piwik no script img

Golf in Zeiten des KlimawandelsSportliche Brandschutzschneisen

Bei der Bekämpfung der verheerenden Waldbrände in Frankreich erwiesen sich Golfplätze als hilfreich. Wo überall neue Anlagen gebaut werden sollten.

D ie Literaturbeilage der wochentaz vom 2. Oktober war mit zwei dramatischen Fotos von GolferInnen auf grünem Geläuf bebildert; im Hintergrund loderten Flammen eines gigantischen Waldbrandes. Überschrift: „Apocalypse now“. Apokalyptisch war die Szene ohne Zweifel.

Die zynische taz-Bildunterschrift zu den Archivbildern von 2017 der US-Fotografin Kristy McCluer: „Kein Grund zur Sorge: Der Rasen ist noch grün.“ Botschaft: Sieh an, diese bornierten Golfer spielen einfach ungerührt weiter, während Menschen womöglich um ihr Hab und Gut kämpfen, vielleicht sogar um ihr Leben. Auch wenn wir Details des damaligen Feuers am Eagle Creek in Oregon nicht kennen, besonders wohlwollend möchte man diesen Schlägerschwingern gegenüber wirklich nicht sein.

Seit diesem Glutsommer hat die Kombination Waldbrand und Golfplatz indes eine neue Bedeutung. Golfanlagen können Flammen ausbremsen. Zieht eine Feuersbrunst heran, sind die meist 40 oder 50 Meter breiten Fairways mit ihren kurz gemähten Rasenflächen in einem Waldgebiet natürliche Barrieren. Bodenfeuer verlieren an Kraft, manchmal erlöschen sie dort völlig. Woanders müssen erst Forstfräsen, Harvester oder gar kleine Panzer solche Schneisen eilig in die Forste pflügen.

Im Südwesten Frankreichs, wo nahe Bordeaux die schlimmsten Brände des vergangenen Glutsommers wüteten, gab es einige Beispiele. Natürlich waren, anders als in Oregon, die Plätze gesperrt, ob der Golf International d’Arcachon, Golf de Pessac oder Biscarrosse. Das Feuer machte den Menschen den Zugang unmöglich, die Plätze aber standen dem Feuer im Weg.

Widerständige Golfanlagen

Dazu schrieb die französische Website sportstrategies.com: Ein Golfplatz könne „eine Infrastruktur der Widerstandsfähigkeit“ darstellen und „eine strategische Rolle spielen“. Golfplätze als „intelligente Feuerlöschbollwerke“, weil „die Vegetation durch Golf fragmentierter ist“.

Feuerwehren haben auf den grünen Bahnen genug Fläche, um die Brandbekämpfung zu koordinieren. Vor allem: Zu den meisten Golfplätzen gehören Teiche oder Seen. Löschwasser ist also direkt vor Ort vorhanden inklusive Bewässerungssystemen mit kräftigen Pumpen und weitläufigen Rohrleitungen. Sind bei Bränden in der Umgebung noch Spieler unterwegs, bilden sie, zunächst besser als Drohnen, ein integriertes Meldesystem, falls es plötzlich akut bedrohlich wird.

„Ein Golfplatz“, so sportstrategies.com, müsse „zu einer multifunktionalen Landschaft werden, die in der Lage ist, die sportliche Nutzung, die Nüchternheit des Wassers, die biologische Vielfalt und die Risikoprävention zu vereinbaren.“ Golfplätze also integrativ: als Orte des schönsten Sports der Welt und als klug eingesetzte Tools der Waldarchitektur. Solche Mehrfachfunktion dieser Feuergolfplätze dient auch dem Imagegewinn.

Fairways durch den Schwarzwald

Vorausschauende Politik muss folglich groß denken. Wälder brauchen Schneisen. Die Plantagen der Holzwirtschaft müssen stückweise von Golfanlagen zerschnitten sein, langfristig schon aus Eigeninteresse. Auch in Deutschland: in den weiten Flächen des besonders heißen Südwestens inklusive Schwarzwald, auch im oft ausgetrockneten Brandenburg oder in Nationalparks wie im Bayerischen Wald.

Auch stadtnah gilt es, Vorsorge zu treffen, etwa in Berlin: Im Grunewald könnten Anwohner wie Joschka Fischer und Nachbarn Golf sei Dank ruhiger schlafen. Der Tiergarten bietet sich für eine lange, gewundene Schlange an, 18 Bahnen vom Reichstagsgebäude bis zum Zoo.

Die Ursachen der Klimakatastrophe sind damit nicht beseitigt. Aber man ahnt, was Golfplätze könnten. Ist man dieser Tage in einem französischen Waldbrandgebiet erschrocken über die verkohlten Baumlandschaften links und rechts einer schmalen Straße, folgt der Reflex sofort: Tja, hier fehlte ein Golfplatz.

Übertrieben? Wir dürfen nicht vergessen: Was eben noch verharmlosend als Jahrhundertfeuer bezeichnet wurde, ist bald ein stinknormaler Quartalsbrand.

Bernd Müllender

Bernd Müllender

Sohn des Ruhrgebiets, Jahrgang 1956, erfolgreich abgebrochenes VWL- und Publizistikstudium, schreibe seit 1984 für die taz – über Fußball, Golf, Hambacher Wald, Verkehrspolitik, mein heimliches Lieblingsland Belgien und andere wichtige Dinge. Lebe und arbeite als leidenschaftlich autoloser Radfahrer in Aachen. Seit 2021 organisiere und begleite ich taz-LeserInnenreisen hierher in die Euregio Maas/Rhein, in die Nordeifel und nach Belgien inkl. Brüssel. Bücher zuletzt: "Die Zahl 38.185" - Ein Fahrradroman zur Verkehrswende (2021). "Ach, Aachen!" - Textsammlung aus einer manchmal seltsamen Stadt (2022).
Mehr zum Thema

1 Kommentar

  • Friderike Graebert

    interessanter Aspekt,

    dann sollten Kommunen kommunale Golfplätze anlegen.



    So hätten alle Gesellschaftsschichten Zugang zu diesen Sportflächen.