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Nahostberichterstattung in Deutschland„Man stößt als Jour­na­lis­t:in schnell an Grenzen“

Eine Mehrheit befragter Jour­na­lis­t:in­nen sieht die Pressefreiheit zur Nahostberichterstattung bedroht. Carola Richter hat an der FU Berlin dazu geforscht.

Interview von

Martin Niewendick

Wer über den Nahostkonflikt in Deutschland berichtet, braucht ein dickes Fell: Es drohen Shitstorms, persönliche Anfeindungen und auch berufliche Konsequenzen. Eine neue Studie der Freien Universität Berlin hat dies nun wissenschaftlich untersucht. Das Ergebnis: Eine Mehrheit von Jour­na­lis­t:in­nen nimmt eine gestiegene Bedrohungslage wahr.

Für die Studie hat die Kommunikationswissenschaftlerin Carola Richter gemeinsam mit den Kon­flikt­for­sche­r:in­nen Nina Moya Schreieder und Jannis Julien Grimm 179 Jour­na­lis­t:in­nen befragt. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, liefern laut den Forschenden jedoch zum ersten Mal belastbare Daten zu dem Thema und ergänzen die Forschung, die bis jetzt hauptsächlich qualitativ stattgefunden hat. Die taz hat mit Carola Richter über die neuen Erkenntnisse gesprochen – und darüber, was sich in deutschen Redaktionen ändern muss.

Frau Richter, wovor haben deutsche Jour­na­lis­t:in­nen Angst, wenn sie über den Nahostkonflikt schreiben?

Im Interview: Carola Richter

Carola Richter ist Professorin für Internationale Kommunikation an der Freien Universität Berlin. Dort leitet sie das Center for Media and Information Literacy (CeMIL) und beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Rolle der Medien im Nahostkonflikt.

Wir haben in der Studie festgestellt, dass ein Drittel der Befragten sagt, sie verspürten ein Bedürfnis nach Selbstzensur. Wenn wir konkreter nach aus ihrer Sicht sensiblen Themen fragen, nennt ungefähr die Hälfte Menschen- und Völkerrechtsverletzungen in Israel beziehungsweise die israelische Politik. Aber auch Pro-Palästina-Proteste werden genannt.

Welche Konsequenzen befürchten Journalist:innen?

Uns hat überrascht, dass es sehr stark darum geht, dass man in den Medien selbst, im Kollegium oder gegenüber Chefredaktionen Zurückhaltung walten lässt, weil man Sorge hat, diffamiert oder ausgegrenzt zu werden. Mit Blick auf die eigene Nahostberichterstattung haben über 20 Prozent gesagt, sie hätten schon Ausgrenzung im eigenen Medium erfahren. Über 40 Prozent haben außerdem Diffamierung im Internet, Hassrede oder Drohungen erlebt. Das kam also nicht nur aus dem eigenen beruflichen Umfeld.

Es geht aber auch darum, dass man Angst hat, möglicherweise ausgegrenzt zu werden. Einige haben berichtet, dass ihnen Aufträge entzogen wurden oder ihre Publikationen nicht gedruckt oder gesendet worden seien.

Sind von Anfeindungen innerhalb und außerhalb der Redaktionen besonders Jour­na­lis­t:in­nen bedroht, die sich eher proisraelisch oder propalästinensisch äußern?

Wir haben nicht konkret gefragt, ob jemand proisraelisch oder propalästinensisch eingestellt ist. Das wäre auch ein Schubladendenken, dem sich meiner Ansicht nach die meisten Journalist:innen, die hier geantwortet haben, verwehren würden. Wir haben zum Beispiel nach bestimmten Haltungen zum Nahostkonflikt gefragt und dafür konkrete Themen vorgegeben.

Ein Thema war etwa: Wie stehen Sie zum besonderen Schutz jüdischen Lebens in Deutschland? Da haben über 90 Prozent gesagt, dass ihnen dieses Thema wichtig oder besonders wichtig ist. Insofern würde ich nicht einfach sagen, dass die einen propalästinensisch und die anderen proisraelisch sind. In den Redaktionen selbst scheint man aber mit Israel-kritischen Positionen mehr anzuecken.

