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Vergesellschaftung in Berlin Ende des neoliberalen Mantras

Timm Kühn

Kommentar von

Timm Kühn

Linke, Grüne und SPD haben sich geeinigt: Große Wohnungskonzerne werden vergesellschaftet. Trotz offener Fragen ist das ein wahres Hoffnungsprojekt.

D er eigentliche Hammer ging Elif Eralp auf der Pressekonferenz zu den Sondierungsergebnissen von Linken, Grünen und SPD ganz unaufgeregt über die Lippen: Die größten Immobilienkonzerne Berlins sollen vergesellschaftet und damit 160.000 Wohnungen der Marktlogik entzogen werden. Die jahrelange Blockadehaltung der SPD ist gefallen. Es wurden Namen genannt: Vonovia, Heimstaden, Covivio, Adler und DVI. Namen, über die fast alle Ber­li­ne­r:in­nen Horrorgeschichten kennen.

Es ist ein Meilenstein, dass die Vergesellschaftung damit erstmals konkretes politisches Programm geworden ist. Das gilt, obwohl fraglich bleibt, warum offenbar die SPD die Vergesellschaftungsschwelle von 3.000 auf 10.000 Wohnungen anheben konnte, womit andere, hart renditeorientiert arbeitende Konzerne der Stadt durch die Lappen gehen. Oder welche Fallstricke der SPD noch im kommenden Jahr einfallen werden, wenn ein Finanzierungsplan erarbeitet werden soll.

Trotzdem: Die Vergesellschaftung war noch nie so nahe. Für Berlins Mie­te­r:in­nen bedeutet das die Aussicht auf einen Wohnungsbestand, der zu über 50 Prozent nicht mehr nach Profitlogik verwaltet wird. Die Macht der privaten Wohnungsunternehmen, die die Stadt seit Jahren als Beute begreifen, würde damit spürbar zurückgedrängt. Kombiniert mit den anderen mietenpolitischen Regulierungsvorhaben von Rot-Grün-Rot könnte das eine tatsächliche Trendwende bedeuten.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Doch die Bedeutung der Vergesellschaftung geht über die Stadtgrenzen und sogar über das Mietenthema hinaus. Denn von einzelnen Rekommunalisierungen abgesehen, kannte die Neuordnung von Wirtschafts- und Lebensbereichen nur eine Richtung: die Privatisierung. Hat die Vergesellschaftung nun aber Erfolg, ist dieses neoliberale Mantra Geschichte. Es könnte wieder eine demokratische Frage werden, welche Bereiche des Lebens eigentlich dem Markt überlassen – und welche demokratisch organisiert und kontrolliert werden sollten.

Timm Kühn

Timm Kühn Redakteur

Timm Kühn ist Redakteur für soziale Bewegungen im Inland und in Berlin. Für die taz schreibt er seit 2021 über Klima, Kapitalismus und kleine Risse im großen Ganzen. Hat auch mal Politische Theorie studiert.
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8 Kommentare

  • Machiavelli

    Am Ende wird eine kleine Anzahl an Wohnungen für sehr viel Geld enteignet. Nach zwei Jahren ziehen dann dort die Mieten kräftig an.

  • Querbeet

    Das Ding wird scheitern. Mal sehen, wem dann die Schuld zugeschobn werden wird.



    Selbstkritik wird man nicht zu hören bekommen.



    Lesen wir diesen Artikel in 3 bis 4 Jahren noch einmal. Hand drauf?

  • Hans Dampf

    Wenn aus Hoffnung Frustration wird



    Glaubt wirklich jemand, dass Berlin sich eine Privatisierung leisten kann? Die Konzerne werden vor Gericht eine Entschädigung einklagen die ein mehrfaches über den geschätzten 15 Milliarden € liegen wird. Bei einer Durchschnittsmiete von ca. 8,50€ (Frankfurt, Stuttgart und Münchener Mieter träumen davon), kann man diese Häuser dann weder sanieren, noch modernisieren. Es wird zum Verfall der Häuser kommen, verwaltet von hunderten Beamten und Stadtangestellten. Kein Investor wird mehr eine Mietwohnung in Berlin bauen. Berlin selbst hat gar kein Geld mehr um weitere Wohnungen zu bauen oder verschuldet sich bis zur Zahlungsunfähigkeit. Der Wohnraum wird noch knapper. Dann erkennen die, welche Enteignung jetzt richtig finden, dass es ein Schuss ins eigen Knie war. Frustration wird einkehren.



    Aber ich akzeptiere ausdrücklich, dass die Mehrheit der Berliner es so wollte, so abgestimmt hat. Ich bin mir nur leider ziemlich sicher, dass es im Chaos enden wird. Die Zeit wird zeigen, wer recht hat.

  • Magnus_15

    Es gibt keine Demokratie ohne freien Markt. Hat es noch nirgends gegeben.

  • Franz Hofer

    Vielleicht sollten Sie nochmal einen Blick auf die Gründe werfen, wegen derer der Berliner Senat damals grosse Wohnungsbestände verkauft hat. Ich glaube nicht, dass bei den damals Beteiligten (u.a. Herr Gysi) dies aus Bewunderung für den Neoliberalismus geschah.

  • vieldenker

    Wahrscheinlich werden die Konzerne schon längst in wirtschaftlich eigenständige Einheiten mit jeweils weniger als 10000 Wohnungen zerlegt sein, bevor das erste Urteil zu den Vergesellschaftungsphantasien rechtskräftig bestätigt wurde.

  • Stavros

    " Es könnte wieder eine demokratische Frage werden, welche Bereiche des Lebens eigentlich dem Markt überlassen – und welche demokratisch organisiert und kontrolliert werden sollten."

    Das ist die entscheidende Frage, die über die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaften entscheidet.

    Wenn Berlin zeigt, dass die Demokratisierung der Daseinsvorsorge gelingen kann, wäre unglaublich viel erreicht.

  • dator

    Unglaublich! Ich drücke wirklich die Daumen dass es auch klappt. Ein frommer Wunsch dagegen wird es bleiben, dass auch andere Bundesländer bei kommenden Wahlen nachziehen und dadurch die leider überall zu findende Blaufärbung abnimmt....