Frau Fatma Alttalaqat von ihrem Wohnort Ar’arat an-Naqab zu seiner Arbeit auf den Feldern nahe dem Gazastreifen. Ihr sechs Monate alter Sohn sitzt ebenfalls im Auto. An einer Kreuzung bleiben sie an einer roten Ampel stehen. Dort habe er sie gesehen, erzählt Hamed Abo Arrar heute in seinem Haus in Ar’arat an-Naqab: Hamas-Kämpfer, mehrere von ihnen.
„Sie haben gesehen, dass meine Frau Kopftuch trug“, sagt er. „Sie haben gesehen, dass wir einen Koran im Auto liegen hatten.“ Trotzdem schießen sie. Fatma Alttalaqat stirbt sofort, mit ihr das ungeborene Kind. Das Baby wird an der Schulter verletzt. Die Kämpfer halten offenbar auch Hamed und seinen Sohn für tot. Sie lassen die Toten zurück.
Hamed Abo Arrar versteckt sich mit seinem Sohn in einem Elektrokasten. Von dort aus beobachtet er, wie weitere Hamas-Kämpfer eintreffen. Er kontaktiert das Militär und die Polizei. Drei Stunden lang spricht er immer wieder mit ihnen, erzählt er. Dann ist der Akku seines Telefons leer.
Als Stunden später endlich das Militär an der Kreuzung eintrifft, hört er, wie Hamas-Kämpfer hinter seinem Versteck einen Hinterhalt vorbereiten. Er trifft eine Entscheidung. Er sei losgerannt, erzählt er, seinen Sohn auf dem Arm, direkt auf die Soldaten zu. Er warnt sie vor dem Hinterhalt. Die Soldaten überleben. Hamed und sein Sohn auch.
Für seinen Mut wird er später eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung für Israel bekommen. Denn Abo Arrar stammt aus dem Gazastreifen, ein Beduine aus Rafah. Seine Frau war Beduinin aus Israel. Die neun gemeinsamen Kinder sind ebenfalls israelische Staatsbürger.
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Er kenne viele jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, sagt er. „Sie alle wollen in Frieden leben, und ich will auch in Frieden leben.“ Er glaube weiter daran, dass gute Beziehungen möglich sind. Trotz des 7. Oktobers – und trotz der rechtsradikalen Kräfte in der derzeitigen israelischen Regierung.
Die Ideologie der Minister Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich ähnele der der Hamas, sagt er. Und beide würden Israel zerstören, so wie die Hamas Gaza zerstört habe. Israel, sagt er, sei von großen Männern aufgebaut worden. Ein Werk, das Ben Gvir und Smotrich heute zunichtemachten.
Alle wahlberechtigten Araber in Israel sollten am 27. Oktober zur Wahl gehen, betont er. Nur so könne die rechte Regierung abgelöst und die Sicherheit für Araber und Juden wiederhergestellt werden. Von der Wahl am 27.10. hänge viel ab, sagt er. Sollte erneut eine rechte bis rechtsextreme Regierung an die Macht kommen, hätten alle im Land „ein großes Problem“.
„Ich unterstütze jede arabische Partei, die sich in die Politik in Israel einbringen will, auch in die Regierung. Und ich bin gegen jede Partei, die die arabisch-jüdische Partnerschaft in diesem Land bedroht“, sagt Abo Arrar.
Welche der arabischen Parteien er gut findet, ist damit ziemlich klar, ohne dass Hamed Abo Arrar ihren Namen explizit ausspricht. Parteichef Mansour Abbas sagt im Gespräch mit der taz, dass man natürlich der anderen arabischen Wahlliste, der Joint List, Stimmen abwerben wolle: „Sie brauchen diese ja nicht.“ In der Opposition falle ein Sitz mehr oder weniger nicht ins Gewicht.
Fünf Sitze hält die Ra’am derzeit in der Knesset. Drei weitere Sitze fehlen ihr also, um Abbas’ Wunsch von acht Mandaten zu erreichen. Neue Stimmen gewinnen, aus allen Teilen der israelischen Gesellschaft, das ist das erklärte Ziel: Liberale Muslime, Christen, Drusen, Juden – sie alle werden von der Ra’am umworben. Man öffne sich allen, betont Abbas. Das wichtigste Thema der Ra’am, die zunehmende Gewalt in der arabischen Gemeinschaft, dürfte auch für manche Christen und Juden relevant sein. Die Angriffe betreffen auch Orte mit gemischt arabisch-jüdischer Bevölkerung, etwa die Stadt Lod.
