TV-Duell in Brasiliens Wahlkampf: Falschmeldungen und Beleidigungen
Beim ersten und einzigen TV-Duell zwischen Brasiliens Präsident Lula und Herausforderer Flavio Bolsonaro kommt eine Diskussion kaum zustande.
Foto: Jean Carniel/reuters
In Brasilien stehen sich acht Tage vor der Stichwahl um das Präsidentenamt Amtsinhaber Lula und sein Herausforderer Flavio Bolsonaro zum ersten Mal gegenüber. Eine eigentlich schon vor dem ersten Wahlgang geplante TV-Debatte war geplatzt.
Beim TV-Duell im brasilianischen Sender Band am Sonntagabend kommt ein Dialog gar nicht erst zustande. Wie erwartet, geht es weniger um Regierungsprogramme als um gegenseitige Anschuldigungen und Beleidigungen.
Bolsonaro ignoriert sämtliche Fragen des Präsidenten und geht sofort zum Angriff über. Anstatt zu erklären, was mit den zig Millionen geschehen ist, die der inhaftierte ehemalige Masterbank-Chef angeblich für einen Dokumentarfilm über Jair Bolsonaro gespendet hatte, beschuldigt Bolsonaro den amtierenden Präsidenten, selbst Millionen des Bankers angenommen zu haben. Diese Falschmeldung hatte zuvor das Nachrichtenmagazin Veja verbreitet. Als einziger Nachweis dient eine Telefonnachricht des Bankers, die dieser vermutlich nachträglich im Gefängnis aufgenommen hat.
Eine weitere Falschmeldung, auf die Bolsonaro Junior sich einschießt, besagt, Lula sei von mehr als 70 Prozent der Gefängnisinsassen gewählt worden. Dabei haben rechtsgültig Verurteilte in Brasilien überhaupt kein Wahlrecht.
Bolsonaro setzt auf das Thema Sicherheit
Veteran Lula reagiert nicht auf Provokationen, präsentiert sich dagegen als erfahrener Staatsmann, zählt Erfolge seiner bisherigen Amtszeiten auf und konfrontiert den Gegner mit dessen Verhalten in der Vergangenheit.
Vom Sender angesprochene Themen sind unter anderem die öffentliche Sicherheit und das Gesundheitssystem. Bolsonaro, dessen Vater vor allem beim Militär, Vertretern des Agrarbusiness und der gehobenen Mittelschicht beliebt ist, gibt sich als Volksversteher und spricht die Zuschauer direkt an: „Du, der du in einer Favela lebst, wirst dich auf der Straße nicht mehr bedroht fühlen. Du wirst zu Wohlstand gelangen!“, verspricht er.
Den jüngsten Erfolg der Regierung, die Abschaffung der Sechs-Tage-Woche bei vollem Lohn, kommentiert er so: „Deinen zusätzlichen freien Tag wirst du im Bus verbringen und fürchten, überfallen zu werden“. Präsident Lula kündigt daraufhin eine Zusammenarbeit zwischen Union, Bundesstaaten und Gemeinden in Sicherheitsfragen an, um Kriminalität effektiver zu bekämpfen. Bolsonaro wisse nicht, wovon er spreche, denn er habe weder öffentliche Busse noch das öffentliche Gesundheitssystem jemals persönlich kennengelernt.
An konkreten Programmen nennt Flavio drastische Straferhöhungen, das Herabsetzen der Strafmündigkeit und eine weitreichende Vernetzung digitaler Bürgerdaten in Bereichen wie Gesundheit, Beschäftigung und Kriminalität. Lula kündigt eine Großamnestie für Steuerschulden von Kleinstunternehmern an, um so die Wirtschaft anzukurbeln.
Doch insgesamt ist das Treffen eher emotional aufgeladen als sachlich. Flavio nennt Lula immer wieder einen Lügner, versucht ihm ins Wort zu fallen und muss deswegen mehrfach von der Debattenleitung zur Ordnung gerufen werden. Irgendwann schlägt Lula vor, beide Kandidaten sollten ihre Bankkonten und Telefonverbindungen offenlegen, damit das Volk sehen könne, „was wirklich vorgeht“. Der Vorschlag wird nicht angenommen.
Zum Abschluss der Live-Übertragung wird das Publikum mit Sprechchören immer lauter. „Lula“ skandieren die einen. „Mythos“ rufen die anderen. So hatten seine Anhänger Jair Bolsonaro genannt.
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