Aussteiger aus rechtsextremer Szene: „Damals habe ich gedacht, wir müssen zusammenhalten“
Erst gemeinsam Abhängen, dann Hitlergrüße: Timo Groenke fand in der rechtsextremen Jugendszene eine Gemeinschaft. Heute findet er sie furchtbar.
taz: Herr Groenke, Sie sind im Sommer 2024 als damals 17-Jähriger in die rechtsextreme Szene mit ihren neu gegründeten Jugendgruppen gerutscht. Wie kam es dazu?
Timo Groenke: Ich muss ein bisschen vorher anfangen: In der Oberschule bin ich von Schülern mit Migrationshintergrund gemobbt worden. Und weil die AfD genau solche Probleme angesprochen hat, von den „bösen Ausländern“, die alle abgeschoben werden sollen, habe ich eine rechte Meinung entwickelt.
taz: Ein Neonazi ist man dann aber noch nicht gleich.
Groenke: Nein, das kam über einen Freund, den ich vom gemeinsamen Fußballschauen kenne. Eines Tages war ich mit ihm unterwegs und dann hat er gesagt: „Komm, wir treffen noch ein paar Freunde“. Und dann standen auf einmal mehrere Typen vor uns und einer von ihnen war Julian Milz …
taz: … der damalige Anführer der kurz zuvor gegründeten rechtsextremen Jugendgruppe Deutsche Jugend Voran (DJV). Und den kannten Sie?
Groenke: Ja. Ich kannte die Videos von der Gegendemo gegen den CSD-Bautzen ein paar Wochen zuvor und war daher auch schon auf dem Instagram-Kanal der Deutschen Jugend Voran, wo sich Milz als Anführer präsentiert hat.
Der Mensch
Timo Groenke wurde 2007 in Berlin geboren und ist am östlichen Stadtrand in Marzahn aufgewachsen. Dort besuchte er auch die Oberschule, die er mit einer erweiterten Berufsbildungsreife abschloss. Danach begann er ein Freiwilliges Soziales Jahr, das er jedoch wegen seines Zugehörigkeit zur rechtsextremen Szene vorzeitig beenden musste. Inzwischen absolviert er eine Ausbildung. Groenke veröffentlicht Videos über seine Vergangenheit und aktuelle politische Ereignisse auf seinen Kanälen bei Instagram und Tiktok.
Die Jugendgruppen
2024 gründeten sich bundesweit neue rechtsextreme Jugendgruppen. Handelte es sich zu Beginn vor allem um ein Internetphänomen, zeigte sich die Szene ab dem Sommer auch auf den Straßen. So demonstrierten im August 2024 etwa 700 junge Neonazis gegen eine CSD-Parade in Bautzen, viele ähnliche Proteste folgten. Eine der aktivsten Gruppen, vor allem in Berlin, war die Deutsche Jugend Voran (DJV), die teilweise bis zu 50 Mitglieder hatte. Ihr Anführer Julian Milz wurde im Frühjahr 2025 wegen Beteiligung an zwei gewaltsamen Übergriffen zu einer mehr als 3-jährigen Haftstrafe verurteilt, die er erst Monate danach antrat. Nach mehreren Spaltungen und Gruppenauflösungen hat die Szene der Jung-Nazis ihren kurzen Zenit bereits überschritten. Seit diesem Jahr ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen die DJV und die Gruppe Jung & Stark wegen Bildung krimineller Vereinigungen.
taz: Was passierte dann?
Groenke: Milz war in Begleitung von Mitgliedern einer weiteren mit der DJV verbundenen Gruppe – Jung & Stark. Zusammen wollten sie wenige Tage später nach Leipzig zu einer Demo fahren und haben mich dazu eingeladen. Ich wusste zunächst noch nicht einmal, worum es geht.
taz: Auch das war eine rechte Gegendemo gegen den CSD, die dann aber von der Polizei noch im Leipziger Bahnhof eingekesselt wurde und nicht laufen durfte.
Groenke: Ja, da war eine Menge Trubel, wir haben einen Platzverweis für die ganze Stadt bekommen. Das war zwar zunächst erst mal ein Scheißgefühl, aber gleichzeitig wurde ich von den Leuten super aufgenommen. Ich konnte mit denen gut quatschen, und es haben sich fast schon so etwas wie Freundschaften gebildet. Schon auf dem Rückweg in der Bahn wurde ich dann in die interne Whatsapp-Gruppe von Jung & Stark aufgenommen.
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taz: Sie hatten keine Hemmung, in eine rechtsextreme Gruppe einzutreten?