Als Ra’am 1996 erstmals an Wahlen teilnahm, vertrat sie eine ganz bestimmte Gruppe innerhalb der arabisch-israelischen Gesellschaft: die konservativen Muslime. Ihren Ursprung hat Ra’am in der Islamischen Bewegung in Israel, die den Muslimbrüdern nahestand. Scheich Abdullah Nimar Darwish gründete die Bewegung 1971. Eine Zeit lang stand sie für Gewalt: Ende der 1970er unterstützte sie bewaffnete Zellen, die allerdings vor allem Sachschäden anrichteten. Ihr Ziel war ein arabisch-muslimischer Staat auf dem gesamten Gebiet des ehemaligen britischen Mandatsgebiets Palästina – also im heutigen Israel, im Westjordanland und im Gazastreifen.
1981 verhafteten die israelischen Behörden Darwish, 1983 kam er wieder frei, scheinbar als geläuterter Mann. Man müsse mit islamischen Werten in Israel politisch aktiv sein, ohne das Gesetz zu brechen, lautete die neue Erzählung der Islamischen Bewegung. Und das funktionierte: In immer mehr Orten gewann sie Mandate auf lokaler und kommunaler Ebene.
Mitte der 1990er Jahre spaltete sich die Bewegung in einen Nord- und einen Südflügel. Die Trennungsgründe: Die Haltung zum Oslo-Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern, die der pragmatischere Südflügel unterstützte, der ideologischere Nordflügel hingegen ablehnte. Außerdem zerstritt man sich über der Frage, ob eine Teilnahme an den Knesset-Wahlen in Israel legitim sein könne. Der Südflügel sprach sich dafür aus; besorgte sich eine entsprechende islamische Rechtsprechung und vollzog die Trennung vom Nordflügel. Dieser wurde 2015 offiziell verboten, bekannte Gesichter der Gruppe rufen auch im Jahr 2026 noch zu einem Boykott der Knesset-Wahl auf.
Der politische Arm des Südflügels wurde schließlich Ra’am. Ihr Vorsitzender wurde Mansour Abbas, und er trieb den Deradikalisierungsprozess weiter voran. Anfang 2026 verkündete er die Trennung von der Islamischen Bewegung und ihrem Shura-Konzil, dem religiösen Beratungsgremium, das bislang die Geschicke der Partei mitbestimmte.
Zionistisch-jüdischer Politiker auf Wahlliste
Abbas setzte zudem erstmals einen zionistisch-jüdischen Politiker auf die Wahlliste. Auf Platz zwei, direkt hinter ihm selbst, steht nun Yoav Segalovich. „Rechte Parteien und Politiker äußern sich immer wieder rassistisch gegen den arabischen Teil der israelischen Gesellschaft“, sagt er. „Mit Segalovich setzen wir ein Zeichen für Zusammenarbeit.“ Außerdem sei Segalovich ein Vorreiter im Kampf gegen kriminelle Gruppen, jüdisch-israelische wie arabisch-israelische. Er habe daher Unterstützer auf beiden Seiten der Gesellschaft.
Tatsächlich hält eine Welle der Gewalt derzeit die arabische Gesellschaft Israels in Atem. Seit Beginn der Amtszeit der derzeitigen Regierung – und des Ministers für Innere Sicherheit, Ben Gvir, dem auch die Polizei untersteht – haben die Vorfälle deutlich zugenommen. 2025 war das bislang tödlichste Jahr mit 252 Opfern. Alleine im ersten Halbjahr 2026 wurden 144 Mordopfer gezählt.
Die Entwicklung der kriminellen Strukturen reicht allerdings weiter zurück: Bei einem versuchten Mordanschlag auf einen jüdischen Mafioso in Tel Aviv im Jahr 2003 kamen drei Menschen um, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort befanden. Daraufhin ging die Polizei hart gegen die organisierte Kriminalität in der jüdischen Gesellschaft vor. Das Machtvakuum füllten arabische kriminelle Gruppen, die vorher eher als Handlanger der Mafia fungiert hatten. Eines ihrer Geschäfte: die Vergabe von informellen Krediten an arabische Israelis. Wer diese nicht mit harter Währung zurückbezahlen kann, bezahlt eben anders.
Dass der Staat dieser Gewaltkriminalität in der arabischen Community endlich etwas entgegensetzt, ist vielen Bürger*innen ein großes Anliegen. Es ist auch eines der wichtigsten Wahlversprechen von Ra’am.
Das zweite Versprechen richtet sich an die beduinische Stammwählerschaft. Der Ra’am-Politiker Waleed Al-Hawashleh ist einer von vielen in der Negev, die keinen Stromanschluss an ihren Häusern haben. Immerhin, sagt er, ist sein Dorf seit 2003 staatlich anerkannt. Doch wenig habe sich seitdem verändert.
