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Schwangerschaftsabbruch in Polen Wenig Aussicht auf Erleichterung

Kommentar von

Barbara Oertel

Regierungschef Tusk setzt endlich ein Wahlversprechen um und entschärft die Abtreibungsgesetze in Polen. Doch Präsident Naworocki kann das blockieren.

B esser spät als nie: Nach fast drei Jahren an der Regierung haben Regierungschef Donald Tusk und seine Mitte-links-Koalition eine Liberalisierung der rigiden Abtreibungsgesetzgebung durch die erste Kammer des Parlaments (Sejm) gebracht – übrigens ein zentrales Wahlversprechen Tusks im Herbst 2023.

Dabei geht es um eine teilweise Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen beziehungsweise derer, die dabei Hilfestellung leisten. Zudem kann künftig auch eine schwere Missbildung des Fötus ein legaler Grund für einen Abbruch sein, was Polens Verfassungsgericht 2020 zu Zeiten der PiS-Regierung noch anders entschieden hatte.

Der jetzige Schritt war überfällig. Polinnen, die eine Schwangerschaft mit ihrer Gesundheit, wenn nicht gar mit ihrem Leben bezahlen, sind keine Einzelfälle. Hinzu kommt, dass Frauen, die – aus welchem Grund auch immer – fest entschlossen sind, eine Schwangerschaft abzubrechen, dafür Mittel und Wege finden werden. Auch da ist Polen keine Ausnahme.

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Doch so richtig die jüngste Gesetzesänderung auch ist – die Erleichterung der Betroffenen dürfte sich in Grenzen halten. Der rechtsnationale Präsident Karol Naworocki hat angekündigt, gegen die neuen Regelungen sein Veto einzulegen. Leider steht zu befürchten, dass er dieses Vorhaben in die Tat umsetzen wird – genauso wie sein Vorgänger Andrzej Duda. Auch er hatte dieses Instrument ausgiebig genutzt.

Wie ein derartiges Gebaren mit den Grundsätzen von Rechtsstaatlichkeit vereinbar sein soll – nun ja. Fast schon müßig ist es zu erwähnen, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg Polens Abtreibungsgesetze 2023 für unwirksam erklärt hatte.

Bei den „Schwarzen Protesten“ waren seinerzeit immer wieder bis zu Hunderttausend Frauen für die Selbstbestimmung über ihren Körper auf die Straße gegangen. Das könnte jetzt erneut passieren. Die Stimmung zum Protest wäre danach – und das nicht nur in Polen, wie derzeit zu beobachten ist.

Barbara Oertel Ressortleiterin Ausland

Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.
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1 Kommentar

  • Vilnia

    Nawrocki oder "Now Rocky"...

    wie ihn der POTUS absichtsvoll tituliert, wird das erledigen, wozu ihn Kaczynski gewählt hat:

    Blockade der Regierungsarbeit der Tusk-Ampel, bis man im Wahlkampf (bis zum 11.11.2017 muss das Parlament gewählt werden) den Rest erledigt.

    Und dieser Wahlkampf hat längst begonnen - er existiert permanent in Polen zwischen Polen (Moderne) und Polen (Vorgestern).

    Nawrocki hat zwei Möglichkeiten, Tusk-Gesetze zu stoppen - beide werden genutzt.

    Er könnte auch das Verfassungsgericht (TK) einsetzen - noch ist es in PiS-Hand. Damit sich nichts daran ändert, verweigert Narocki die Vereidigung neuer Verf.-Richter - eine Meute von meist betagten PiS-Demonstranten belagert das Gericht mit einer Zeltstadt und versperrt den neuen Richtern den Zugang. Kaczynski hält dort "flammende" Reden (mit massiver antideutscher Hetze) und wähnt sich wieder im Barrikadenkampf der Wendezeit.

    Nun sollte sich die EU dort mal einschalten - schließlich hat Polen als Vertrauensvorschuss ca. 200 Milliarden PLN aus "EU-Wiederaufbaumitteln" erhalten.

    Es sollte bald etwas Konkretes geliefert oder eine Rückforderung seitens der EU gestellt werden - unter Nennung von Ross und Reiter.