Groenke: Damals dachte ich nicht wirklich, dass das Rechtsextremisten sind, sondern dass sie stolz, patriotisch, konservativ sind – so wie ich. Und da dachte ich, ja, man kann sich ja treffen, vernetzen.
taz: Und das haben Sie dann getan?
Groenke: In den nächsten zwei Wochen habe ich die anderen von Jung & Stark fast jeden Tag gesehen, meist draußen, immer so mit sechs, sieben Leuten. Dabei ist schon über Politik geredet worden, und es ging auch darum, öffentlich zu zeigen, wie man denkt, aber vor allem waren es freundschaftliche Treffen: zusammen abhängen, mal ein Bier trinken. Nur einmal, als zwei von denen in der Öffentlichkeit einen Hitlergruß zeigten, hätte es eigentlich schon Klick bei mir machen müssen. Hat es aber nicht.
taz: Wie ging es nach den zwei Wochen weiter?
Groenke: Da kam es zum Konflikt zwischen Julian Milz von der DJV und einem Verantwortlichen von Jung & Stark, der dazu führte, dass sich beide Gruppen getrennt haben. Ich habe mich damals dazu entscheiden, zur DJV zu gehen. Die sind professioneller gewesen: Da gab es keinen Whatsapp-Kanal mehr, sondern eine Signal-Gruppe, und die Struktur war gefestigter, mit Verantwortlichen, die wussten, was sie machen. Also eigentlich gab es vor allem Julian Milz: Der hat was gesagt und die anderen sind gesprungen.
taz: Wie sehr hat die Gruppe Ihr Leben geprägt?
Groenke: Vier, fünf Tage die Woche habe ich mit der Gruppe verbracht. Anfangs waren es nur diese typischen Treffen, gemeinsam abhängen, was unternehmen. Mit der Zeit wurde es dann mehr: Da sind wir dann gemeinsam Stickern gegangen, haben Flagge gezeigt auf der Straße, sind immer öfter zu Demos gefahren, nach Leipzig, Magdeburg oder zum neonazistischen Gedenkmarsch nach Dresden und haben auch selbst Demonstrationen geplant.
taz: Wie sehr wurden Sie in der Zeit radikalisiert?
Groenke: Ich habe immer mehr diese rechtsextreme Meinung übernommen, zunächst, um dazuzugehören. Als einmal ein ehemaliges Mitglied gesagt hatte, es sei nicht gut, zu Hitler zu stehen, wurde er hochkant rausgeschmissen. Ich habe dann auch angefangen Hitlergrüße zu zeigen und mir ein „reines“ Deutschland gewünscht. Und während ich anfangs noch wegen der Aufmerksamkeit zu den Anti-CSD-Demos gegangen bin, habe ich später queeren Leuten das Menschsein abgesprochen.
taz: Hatte Social Media einen Anteil an der Radikalisierung?
Groenke: Ja, das war entscheidend. AfD-rechts wurde ich über Instagram und Tiktok, über die Videos von Maximilian Krah, Björn Höcke und Alice Weidel. Dort habe ich auch von der Demo in Bautzen mitbekommen. Und während meiner Zeit bei der Gruppe habe ich Social Media aktiv genutzt, also Insta-Storys hochgeladen. Eigentlich kann man sagen: Ohne Social Media wäre ich höchstwahrscheinlich niemals da gelandet.
taz: Im Oktober 2024 gab es eine große Razzia in Berlin und Brandenburg gegen Mitglieder der rechtsextremen Jugendgruppen. Im Fokus standen Julian Milz und weitere Mitglieder der DJV, denen zwei gewaltsame Überfälle auf Personen mit Antifa-Utensilien vorgeworfen wurde. Wie sehr wurden Sie davon überrascht?
Groenke: Ich habe an einem Vormittag während meines Freiwilligen Sozialen Jahres davon erfahren, weil mich die Freundin von einem anderen Betroffenen gefragt hatte, ob ich ihn erreichen kann – konnte ich nicht. Dann habe ich von der Razzia gelesen und habe als Erstes meine Mutter angerufen, um zu fragen, ob alles gut ist. Ich wusste ja nicht, worum es geht, ob die vielleicht schon wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung ermitteln. Von den Überfällen in der S-Bahn und vor der Kneipe hatte ich nichts mitbekommen. Erst am Abend hab ich dann bei einem Treffen davon erfahren. Die waren ganz stolz auf ihre Taten.
taz: Was hat das mit Ihnen und der Gruppe gemacht?
