Gereizte Stimmung in der Ukraine: Wut in Kyjiw: Trump liefert uns an Putin aus
Die Nähe der Präsidenten der USA und Russlands sorgt für Protest in der ukrainischen Hauptstadt. Auch der Bürgermeister ist Zielscheibe.
Foto: Julia Surkova
Seit einer Stunde steht Tetiana Soptschenko auf dem Maidan im Zentrum von Kyjiw. Es regnet in Strömen. Sie hält ein Protestschild in die Höhe. Darauf spielen Donald Trump und Wladimir Putin mit blutverschmierten Händen Karten, an ihren Füßen verblutet ein kleines Mädchen in traditioneller ukrainischer Tracht.
„Genauso fühlen wir Ukrainer uns heute“, sagt die 65-jährige Rentnerin. „Gierige Politiker spielen mit unseren Leben.“ Ihr Bruder gehörte vor vier Jahren zu den Verteidigern von Mariupol. Er wurde vermutlich dort von der russischen Armee getötet. Er wurde nie begraben. Seine Leiche wurde bis heute nicht übergeben.
Jede Woche gibt es auf dem Maidan eine Versammlung zur Unterstützung der Forderung, dass ukrainische Kriegsgefangene in russischer Haft heimkehren sollen. Diesmal gibt es einen zusätzlichen Grund zum Demonstrieren: Trumps Politik. Über hundert Frauen und Männer halten ukrainische Fahnen, Plakate mit der Parole „Gefangenschaft tötet“ – und Poster gegen den US-Präsidenten.
„Die Angriffe auf Kyjiw sind immer intensiver geworden“, sagt Tetiana Soptschenko. „Manchmal gibt es sechs oder sieben Mal Luftalarm in einer einzigen Nacht. Meine Enkelin ist vier, sie zittert bei jeder Explosion. Aber der US-Präsident will sie nicht schützen. Nicht die Kinder. Sondern russische Ölraffinerien. Weil ihm Geld wichtiger ist als unser Leben. Er ist dazu bereit, für russisches Öl mit unseren Leben zu zahlen! Ich kann nicht glauben, dass dies in der modernen Welt passiert.“
Trump ermutigt Putin, sagt Selenskyj
Der US-Präsident hat mehrfach ukrainische Angriffe auf die russische Ölinfrastruktur für die globale Treibstoffkrise verantwortlich gemacht, obwohl die Preissteigerungen in erster Linie an seinem eigenen Krieg gegen Iran liegen. Dass er russisches Dieselöl kaufen will, hat in der Ukraine Kritik ausgelöst.
Präsident Wolodymyr Selenskyj hat gesagt, die Ukraine sei zum Stopp ihrer Angriffe auf Russlands Ölraffinerien bereit – wenn im Gegenzug Russland seine Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur einstellt oder die Ukraine ausreichend Abwehrmittel erhält.
„Amerika muss sehen, dass Russland in Reaktion auf die Aufhebung von Sanktionen oder auf Vereinbarungen keine Schritte Richtung Frieden unternimmt“, schrieb Selenskyj auf seinem Telegram-Kanal. „Im Gegenteil: Jedes Signal, dass Geld verdient werden kann, wird von Russland als Beweis interpretiert, dass sein Krieg funktioniert und dass es weiterkämpfen kann. Russlands Haltung ist der Grund, warum der Krieg weitergeht, nicht die rechtmäßige Selbstverteidigung der Ukraine.“
Laut dem ukrainischen Präsidenten hat Russland seit Trumps Verkündung einer „Energie-Feuerpause“ vor einer Woche 76 Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur durchgeführt. Auch an diesem Sonntag gibt es Stromausfall in Kyjiw und vielen anderen Landesteilen, die Wasserversorgung ist gestört.
