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Rente und Mütter Komplett verblödete Idee

Simone Schmollack

Kommentar von

Simone Schmollack

Die Union will die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren erhalten und opfert dafür Rentenansprüche für Mütter. So könnten auch hier bald Rathäuser brennen.

E s wird immer absurder: Um die abschlagsfreie Rente mit 63 (nach 45 Beitragsjahren) zu halten, will die Union jetzt Erziehungs- und Pflegezeiten bei der Rente nicht mehr anrechnen. Wer sich so etwas ausdenkt, hat entweder keine Vorstellung von Sorgearbeit, ist ein männlicher Single oder ultrakonservativ. Oder alles zusammen. Und offenbar so unter Druck, eine Lösung im Rentenstreit zu liefern, dass eine noch so verblödete Idee ernsthaft in Erwägung gezogen wird.

Die Botschaft ist arg widersprüchlich: Einerseits wird die Mütterrente ausgeweitet und belastet die Rentenkasse zusätzlich (der individuelle Nutzen hingegen ist gering). Andererseits wertet man Mütter ab, indem die Zeit nicht anerkannt wird, die sie für Kinderbetreuung und Angehörigenpflege aufwenden. Es sind nach wie vor Frauen, die sich dafür, nun ja, auch opfern. Während Mütter im Schnitt zehn bis zwölf Monate in Elternzeit sind, beschränken sich noch immer knapp 80 Prozent der Väter auf die berühmten zwei Partnermonate – aus Angst vor Karriereverlust, weil sie mehr verdienen als ihre Partnerin, weil sie eher ihr die karitativen Arbeiten „zutrauen“.

Dieser Nachteil für Mütter, der sich in der Rente deutlich niederschlägt, soll nun also weiter verschärft werden. Dabei müssen Frauen schon jetzt mit mehr als einem Viertel weniger Rente leben als Männer. Da erscheint das „Gerechtigkeits“-Gefasel von Friedrich Merz beim Deutschlandtag der Jungen Union noch mehr als bloße Phrase.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Glaubt der Kanzler ernsthaft, Frauen stärker in den Arbeitsmarkt zu bekommen, wenn er ihnen mit Rentenkürzung droht? Wenn er ein (sorgearbeitsfreies) Männerleben zum Nonplusultra erklärt? Wenn er gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausspielt? Wer will, dass demnächst auch in Deutschland Rathäuser brennen, muss nur so weitermachen wie die Union. Und wenn die SPD bei der „neuen Mütterrente“ nicht dagegenhält, kann die taz bald wieder titeln: „SPD überspringt Fünfprozenthürde“.

Simone Schmollack

Simone Schmollack Ressortleiterin Meinung

Ressortleiterin Meinung. Zuvor Ressortleiterin taz.de / Regie, Gender-Redakteurin der taz und stellvertretende Ressortleiterin taz-Inland. Dazwischen Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Amtierende Vize-DDR-Meisterin im Rennrodeln der Sportjournalistinnen. Autorin zahlreicher Bücher, zuletzt: "Und er wird es wieder tun" über Partnerschaftsgewalt.
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8 Kommentare

  • Wanderin

    Nennen wirs doch beim Namen. Die Kernklientel der CDU ist über 60 und vor allem sehr stark bei denen über 70. Diese Wählerschaft möchte diese Politik und wählt sie seit Jahrzehnten. Was aus jungen Müttern wird oder ob Kinder demnächst aus Mikroplastik bestehen, ist diesen Wählern gleich.

  • Franz Hofer

    Ich habe das bei heute.de anders verstanden. Die abschlagfreie Rente nach 45 Jahren bleibt, allerdings sollen bei diesen 45 Jahren nur noch echte Beitragsjahre zählen, nicht mehr sonstige Zeiten, wie z.B. Kindererziehungszeiten oder Zeiten der Arbeitslosigkeit.



    Die Erziehungszeiten bleiben bei der Rentnhöhe nach wie vor angerechnet, sie zählen allerdings nicht mit, wenn man abschlagfrei nach 45 Jahren in Rente gehen will.