Und doch scheint sich die Qualität zu unterscheiden: Der Journalist Iman Sefati wurde 2024 von Anti-Israel-Aktivist:innen mit einem Messer bedroht, Gewerkschaften und „Reporter ohne Grenzen“ warnen seit Jahren vor steigender Gewalt auf Palästina-Demos.

Wir haben auch gefragt, ob es direkte Gewalterfahrungen gegeben habe, also physische Gewalt, Gewalt durch die Polizei oder Sachbeschädigungen, beispielsweise am Auto. Davon haben nur wenige Menschen berichtet, etwa ein Prozent. Das muss nicht heißen, dass nicht auch andere davon betroffen sein können. Wir wissen, dass die Stimmung auf propalästinensischen Demonstrationen häufig medienfeindlich ist, weil viele das Gefühl haben, von den Medien nicht korrekt behandelt zu werden.

Sie haben fast 600 Jour­na­lis­t:in­nen angefragt, etwa 30 Prozent haben sich beteiligt. Wie haben Sie die Auswahl getroffen?

Wir wollten diejenigen befragen, die zur Region selbst arbeiten, unter anderem Auslandskorrespondent:innen. Aber auch jene, die sich in deutschen Redaktionen oder als freie Jour­na­lis­t:in­nen mit dem Thema beschäftigen.

Es geht auch um die eigene Sachkompetenz, zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Viele geben einen relativ hohen Kenntnisstand an, vor allem bei Themen wie Antisemitismus und Rassismus. Nachholbedarf sehen wir bei der Kenntnis der Region selbst. Nur etwas mehr als ein Drittel der Befragten hat sich einen höheren Kenntnisstand zu Israel, Palästina und den umliegenden Ländern zugeschrieben. Man muss davon ausgehen, dass nicht immer eine besonders kompetente Einschätzung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse vor Ort möglich ist.

Deshalb greifen viele auf Kontakte zu Jour­na­lis­t:in­nen vor Ort zurück und auf Freun­d:in­nen oder Familie, heißt es in der Studie.

Ja, die Hälfte der Befragten gibt an, mit lokalen Jour­na­lis­t:in­nen in Israel oder Palästina zusammenzuarbeiten. 56 Prozent haben Freunde und 13 Prozent gar Familie in Israel, 36,5 Prozent haben Freunde und 3 Prozent Familie in Palästina. Und rund die Hälfte aller Befragten hat bereits Recherchen vor Ort betrieben.

Was empfehlen Sie den Redaktionen, um das Klima für Jour­na­lis­t:in­nen zu verbessern?

Das Problem ist: Es gibt Hierarchien und man stößt schnell an Grenzen, wenn man bestimmte Positionen vertritt. Das ist etwas, worüber Redaktionsleitungen nachdenken sollten. Sie sollten für eine offene Debattenkultur sorgen und Maßnahmen ergreifen, damit persönliche Bezüge als Erkenntnisressource eingebracht werden können.

Auch müssen Wissensbestände und Faktenrecherche eine große Rolle bei der Entscheidung spielen, welche Perspektiven berücksichtigt werden und was veröffentlicht werden kann. Jour­na­lis­t:in­nen müssen die Möglichkeit haben, ihre Einschätzungen frei zu äußern, ohne dass sie jemand diffamiert oder sie das Gefühl bekommen, bestimmte Dinge nicht sagen zu können.

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4 Kommentare

  • Wanderin

    Ja, man muss bedenken, dass Hierarchien und die Angst um die Karriere bei den Artikeln mitschreiben. Ein nützlicher Begriff zur Beurteilung der kommenden AfD - Berichterstattung wäre der des Agenda Settings. de.wikipedia.org/wiki/Agenda_Setting



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    D.h. Wird der redaktionelle Fokus auf Nebensächliches wie Hotelabrechnungen und Vetternwirtschaft gesetzt, während die viel extremeren Straftaten im Nebensatz verschwinden bzw de-thematisiert werden?