„Trump sagt viele Dinge“, ärgert sich auf dem Maidan eine andere Demonstrantin, die ebenfalls Tetiana heißt und 53 Jahre alt ist. „Erinnern Sie sich, wie er am 8. Mai schrieb, dass er die Rückkehr von 1.000 ukrainischen Gefangenen aus Russland ausgehandelt hat, und im Gegenzug die Weltkriegs-Siegesparade in Moskau stattfinden kann? Die Parade fand statt, aber es kamen nicht 1.000 Gefangene zurück. Nur ein Drittel so viel wurden ausgetauscht. Dann hat er seine Nachricht darüber vom offiziellen Konto des Weißen Hauses gelöscht. Also wie sollen wir ihm als Verbündeten vertrauen, wenn er sein Wort bricht und uns jetzt zur Kapitulation auffordert?“
Bürgermeister Klitschko tut zu wenig, sagen manche
Ermüdet durch die russischen Angriffe und die dadurch verursachten Ausfälle und Verkehrsprobleme, kritisieren Einwohner Kyjiws nicht nur ihre westlichen Partner, sondern auch ihre lokalen Behörden. Am Samstag forderte ein Protest vor dem Gebäude der Stadtverwaltung den Rücktritt von Bürgermeister Witali Klitschko. Der legendäre Athlet und dreifache Boxweltmeister ist seit zwölf Jahren Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt. Neuwahlen gibt es wegen des Kriegsrechts nicht.
Ein harter Winter steht bevor, der Bürgermeister steht vor der Herausforderung, mobile Schutzräume bereitzustellen, die Heizsaison vorzubereiten und mit Stromausfällen umzugehen.
Weil sie mit seinen Leistungen unzufrieden sind, sammelten sich am Samstag bis zu 1.000 Menschen im Herbstnebel, darunter Kriegsveteranen, Bürgeraktivisten und viele Jugendliche. Sie sangen „Kyjiw ohne Klitschko!“ und, wie es inzwischen üblich ist bei Protesten in Kyjiw, schwenkten Protestplakate aus Pappkartons mit ironischen Sprüchen.
„Schrödingers Bürgermeister: Klitschko existiert unabhängig von seinen Zuständigkeiten“, stand da, oder: „Ich gehe aus Kyjiw nicht weg, soll dieser inkompetente Bürgermeister weggehen“, oder „Blackout in Kyjiw, k. o. für Klitschko“.
„Nach zwölf Jahren hat der Bürgermeister völlig den Bezug zur Realität verloren“, sagt der 27-jährige Softwareentwickler Artem Ostrovnyi. „Er kümmert sich um Parks, gläserne Bushaltestellen und Baustellen in historischen Vierteln. Aber nach fast fünf Jahren Krieg gibt es einen einzigen mobilen Schutzraum, wo man sich vor den Shahed-Drohnen verstecken kann! Er sollte durch jemand ersetzt werden, der fähiger ist.“
Die 48-jährige freiwillige Katastrophenhelferin Kateryna Terekhova sagt, dass die Behörden es nicht schaffen, die bei russischen Angriffen zerstörten Gebäude wieder aufzubauen. „Ich helfe, nach Angriffen Trümmer wegzuräumen, und unsere Organisation hilft den Menschen, ihre Wohnungen instand zu setzen“, sagt sie. „Aber warum machen das Freiwillige? Und nicht die städtischen Behörden?“
Ein kleiner Gegenprotest versammelte sich in der Nähe, mit einer Handvoll Leuten, die Plakate mit der Aufschrift „Klitschko ist unser Bürgermeister“ hochhielten. Der 43-jährige Lehrer Artem meint: „Ich glaube, die Kritik an Klitschko rührt von seinem politischen Konflikt mit Präsident Selenskyj. Es ist der Präsident, der die Bezirksverwaltungen einsetzt, und die blockieren viele Entscheidungen. Klitschko wird absichtlich untergraben, weil er nicht zum Team des Präsidenten gehört.“
Nach zwei Stunden war alles vorbei. Der Alltag setzte wieder ein: Luftalarm und Stromausfall.
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