    Dies ganze Diskussion hätte man sich sparen können, wenn Frau Bas an ihrem "Gesamtkunstwerk" festgehalten hätte. Insofern sollte man hier in erster Linie die SPD kritisieren.

  • Andreas Flaig

    "Glaubt der Kanzler ernsthaft, Frauen stärker in den Arbeitsmarkt zu bekommen, wenn er ihnen mit Rentenkürzung droht?"

    Von einem sinkenden Schiff ist auch nichts anderes zu erwarten.



    Sein simples, absurdes Kalkül, die sozialen Errungenschaften für einen wirschaftlichen Aufschwung zu opfern, ist selbstverständlich nicht aufgegangen. Wer hätte anderes erwartet.

  • Sabine Hofmann-Stadtländer

    Dass deutsche Mütter Rathäuser anzünden, halte ich für ausgeschlossen. Obwohl "Gewalt" ein Femininum ist, wird sie doch überwiegend von Männern ausgeübt. Und ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass Männer das Streichhölzchen an die Rathaustür halten, nur um für ihre Frauen höhere Rentenansprüche durchzusetzen.

    Noch ein Hinweis zum besseren Verständnis: Würden die Pläne zur Nichtberücksichtigung von Kinderbetreuungs- /Pflegezeiten umgesetzt, so würde die Aufstockung der Mütterrente nur die Mütter betreffen, die v o r der Einführung der Nichtberücksichtigung bereits Kinder-Entgeltpunkte auf dem Rentenkonto stehen haben. Alle Frauen, die ab der Einführung der Rentenkürzung Kinder bekommen, würden gar keine Kinder-EP erhalten.

    Man kann es sich nicht ausdenken, dass jetzt sogar der Staat als "Verhütungsmittel" agiert *Ironie off*

  • Sonnenhaus

    Haben wir ernsthaft besseres erwartet? Die Union hat fertig! Die Streichungsvorschläge - von Reformen überhaupt nicht zu reden - sind nur hilflose Zahlengerüste ohne jegliche inhlatliche Substanz gegenüber der Gesellschaft.



    Da hat sich die Unions-Zukunftsprognose seinzeit vor der Wahl ganz anders angehört.



    Zum Regieren gehört eben mehr als nur große Klappe.

  • Mondschaf26

    Ihre Wut, Frau Schmollack, kann ich verstehen. Aber ich halte es nicht für klug, bei jedem Ärger nun mit brennenden Rathäusern zu drohen.



    --



    Es ärgert mich, dass auch Sie immer noch „abschlagsfreie Rente mit 63 (nach 45 Beitragsjahren)" schreiben. Voraussetzung für abschlagsfreie Rente aka „besonders langjährig Versicherte" sind a.) 45 Beitragsjahre und b.) ein Eintrittsalter, dass aktuell 64 J und 10 Monate beträgt. („63" war 2014). Dies wird in Bälde auf das Alter von 65 Jahren festgeschrieben (Geburtsjahrgang 1964).



    Wer als Kernclientel (haha) der Jungen Union heute mit 17 ins Berufsleben eintritt (Realschulabschluss, Handwerk - sehr im Trend wg. KI), wird mit 65 dann 48 Arbeitsjahre auf dem Buckel haben. Wer ist in der jungen Generation so bekloppt, den „Pullunderträgern" (@Anna Lehmann) Winkel, Reddig etc. zu glauben, die würden sich für die Sicherung ihrer Renten einsetzen?

  • Encantado

    "Andererseits wertet man Mütter ab, indem die Zeit nicht anerkennt wird, die sie für Kinderbetreuung und Angehörigenpflege aufwenden. Es sind nach wie vor Frauen..."



    Aus diesem Angriff auf Betreuung und Pflege heraus auf eine Geschlechterdebatte umzuleiten, ist natürlich auch traurig. Ist dieses Ansinnen nicht wert, sich geschlechtsunabhängig aufzuregen?



    Teile und herrsche, oder wie war das?

  • warum_denkt_keiner_nach?

    Irgendwer scheint die CDU unterwandert zu haben, um auch ihre letzten Wähler zu vertreiben. Mit bloßer Dummheit und Ignoranz ist das kaum mehr erklären. (kopfschüttel)