Groenke: Damals habe ich gedacht, wir müssen zusammenhalten. Nachdem ich in meiner Kindheit nicht wirklich viele Freunde hatte, stand die Freundschaft in der Situation im Vordergrund. Andere haben aber schon Angst bekommen. Nach der Razzia hatte sich die Gruppe schnell auf etwa 25 Mitglieder halbiert. Milz war in U-Haft und es hat anderthalb Monate gebraucht, bis wir uns wieder getroffen haben, auch weil die Polizei ja Zugriff auf unseren Chat hatte.
taz: Gab es für Sie Konsequenzen?
Groenke: Ja, aber erst einige Zeit nach der Razzia. Ich hatte damals mit einem eigenen Medienportal angefangen, um unsere Inhalte zu verbreiten und wurde dann geoutet. Es gab auf einer linken Internetseite einen Text, in dem meine Adresse genannt wurde, und ein paar Tage später hat mich meine Mutter geweckt und mir gesagt, dass vor unserer Tür Plakate mit meinem Bild mit allen möglichen Infos über mich hängen. Und dann habe ich alles verloren: Ich bin bei meiner FSJ-Stelle rausgeflogen, musste meine Tätigkeit als Fußballschiedsrichter aufgeben und bin dann auch noch von meiner Mutter rausgeschmissen worden.
taz: Ihre Mutter wusste aber schon vorher, dass Sie in der Szene sind?
Groenke: Ja, und sie fand das nicht toll. Anfangs gab es noch viele Diskussionen, aber dann hat sie aufgegeben und ist dem Thema so gut es ging aus dem Weg gegangen.
taz: Was hat das alles mit Ihnen gemacht?
Groenke: Zuerst war das ein großer Schock für mich. Aber ich habe mich in der Opferrolle gesehen, ohne eigene Fehler einzugestehen. Mein Gefühl war, ich werde für das bestraft, wofür ich stehe. Schuld waren die anderen. Und die DJV war das Auffangbecken für mich.
taz: Was haben Sie gemacht, ohne Wohnung, ohne Arbeit?
Groenke: Ich war erst mal arbeitslos und habe bei einem Freund, später bei meiner Freundin gewohnt. Nach zwei Monaten habe ich einen Job bei McDonald’s bekommen. Und das war auch der Anfang vom Ausstieg aus der Ideologie.
taz: Wieso das?
Groenke: Dort hat auch eine trans Person gearbeitet. Ich habe erst mal Abstand gehalten, aber er hat das Gespräch mit mir gesucht, wusste auch durch das Outing, wer ich bin. Erst dachte ich noch, ja, laber mal, aber dann habe ich gecheckt: Wow, der will mich ja gar nicht mit seinem Queersein bedrängen. Ich hab von ihm gelernt, dass die CSDs nicht dazu dienen, Teenies aufzuquatschen, homosexuell zu werden, sondern dafür da sind, dass diese Menschen ihre Rechte kriegen.
taz: Zum Ausstieg aus der Szene hat das aber nicht geführt?
Groenke: Nein, das passierte schon einige Zeit vorher. Vor einer Demo in Marzahn hat Milz, der wieder auf freiem Fuß war, angerufen und gesagt, ich solle Bengalos mitnehmen. Ich wollte das nicht machen, aber da hat er mir gedroht, andernfalls mit zwei, drei Leuten vor meiner Tür zu stehen, mich zusammenzuschlagen und aus der Gruppe zu schmeißen. Auf dem Weg zur Demonstration gab es dann eine verbale Auseinandersetzung mit Leuten, die uns den Mittelfinger gezeigt haben. Als mich daraufhin Polizisten durchsuchten, fanden sie die Pyrotechnik und nahmen mich fest. Und als ich nach mehreren Stunden auf der Gefangenensammelstelle wieder rauskam, war da niemand der DJV, der auf mich gewartet hätte. Nur zwei, drei von der Demo, nicht DJV, die sagten: Pumba – das war damals mein Spitzname – ist wieder draußen. Ich hab nur geantwortet: Pumba gibt es nicht mehr.
taz: Und dann sind Sie ausgetreten?
Groenke: Genau. Ich habe in die interne Chatgruppe geschrieben, dass ich nicht mehr dabei sein will, auch weil mich niemand von der Gefangenensammelstelle abgeholt hat. Dann bin ich einfach aus der Gruppe rausgegangen.
taz: Wie waren die Reaktionen?
Groenke: Aus der Gruppe gab es keine Reaktion, nur mit den zwei Leuten, mit denen ich eng war, lief der Kontakt noch weiter. Aber die waren auch schon nicht mehr wirklich aktiv oder gerade dabei auszusteigen. Ich habe dann aber relativ bald alle Kontakte eingestellt.
taz: Sind Sie wegen des Ausstiegs bedroht worden?