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    Es ist zudem sehr intransparent, wenn ein Artikel und ein Link verschwindet, ohne die Änderung kenntlich zu machen, aber die ursprüngliche Version unter derselben Linkzeile im Web-Archiv abrufbar ist. Danach wurde zwar hastig ein Artikel nachgeschoben, in dem "Konsequenzen" gefordert wurden.. In dem aber gleichzeitig behauptet wurde: "Zehntausende geleakte interne Mails belegen nochmals, was ohnehin im Großen und Ganzen bekannt ist."



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    Aha, ist alles schon bekannt. In anderen Worten, hier gibts nichts zu sehen. Es gibt gar nichts von Nachrichtenwert. Es hat gar nichts stattgefunden. Hier wirds wirklich dystopisch.



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    Und werden in Zukunft die Lügen der Afd zu jedem sie betreffenden Thema eingeholt und weitergereicht?

  • Dr. M.

    Wer dazu mehr wissen möchte, dem sei auch das Buch "Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media" (1988) von E. S. Herman und N. Chomsky empfohlen. Die Autoren analysieren darin sehr fundiert, wie diese quasi freiwillige Art der Selbstkontrolle ein zentrales Element der Medienlandschaft ist. Weil es freiwillig passiert, weisen wir in Deutschland natürlich brüskiert von uns, dass es da um Einflussnahme auf die öffentliche Meinung geht. Im Endeffekt wirkst es aber kaum anders als staatlich verordnete Propaganda.

    Und wer noch ein bisschen weiter über den den Tellerrand der eigenen Überzeugungen hinweg schauen möchte, dem würde ich nahe legen, das selbe Prinzip, also den journalistisch geteilten Meinungskorridor, welche Wordings genutzt, auf welche Aspekte journalistisch eingegangen wird, usw., einmal in Bezug auf den EU/Ukraine/RU Krieg auch zumindest einmal zu durchdenken.

    Ich wage zu behaupten, auch da kann man sich seine journalistische Laufbahn schnell verbauen, wenn man zu kritisch Dinge hinterfragt, die scheinbar allgegenwärtig als gegeben vorausgesetzt werden.

  • Janix

    Das Gefühl psychologischer Sicherheit ist zentral. Journalismus, wenn er professionell betrieben ist, muss möglich sein.



    Am Ort jagen und töten israelische Kräfte teils markierte Journalisten. Zensur. Im Bereich der Hamas dürfte es auch schwer sein.



    Doch auch hier droht, dass niemand heiße Eisen anpackt - schauen wir doch nur auf die emotionale Mobilisierung durch das Thema hier im Forum. Wer immer wieder von Palästina berichtet, habe "latenten Antisemitismus" (ein frisches wie seltsames Zitat, dem sogar beigepflichtet wurde). Springer ist bei dem Thema ganz offen ein Kampagnenkonzern. Oder auch manchmal andersherum.

    Journalismus muss nicht nur über Westasien gehen. Aber eben auch. Und vielleicht erklärt die (individuell rationale) Scheu bei solchen Themen einiges, was an Halbwissen in der Breite noch wabert.

  • Jalella

    Hier



    www.reporter-ohne-....de/rangliste/2026



    sind wir sowieso schon lange nicht gerade auf Platz 1. Und bei dieser Erhebung ist der im Artikel genannte Aspekt nicht mal enthalten. Ich bin sicher, da wurde nicht auf Dinge, wie "Formulierungsvorgaben" im ÖRR geachtet, die klarstellen, wie z.B. im Fernsehen über den Gaza-Krieg geredet werden darf.



    Letztlich sind es aber die JournalistInnen selbst, die sich dem unterwerfen. Es ist sicher nicht einfach wenn man Druck von außen bekommt, aber das ist der Job. Nach den Vorgaben von anderen schreiben, kann ich auch. Der Job der JournalistInnen ist es, die Mächtigen zu kontrollieren und zu kritisieren. Dazu gehört notwendig, dass man ihnen auf die Füße tritt.



    Dass inzwischen Nachrichtenformate wie die tagesschau quasi israelische Militärpropaganda machen, ist unerträglich. Man schaue sich dazu z.B: die Arbeit von Nadia Zaboura an. Sie spricht an dieser Stelle von "Antijournalismus".



    nahostnahdran.simp...rin-nadia-zabouraa