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Klimapolitik der BundesregierungHerr Merz, bitte steigen Sie JETZT in Ihren Jet!

Die Erde steuert auf 2,8 Grad Erwärmung zu. Warum das ein guter Anlass für den Kanzler sein sollte, die gesamte Bundesrepublik zu überfliegen.

L ieber Friedrich Merz, hiermit möchte ich Sie bitten, in Ihr Privatflugzeug zu steigen, eine himmlische Runde über der Bundesrepublik zu drehen, mit ein paar irdischen Stopps in Freiburg, in Rostock und so weiter.

Entschuldigen Sie, ja, ich weiß, das ist eine ungewöhnliche Bitte. Ihre silberne Diamond DA62 triggert ja sonst eher hart – schädlicher Luxus und so. Und Sie fliegen ja auch gar nicht mehr so oft selbst. Vor allem aus Sicherheitsgründen. Weniger, um das Klima zu schonen. Aber jetzt geht es genau darum – dieser eine Flug soll dem Klima sogar helfen.

Es ist brenzlig. Lesen Sie die Bild? Bestimmt. Selbst die Bild, des ökologischen Alarms völlig unverdächtig, hat gemeldet, dass die Erde laut den Vereinten Nationen auf 2,8 Grad Erwärmung zusteuert. Das hat viel mit Trump zu tun, ja. Der findet Klimaschutz Unsinn. Nur: So viel besser ist Deutschland auch nicht. Ihre Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat erst Anfang Oktober das Referat für Wind-, Solar- und Transformationsindustrien aufgelöst. Das hat viele irritiert, das haben Sie vielleicht mitbekommen.

Natürlich, es ist so eine Sache mit Zahlen. 2,8 Grad. Irgendwie groß. Aber Laien wie Ihnen und mir sagt das eigentlich wenig, dem Herzen schon gar nichts. Das spricht nicht gegen Zahlen an sich, das nicht. Ohne wissenschaftliche Fundierung geht Politik auch nicht, oder? Sie sollen ja sachlich, analytisch sein. Also fallen Sie sicher nicht auf jene rein, die Forschende derzeit in Misskredit bringen wollen. Nur berühren Zahlen selten. Und darum geht es zurzeit ja immer. Alle fordern, die Leute mitzunehmen. Schwer, sicher. In diesem Fall allerdings können Sie das sogar wortwörtlich nehmen.

Laden Sie etwa Ihre Wirtschaftsministerin ein mitzukommen. Tanken Sie voll, schnallen Sie sich an, und dann los! Start Flugplatz Arnsberg-Menden im Sauerland. Dann immer gen Süden, erstes Ziel Freiburg, Uniklinikum.

Dort suchen Sie nach Thorsten Hammer, dem Katastrophenschutzbeauftragten. Als es in diesem Sommer brüllend heiß wurde, hat er eilig eine Taskforce eingerichtet, versucht, die heißesten Zimmer runterzukühlen. Er hatte auch einen Evakuierungsplan, betroffene Patienten wären notfalls in eine klimatisierte Messehalle gebracht worden. Zum Glück kam es nicht so weit, das wünscht man ja auch keinem Patienten. Sprechen Sie mit Hammer.

Kaum zu glauben, doch dieser eine Flug könnte dem Klima sogar helfen!

Gönnen Sie sich danach gern einen Affogato, einen Espresso mit einer Kugel Eis. Mögen Sie doch so gern. Dann fliegen Sie weiter zum Bodensee. Der schrumpft. Hohe Temperaturen, hohe Verdunstung, dazu kaum Regen. Das setzt dem größten See Deutschlands zu. Aus den Alpen kam auch wenig nach, weil der Winter wenig Schnee hatte und Schmelzwasser rar war. Von oben mag es schön aussehen, wenn neue Strände entstehen, sich das Wasser zurückzieht. Aber in diesem Ausmaß?

Jetzt noch ein Abstecher zur Wirtschaft, ins Saarland. Dort soll bald CO₂-armer Stahl produziert werden. Saarstahl investiert dafür Milliarden, bekommt dafür Förderung von Bund und Land. Treffen Sie sich mit Stephan Ahr, dem Vorsitzenden des Konzernbetriebsrats, der den ökologischen Umbau mit vorangetrieben hat, die Belegschaft sogar überzeugte, dafür Einschnitte hinzunehmen.