Groenke: Einmal schrieb mir jemand an meine Adresse mit der Ankündigung, mal zu gucken, ob ich da noch wohne. Aber zum Glück war das die alte Adresse von meiner Mutter. Und ich hoffe nicht, dass da was passiert. Zuletzt bin ich auch in meinem Bus in Marzahn bedroht worden. Da meinte einer zu mir: Wir werden dich jagen.
Foto: Toni Petraschk
taz: Wie ist der Ausstieg aus der Ideologie gelungen?
Groenke: Ich habe mich hinterfragt, meine gesamte Ideologie einmal aufgearbeitet. Ich habe geguckt, was ich früher gemacht und vertreten habe. Und ich kann zu 100 Prozent sagen: So bin ich heute nicht mehr, heute verabscheue ich, was ich früher gedacht habe. Damals hatte ich behauptet, dass keine 6 Millionen Juden im Holocaust ermordet wurden. Wenn man dann aber mal dazu liest, wird einem klar, was das für ein Quatsch war.
taz: Das lernt man doch in der Schule?
Groenke: Im Schulunterricht ist mir das nicht vermittelt worden. Wir haben die NS-Geschichte in einem Block abgehandelt – 90 Minuten.
taz: Haben Sie nach dem Ausstieg überlegt, das bisherige Umfeld ganz zu verlassen und aus Marzahn wegzuziehen?
Groenke: Die Überlegung war da. Aber ich will mein Marzahn nicht irgendwelchen Nazis überlassen. Und so unangenehm, wie es vielleicht für mich werden kann, ist es einfach mein Ort. Ich bin da aufgewachsen und ich will da auch weiterleben.
taz: In „ihrem“ Marzahn hat die AfD bei der Berlin-Wahl am 20. September zum Abgeordnetenhaus und zur Bezirksverordnetenversammlung (BVV) mit Abstand die meisten Stimmen geholt. Was hat das mit Ihnen gemacht?
Groenke: Es ist ein kack Wahlergebnis. Und jetzt hat auch noch die CDU gesagt, dass sie mit der AfD zusammenarbeiten will. Ich habe schon gedacht: Wenn das passiert, gehe ich zur ersten Sitzung der BVV und brülle den ganzen Saal zusammen. Man muss leider sagen: Die Brandmauer existiert nicht mehr.
taz: Inzwischen posten Sie politische Videos auf Instagram, auch mit Ihrer persönlichen Geschichte. Wieso?
Groenke: Das war so ein spontanes Ding, ich wollte ein bisschen auf linken Influencer machen. Aber ich bin auch kein Marcant (linker Youtuber, d. Red.). Und dann hatte ich die Idee, über meine Vergangenheit zu reden. Und schon das erste Video, in dem ich sage „Mein Name ist Timo Groenke, ich bin Aussteiger aus der rechtsextremen Szene“ ist viral gegangen. Das war Mitte September. Seitdem habe ich Hunderte Nachrichten und Anfragen bekommen.
taz: Was ist Ihre Motivation, öffentlich über Ihre Neonazizeit zu sprechen?
Groenke: Mir geht es darum, dass junge Leute gar nicht erst in diese Kreise rutschen. Wenn ich nur eine Person davon bewahre, nehme ich auch tausend Kommentare in Kauf, die mich auf den Tod beleidigen.
taz: Was sagen Sie jungen Menschen, damit sie nicht in rechtsextreme Gruppen gehen?
Groenke: Man verbaut sich damit sein ganzes Leben. Ich werde meine Vergangenheit nicht los, wer meinen Namen googelt, weiß, was ich gemacht habe. Außerdem ist die Ideologie falsch. Diese Gruppen versuchen, Hass zu verbreiten. Aber es ist falsch, zu hassen, weil Menschen jemand anderes lieben, aus einem anderen Land kommen oder anders aussehen. Wir können alle friedlich miteinander leben.
taz: Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Groenke: Ich habe jetzt eine Ausbildung, die will ich zu Ende machen. Was politisch noch passiert, kann ich nicht sagen. Ich würde gern zu Demos gehen, aber ich kann keinem verübeln, der Angst vor mir hat oder mich der Demo verweist. Am Ende bin ich nicht derjenige, der mir vergeben muss, sondern die Menschen. Ich würde gern nächstes Jahr zur Marzahn Pride, wenn das für die Organisatoren in Ordnung ist.
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