Der Weg zu seinem Haus ist eine Schotterpiste, nur wenige Wege im Dorf sind befestigt. Es gibt eine Moschee, ein paar Häuser und als Wohnungen fungierende Container. Trinkwasser bringt ein Tanklaster, Strom kommt von den Solaranlagen auf den Dächern.
Noch prekärer ist die Lage in den Dörfern, die Israel bis heute nicht offiziell anerkannt hat. Dort droht vielen Bewohnern der Abriss ihrer Häuser, weil ihnen die erforderlichen Baugenehmigungen fehlen. Die Zahl der Abrisse ist seit 2022 immer weiter gestiegen, von etwa 2.800 auf über 5.000 im Jahr 2024. Itamar Ben Gvir macht damit sogar Werbung, er sei stolz auf die Abrisse. Man werde wieder Recht und Ordnung in der Negev durchsetzen und die staatliche Kontrolle wiederherzustellen.
Auch deshalb fordert Ra’am die Menschen in den Dörfern auf, zur Wahl zu gehen: gegen den Abrisswahn eines Ben Gvir.
Doch die Wahllokale sind oft weit entfernt von den beduinischen Dörfern. Und Frauen gehen in der stockkonservativen, von einem traditionellen Islam geprägten Gesellschaft sowieso seltener wählen. Israelische Initiativen versuchen, Abhilfe zu schaffen: Sie organisieren Busfahrten in die Wahllokale, gerade für Frauen.
Das Kalkül der israelischen Regierung: Sie will die Beduinen in sogenannten Planstädten sammeln. Auch das Haus von Hamed Abo Arrar steht in einer solchen Planstadt, Ar’arat an-Naqab. Das Konzept, die Beduinen sesshaft zu machen und in Städten anzusiedeln, ist keine israelische Erfindung. Die südisraelische Stadt Beer Sheva wurde einst unter anderem zu ebenjenem Zweck unter osmanischer Herrschaft etabliert, damals unter dem Namen Bir As-Sab.
Waleed Al-Hawashleh sagt: Er kenne keinen, in dessen Verwandtschaft nicht auch ein Haus abgerissen worden sei. Und Mansour Abbas sagt: Gegen die Hausabrisse vorzugehen sei ein Anliegen der Partei.
In Israel, erzählt Abbas, würden politische Parteien häufig bestimmte gesellschaftliche Gruppen vertreten. So gibt es etwa zwei ultraorthodoxe Parteien: eine für die aschkenasischen Juden, deren Vorfahren aus Europa nach Israel kamen. Und eine für die mizrahischen Juden, die aus den Ländern Westasiens und Nordafrikas kamen. Das beeinflusse die Regierung, sagt er, jeder mache Politik für seine Klientel. „Und wenn man nicht Teil der Koalition und der Regierung ist, kümmert sich eben niemand um die Anliegen der eigenen Gruppe.“
Acht Mandate für Ra’am könnten für die arabische und vor allem die beduinische Gemeinschaft bedeuten, dass ihre Themen auf die Regierungsagenda kommen, so sehen es Abbas und Al-Hawashleh. Acht Mandate könnten außerdem dafür sorgen, dass der Anti-Netanjahu-Block an die Regierungsmacht kommt – wenn der sich denn für eine Zusammenarbeit mit Ra’am entscheidet.
Und was ist mit den Palästinensern, die keine israelischen Staatsbürger sind, sondern im Westjordanland unter israelischer Militärbesatzung leben oder im Gazastreifen weiterhin unter den Folgen des Krieges leiden? Man glaube an eine Zweistaatenlösung, sagen sie alle – Al-Hawashleh, Abbas, Abo Arrar. Doch konzentrieren müsse man sich auf die Anliegen der eigenen Wählerschaft in Israel, sagen Al-Hawashleh und Abbas.
Wenn Ra’am zur Königsmacherin wird und mit ihrer Hilfe eine Oppositionskoalition entsteht, könnte Waleed Al-Hawashleh vielleicht wirklich Strom für sein Dorf bekommen. Vielleicht ruft eine neue Regierung dann auch eine unabhängige Untersuchung des Schwarzen Oktobers ein – jenes Tages, an dem Abo Arrar seine Frau verlor und beinahe sein eigenes Leben.
„Er schläft schlecht“, erzählt Hamed Abo Arrar über seinen Sohn, der mit ihm versteckt im Stromkasten überlebt hat, und hält ihn fest im Arm. Geheiratet hat er nicht noch mal, die Familie hilft dem Witwer, seine neun Kinder großzuziehen. Traumatisiert sei er – so wie viele in diesem tief gespaltenen, vom Konflikt gezeichneten Israel. „Die Zukunft des Landes hängt an dieser Wahl“, sagt Abo Arrar. Das gelte für alle – für Juden wie auch für Araber.
Mitarbeit: Samir Abdelhade
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