Er aber sorgt sich, dass Sie den Emissionshandel schwächen wollen, mit dem sich die klimafreundlichere Produktion erst lohnen würde. Ahr und die 14.000 Stahlarbeiter, die er vertritt, sehen sich als Klimavorreiter, die nun bestraft würden. Lassen Sie sich das noch mal erklären.

Vom Saarland bis Rostock ist es ein Stück. Aber das dürfte für Sie interessant sein: In der größten Stadt Mecklenburg-Vorpommerns denken sie darüber nach, in großem Stil Ostseewasser zu entsalzen, um damit auch das dürregeplagte Brandenburg und Berlin zu versorgen.

Was für Folgen die Erderwärmung schon hat! Dabei steht sie heute erst bei 1,37 Grad.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Fliegen Sie also bitte zurück nach Berlin, sprechen Sie dort noch mit jüngeren Menschen, wie sie die Welt sehen, was sie ängstigt. Dann machen Sie eine Sondersitzung mit Ihrem Kabinett. Erzählen Sie, was Sie gesehen haben – und entscheiden Sie sich für Wind- und Solarkraft, für Grün in den Städten, für ein zügiges Verbrenner-Aus.

Ach, das muss ich gar nicht alles auflisten. Sie sind lange genug im Geschäft, wissen, was zu tun ist.

Danke und guten Flug!

Ihre Hanna Gersmann

Hanna Gersmann taz-Autorin

War von 2002 bis 2013 in der taz, leitete dort zuletzt das Inlandsressort. Jetzt gehört sie zum Büro die-korrespondenten.de im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin. Sie schreibt vor allem über Umwelt-, Verbraucher- und Wirtschaftspolitik.
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4 Kommentare

  • Klabauta

    Schöne Idee. Ich fürchte nur, dass unser aller BK weder die taz liest noch dass er sich der Realität jemals beugen würde.

  • Offebacher

    In so einer Kolumne zu so einem ernsten Thema sollten dann auch die Fakten stimmen und man bzw. hier Frau nicht großzügig mit der Wahrheit umgehen. Wenn schon die nachvollziehbaren Fakten in der Übersicht falsch sind, sind dann die Fakten in der Kolumne selbst richtig, kann man ihnen trauen?



    Schade, das Recherchieren heute wohl bei Zeitungen bzw. ihren Redakteurinnen und Redakteuren keine Rolle mehr spielt: Eine Diamond 62 ist ein Flugzeug, aber kein Jet. Es hat keine Düsentriebwerke, sondern 2 Dieselmotore mit zusammen 360 PS und einem Verbrauch von etwas mehr als 14 bis zu 20 Litern pro 100 km (laut Diamond-Homepage und Wikipedia). Nicht super sparsam, aber bei weitem nicht vergleichbar mit einem Jet: ein in der Größe vergleichbarer, sehr kleiner Jet (1-2 Piloten, 4-6 Passagiere, ähnliche Reichweite von 2000 bis 2500 km) wie die Cessna Citation Mustang verbraucht, bei allerdings mehr als doppelter Geschwindigkeit, etwas 50 bis 70 Liter pro 100 km. Das ist auch der Hauptunterschied zwischen Kolbenmotormaschinen mit Propellern gegenüber so kleinen Jets: Propellerflugzeuge sind viel langsamer, Jets verbrauchen viel mehr und kosten auch in Anschaffung und Unterhalt das mehrfache.

    • Hugo

      @Offebacher:

      Irgendwo ist des hier schomma rumgekommen, daß die Überschriften durch die ganz schlauen Mitarbeiter*innen mit den punchlines gesetzt werden. Evtl. ist da die (ehemalige) räumliche Nähe zum Springerhochhaus für verantwortlich, daß mer es ob der Kürze und Würze mit den miesen Detail ned soo genau nimmt.



      Und wenn ich schon dabei bin; evtl. sollte Friedrich Merz seine Dienstfahrten und Pendeleien mitm Sonderwaggon durch die Republik organisieren; so als ökologisch korrektere Bildungsreisenvariante *lol* .

    • Perkele

      @Offebacher:

      Ob Jet oder Prop - das ist in diesem Kontext vollkommen gleichgültig. Ernsthaft kann doch niemand behaupten, dass es "sparsam" sei 14 bis 20l / 100km zu verbrennen. Diese Luxus-Protzen sind überflüssig wie ein Kropf und DAS ist bedeutsam, sonst nix.