Sozialproteste in Rom: Italiens Vorstadtjugend kocht vor Wut
Auch Italien erlebt eine Welle der Gewalt. Dem wenig zielgerichteten Protest der Jugend haben sich Gewerkschaften und Lkw-Fahrer angeschlossen.
Foto: Francesco Fotia/reuters
Großdemonstrationen, Ausschreitungen, Tränengas- und Wasserwerfereinsätze der Polizei, geplünderte Läden und abgefackelte Müllcontainer, Hunderte Festnahmen: Am Freitag, Samstag und Sonntag erlebte Italien gleich an drei Tagen in Folge eine Welle des Protestes, der – wie in Frankreich – immer wieder auch in Gewalt umschlug.
Am Ende standen 270 Festnahmen. 80 Prozent der Festgenommenen seien Minderjährige, hieß es aus den Reihen der Polizei, die jüngsten seien bloß 12 Jahre alt und damit nicht einmal strafmündig. Dass hier nicht politischer Protest im engeren Sinn, sondern das soziale Problem der Vorstadtjugend hochkocht, liegt auf der Hand. Dennoch möchte die Rechtsregierung unter Giorgia Meloni die Krawalle allzu gern ins übliche Rechts-links-Schema pressen und fordert lautstark von der Linksopposition, sie solle sich „von der Gewalt distanzieren“, obwohl die das umgehend getan hatte. Am Montag hatte Meloni auch ihr Kabinett einberufen, um die Lage zu beraten. In Italien stehen im kommenden Jahr Wahlen an.
Den Auftakt bildeten am Freitag zunächst Demonstrationen von Schüler*innen in ganz Italien; linke Schülerorganisationen hatten zum „No-Meloni-Day“ aufgerufen, um gegen die anstehende kräftige Erhöhung des Verteidigungsetats bei fortdauernder Unterfinanzierung des Schulwesens zu protestieren. Die meisten dieser Demos, an denen auch Eltern und Lehrer*innen teilnahmen, verliefen friedlich. Doch in Turin suchte eine Gruppe vermummter Demonstrant*innen vor der Präfektur den Zusammenstoß mit der Polizei, während in Bologna ein kleiner Teil der Demonstrant*innen in den Bahnhof vorzudringen suchte – und vorneweg vom Gros der friedlichen Demonstrant*innen daran gehindert wurde. In Rom wiederum warfen ins übliche Schwarz Gekleidete Knallkörper und Steine auf das Bildungsministerium.
Protest gegen steigende Wehrausgaben
Für Samstag wiederum hatte Italiens größter Gewerkschaftsbund CGIL gemeinsam mit zahlreichen zivilgesellschaftlichen Organisationen zu einer Großdemonstration in Rom mit Zehntausenden Teilnehmer*innen aufgerufen, gegen die Kaufkraftverlust bei den Einkommen und weitere Kürzungen im Sozialstaat bei steigenden Wehrausgaben. Hier blieb die Lage friedlich, weil der Ordnungsdienst der Gewerkschaft die Situation im Griff hatte.
Ganz anders waren dagegen am selben Tag die Bilder aus Mailand und anderen norditalienischen Städten. Dort hatte in sozialen Medien die bisher völlig unbekannte Initiative „Italia in piazza“ zum Protest „gegen die Teuerung und die Kraftstoffkosten“ aufgerufen. In Mailand kamen etwa 5.000 Menschen zur Demo zusammen, über ihren Köpfen wehten keine roten, sondern einige italienische Fahnen. Es war keine klassische linke Demo, und auch die etwa 500 Jugendlichen, die sich bald vom Demo-Zug abspalten sollten, waren zwar großteils komplett in Schwarz gekleidet, lassen sich jedoch kaum als „Schwarzer Block“ bezeichnen.
Mitten im Zentrum Mailands gingen sie zur Sache, attackierten auf dem Domplatz die Polizei, zogen dann randalierend durch die Straßen rund um den Dom. Doch mit dem Spektrum der besetzten Autonomen Zentren haben sie nichts zu tun. Durch die Bank handelte es sich um Kids aus den Stadtrandvierteln Mailands und aus kleineren Städten des Umlands. Viele von ihnen – aber beileibe nicht alle – stammen aus migrantischen Familien. Zu Ausschreitungen kam es am Samstag erneut auch in Turin; dort wurde der Feltrinelli-Buchladen am Bahnhof verwüstet – eine Aktion, auf die man sich politisch kaum einen Reim machen kann.
Schuh- und Sportläden wurden häufig geplündert
Eine weitere Eskalationsstufe wurde dann am Sonntag in Mailand erreicht. Niemand hatte für den Tag offiziell zu weiterem Protest aufgerufen. Dennoch kamen am Nachmittag erneut Hunderte Jugendliche im Zentrum zusammen; sie hatten sich nach Berichten der italienischen Medien über Tiktok und Instagram koordiniert. Die erste Aktion war die Plünderung eines Supermarkts. Danach zogen die Randalierer in kleinen Grüppchen durch die Stadt, schlugen die Schaufenster zahlreicher Läden ein: Vor allem Geschäfte für Sportkleidung und -schuhe wurden geplündert. Bis spät in den Abend hinein lieferten sie sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei.
Doch die Proteste im Norden des Landes sind nicht Melonis einziges Problem. Im Süden, von Sizilien über Kalabrien und Apulien bis zum Großraum Neapel in Kampanien, sind Hunderte LKW-Fahrer in den Ausstand getreten und haben am Sonntag erste Autobahnabschnitte blockiert. Sie klagen Regierungshilfen angesichts des exorbitanten Dieselpreises ein – und in zahlreichen Supermärkten des Südens leeren sich bereits die Auslagen, weil Waren ihr Ziel nicht mehr erreichen.
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