Rechter Kulturkampf in Kolumbien: Nur noch leere, graue, frisch gestrichene Wände
Kolumbiens Rechtsaußen-Präsident lässt diverse Ausstellungsstücke aus dem Nationalmuseum in Bogotá entfernen. Unbequeme Geschichte wird gelöscht.
Foto: Fernando Vergara/ap
Kolumbiens ultrarechter Präsident Abelardo de la Espriella hat seinen angekündigten „Kulturkampf“ begonnen. Dort, wo noch bis Donnerstag in Kolumbiens Nationalmuseum Werke zum bewaffneten Konflikt, Friedensabkommen, zu LGBTIQ* und Feminismus hingen, sahen die Besucher:innen am Freitag nur noch: frisch gestrichene, graue Wände.
Museumsfachleute und Kulturschaffende sprechen von „Verstümmelung“ und „Zensur“ im ältesten Museum Kolumbiens, das vielen Museen in Lateinamerika als Vorbild galt. Am Samstag kamen hunderte Menschen für eine Protestkundgebung vor dem Museum im Zentrum von Kolumbiens Hauptstadt Bogotá zusammen, darunter Künstler:innen und Ex-Kulturminister:innen. Auf einem der prominentesten Protestschilder wurde aus dem „Nationalmuseum“ ein „Nazionalmuseum“. Was gerade passiert, sehen viele als Vorzeichen des Faschismus.
Vor dem Nationalmuseum hatte seit Samstagfrüh die Anti-Aufstandspolizei bereitgestanden. Am Samstagabend ging sie mit Wasserwerfern gegen die letzten Protestierenden vor. Die Ombudsstelle des Volks kritisierte den Polizeieinsatz als unnötig und unverhältnismäßig angesichts des friedlichen Protests.
Sechs kolumbianische Museen für Moderne Kunst veröffentlichten am Samstag eine gemeinsame Erklärung. In der drückten sie ihre „tiefe Sorge über das Entfernen von Werken und Objekten aus ideologischen Gründen“ aus. „Ein Museum hat die Verantwortung, uns die Komplexität unserer Geschichte näherzubringen – auch das, was uns Unbehagen bereitet, uns konfrontiert oder uns schwerfällt anzuerkennen. (…) Von der Vergangenheit zu lernen, ist fundamental, um die Wiederholung der Gewalt zu vermeiden und unsere Möglichkeiten für die Zukunft zu erweitern.“
Politische Morde an Linken – kein Thema mehr
Im Saal „Gesellschaft schaffen“ ging es um die Geschichte der LGBTIQ*-Bevölkerung, der feministischen Bewegungen, die Vorboten des Frauenwahlrechts, die Abschaffung der Versklavung, die Anfänge des Kampfs gegen geschlechtsspezifische Gewalt.
Der Saal war 2019 während der Regierung des rechten Präsidenten Iván Duque eingeweiht worden. Kolumbien wurde bis auf eine Ausnahme stets rechts regiert. Doch alle Regierungen hatten die Autonomie des Museums respektiert. Auch wenn das Museum manche Seiten der Geschichte dokumentierte, die diese am liebsten unter den Teppich gekehrt hätten. Das ist jetzt vorbei.
Fast leer ist der Teil des Museums, der von der Ermordung der linken Präsidentschaftskandidaten Bernardo Jaramillo Ossa und Carlos Pizarro Leongómez erzählt. Pizarro war Kommandant der M-19-Guerilla, hatte die Organisation in die Demobilisierung geführt, wurde Präsidentschaftskandidat – und 1990 mit 38 Jahren ermordet.
Nur ein Plakat des ebenfalls ermordeten Luis Carlos Galán hängt noch. Er ist Vater des aktuellen Bürgermeisters von Bogotá, Carlos Fernando Galán, der Präsident Abelardo de la Espriella seine Unterstützung zugesichert hat.
Auf Fingerzeig des rechtsextremen Präsidenten
Im Bereich zu „Erinnerung und Nation“ sind fast alle Ausstellungsstücke zur kulturellen, sozialen und politischen Vielfalt weg. Dazu gehört der berühmte aus einer Gewehrkugel gefertigte Kugelschreiber, mit dem das Friedensabkommen zwischen Farc-Guerilla und Staat 2016 unterzeichnet wurde. Und ein Dokument der Bürgerbewegung, die zur wegweisenden, aktuellen Verfassung von 1991 führte. Die beschreibt Kolumbien als pluriethnisches Land – und war der Auslöser für eine grundlegende, Jahre dauernde Umgestaltung des Museums, um zum Beispiel auch die indigene und afrokolumbianische Geschichte darzustellen.
Die Eingriffe in die Ausstellung passierten ohne den üblichen, jahrelangen Prozess durch die Fachinstanzen. Nach Recherchen des Onlinemediums La Silla Vacía ging am Donnerstag die rechte Hand der neuen Kulturministerin Paola Holguín, Julián Sterling, mit der Übergangs-Museumsleiterin Constanza Toquica durch die Räume. Beide zeigten mit dem Finger auf die Werke, die weg sollten.
Zuvor hatte Präsident de la Espriella das Kulturministerium besucht. Danach veröffentlichte er ein Video, in dem er eine „kulturelle Gegenrevolution“ ausruft. Der Staat habe „die moralische und politische Pflicht, zu verhindern, dass kulturelle Räume vom Sozialkommunismus vereinnahmt werden“. Er habe Kulturministerin Paola Holguín angewiesen, „dafür zu sorgen, dass diese ganze Ode an den Terrorismus, in der Pizarro und andere Terroristen vorkommen, aus dem öffentlichen Raum entfernt wird“.
María José Pizarro, Tochter des ermordeten Carlos Pizarro Leongómez, Exsenatorin und Politikerin des linken Pacto Histórico, ist entsetzt. Im Radio-Interview fragt sie, wer diese anderen Terroristen seien, ob damit auch sie gemeint sei. „Kann ich in Kolumbien bleiben oder werden sie mich ermorden wie meinen Vater?“, fragte sie. Sollte ihr oder ihrer Familie etwas zustoßen, mache sie Abelardo de la Espriella verantwortlich.
Bei der Demo am Samstag war María José Pizarro ganz vorne mit dabei. Das Bild ihres Vaters zierte nicht nur ihr T-Shirt.
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