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10 Jahre Missbrauchsskandal im Turnen„Warum ist so wenig geschehen?“

Richterin Rosemarie Aquilina hat 2018 Turnarzt Larry Nassar wegen Missbrauchs verurteilt. Ein Gespräch über Wut, selbstbwusste Opfer und Stillstand.

Interview von

Sandra Schmidt

Es ist 10 Jahre her, dass der größte Skandal der US-Sportgeschichte bekannt wurde. Larry Nassar hatte über zwei Jahrzente Turnerinnen sexuell missbraucht. Richterin Aquilina hatte vor der Verurteilung Betroffenen das Wort gegeben. Die taz hat Aquilina bei der Turn-WM getroffen, wo sie auf Einladung der von Betroffenen gegründeten NGO Gymnasts for Change International zu Gast ist.

taz: Frau Aquilina, hatten Sie vor dem Fall Nassar Ahnung von Turnen?

Aquilina: Null. Ich habe Olympische Spiele fast nie angeschaut, ich hatte anderes zu tun. Ich kannte Nassar nicht. Später habe ich erfahren, dass er in die gleiche Kirche ging wie ich, aber ich war nicht jeden Sonntag dort. Es gab also Verbindungen, aber zum Glück hat Gott uns nie vorher zusammen in einen Raum gesetzt.

Im Interview: Aquilina Rosemarie

Rosemarie Aquilina Jahrgang 1958, ist eine US-amerikanische Richterin. Weltweite Bekanntheit erlangte sie dafür, dass sie Turnarzt Larry Nassar zu 40 bis 175 Jahren Haft verurteilte.

taz: Als die Verhandlung begann, standen 26 Frauen auf der Liste der Opferaussagen. Am Ende waren es 156 an sieben Tagen. Hatten Sie das erwartet?

Aquilina: Ich lasse die Opfer immer reden. Die Angeklagten übrigens auch – ich will ja möglichst viel wissen! Und ich weiß aus 23 Jahren Erfahrung als Richterin, dass Verbrechen sich auf jeden Menschen im Umfeld des Opfers auswirken. Ich hatte hunderte Fälle sexueller Missbrauchstäter – auch grausamere Fälle als Nassar – und es gibt nie nur ein oder zwei Opfer. Bei 26 dachte ich, okay, vielleicht 2000, wer weiß. Deshalb habe ich gesagt: Ich erteile jedem das Wort. Die Liste wurde länger und länger. Es saßen Mädchen im Saal, die aus Neugierde gekommen waren oder um Andere zu unterstützen – und dann haben sie begriffen: Ich bin keine Nummer, ich habe auch einen Namen, ich sage auch aus. Es war wie ein Lauffeuer. Es hat mich nicht überrascht. Es ist ein notwendiges Element des Heilungsprozesses.

taz: Im Nachgang wurden Sie beschuldigt, in Ihren Ansprachen Nassar gegenüber nicht neutral genug gewesen zu sein.

Aquilina: Ja, man warf mir vor, ich sei zu gemein gewesen. Ich bin gewählt, als Stimme der Menschen und die Menschen waren wütend; ich hörte die Aussagen und war auch wütend. Außerdem hat Nassar sich in meinem Saal daneben benommen. Er wollte Kontrolle zurückgewinnen. Ich habe keine Angst – wer keine Unruhe stiftet, der wird auch nichts verändern.

taz: Hatte die Me-Too-Bewegung Einfluss auf das Geschehen?

Aquilina: Ich hatte überhaupt nicht daran gedacht. Später wurde ich gefragt: Weißt Du, was Du getan hast? Worüber redest Du, fragte ich zurück. Und dann hieß es: Du hast die Me-Too-Bewegung schneller und weiter vorangebracht, als wir es je für möglich gehalten hätten. Nun, ich bin froh, wenn das so war.

taz: Hatten Sie in jenen Tagen irgendwann das Gefühl: Hier geht es nicht nur um den sexuellen Missbrauch von Nassar, sondern um ein extrem perfides System? In den Aussagen wurde ja deutlich, dass Nassar als der „nice guy“ galt, weil in der Wahrnehmung der Mädchen die Trainer noch schlimmer waren.

Aquilina: Ich hörte zu und war in einer Art Hochstimmung, als hätte man mir 156 Babies gegeben: Ich sah, wie diese Menschen klein und ängstlich begannen, dann ihre Stimme fanden und immer größer wurden und über sich hinauswuchsen. Die Energie hat mich mitgerissen. Die Wahrheit ist: Es ist ein systemisches Problem – in Schulen, in Kirchen, bei Pfadfindern. Es hat sich kaum etwas verändert und das ist so enttäuschend. Ich dachte: Okay, die ganze Welt hat zugeschaut, also wird etwas geschehen. Aber bis heute vergeht kaum ein Tag, an dem mich nicht eine junge Frau deswegen kontaktiert.

taz: Was schließen Sie daraus?

Aquilina: Es zeigt, wie groß das Problem ist. Der Sport muss sich verändern. Sport verbindet uns alle. Als Kind werfen wir alle Bälle in die Luft, wir können alle Sportler sein. Aber alle Kinder müssen lernen, NEIN zu sagen. Und Gesetzgebungsverfahren sind gescheitert. Ich habe häufig vor Abgeordneten gesprochen – sie wirkten nicht besonders interessiert. Erst wenn es ihren eigenen Kindern widerfährt, dann verabschieden sie die Gesetze. Für die Turnwelt war das einzigartig, aber ich kenne so viel davon. Warum also ist da so wenig geschehen?

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