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Ministerpräsidentenwahl Sachsen-AnhaltCDU-Abgeordneter Heuer will sitzen bleiben

Die CDU-Fraktion in Sachsen-Anhalt hatte angekündigt, bei der Wahl eines AfD-Ministerpräsidenten den Plenarsaal zu verlassen. Nun stellt sich ein Abgeordneter quer.

David Muschenich

Aus Leipzig

David Muschenich

Guido Heuer stellt sich gegen die Linie seiner CDU-Fraktion. Wenn sich AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund im Dezember zum sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten wählen lassen will, planen die Unionsabgeordneten, geschlossen aus dem Plenarsaal zu gehen. Für alle Welt soll sichtbar sein: Falls Siegmund Stimmen außerhalb der AfD-Fraktion bekommt, dann stammen sie nicht von der CDU. Heuer hat am Donnerstag beim neurechten Propagandaportal Nius angekündigt, dass er da nicht mitmache: „Ich werde den Saal nicht verlassen.“

Um Ministerpräsident zu werden, müssen drei Abgeordnete mehr für Siegmund stimmen, als die AfD-Fraktion Mitglieder hat. Bislang ist unklar, woher die zusätzlichen Stimmen kommen sollen. Das BSW beteuert, es werde keinen AfD-Ministerpräsidenten wählen. Siegmund selbst hatte mehrfach betont, es gebe Gespräche mit einzelnen Abgeordneten aus der CDU. Sollten die aber gar nicht im Saal sein, hätte sich Siegmunds Plan erledigt.

Dass einige CDU‑Abgeordnete grundsätzlich bereit sind, AfD-Mitglieder in bedeutende Ämter zu wählen, hatte sich Anfang Oktober angedeutet, als der Landtagspräsidenten-Kandidat Tobias Rausch vier Stimmen mehr bekam als erwartet. Bundesweit gab es Spekulationen darüber, woher die zusätzlichen Stimmen für die extreme Rechte kamen. Auf taz-Anfrage erklärten 8 der 15 CDU-Abgeordneten, sich enthalten zu haben – allerdings gab es bei der Abstimmung insgesamt nur fünf Enthaltungen.

Unter denen, die ihre Enthaltung bei der Wahl Rauschs erklärten, war auch Guido Heuer. Und Heuer enthielt sich erneut, als die CDU-Fraktion vergangene Woche intern darüber abstimmte, ob die Abgeordneten bei der Wahl des Ministerpräsidenten den Saal verlassen sollten. Die anderen 14 CDU-Fraktionsmitglieder stimmten dafür, nur Heuer scherte aus.

CDU-Fraktion lässt sich von AfD spalten

„Ich selber hatte dabei Grummeln im Bauch“, erklärt er nun eine Woche später bei Nius. Er habe sich enthalten und eine juristische Prüfung gefordert. Nach Informationen der taz läuft diese Prüfung derzeit noch, das Ergebnis steht aus. Heuer hat sich jetzt trotzdem schon entschieden, erklärt er im Interview: „Es gibt auch eine Meinung der Bevölkerung. Ich selber bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich den Saal nicht verlassen werde.“

Ab 2022 war Heuer Fraktionschef der CDU in Sachsen-Anhalt. Bei der Landtagswahl verlor er zwar sein Direktmandat an die AfD, zog aber über die Liste ein. Er wäre gern weiter Fraktionsvorsitzender geblieben. Allerdings trat Sven Schulze, der geschäftsführende Ministerpräsident und CDU-Landesvorsitzende, in einer Kampfabstimmung gegen ihn an. Mit 8 zu 7 Stimmen gewann Schulze denkbar knapp. Aus CDU-Kreisen heißt es, Heuer werte das als persönliche Niederlage und wolle vor allem Schulze schaden.

Dass Heuer offen angekündigt hat, gegen die Fraktionslinie zu agieren, dazu wollte sich die Fraktionsspitze nicht äußern. Auch Heuer ließ Anfragen der taz am Donnerstag unbeantwortet. Ob er Rausch gewählt habe oder Siegmund wählen werde, ließ er auch im Interview mit dem rechten Propagandaportal offen. Er erkläre sich nicht zu geheimen Wahlen. Aber er wisse, was er als „überzeugter Christdemokrat“ zu tun habe.

Deutlich sagte er immerhin, dass die CDU keine AfD-Regierung stützen werde, dafür seien die politischen Differenzen zu groß. Bei konkreten Projekten befürworte er aber, dass die CDU auch eine etwaige Zustimmung der AfD akzeptieren solle. In Sachsen-Anhalt gebe es eben „keine Mehrheit für die sogenannte politische Mitte“.

Damit spielt Heuer auch auf das BSW an, das mit 5 Abgeordneten in den Landtag eingezogen ist. Kurz danach begann die Partei zwar, mit der AfD über mögliche Regierungsvorhaben zu sprechen und wählte auch offen den AfD-Landtagspräsidenten Rausch. Trotzdem beteuern die BSW-Abgeordneten weiter, sie würden Siegmund nicht zum Ministerpräsidenten wählen.

Der BSW-Bundesvorstand bekräftigt diese Linie in seinem vor wenigen Tagen beschlossenen Leitantrag für den Bundesparteitag Ende November in Dresden. Dort heißt es, wegen Unterschieden in „zentralen politischen Positionen“ komme eine Koalition mit der AfD nicht infrage. Als Beispiel nennt der Antrag, dass Siegmund die Rüstungsproduktion in Sachsen-Anhalt befürworte, weil die AfD später Waffen für die „Remigrations- und Abschiebeoffensive“ brauche.

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12 Kommentare

  • Andreas_2020

    Guido Heuer droht seiner Partei mit Teilnahme an einer Wahl, die für ganz Deutschland schief gehen könnte. Dass wertet ihn auf - kurzfristig. Nun wird Heuer wohl gezählte Tage in der Fraktion und überhaupt in der CDU erleben, wenn er auf diesem Weg weitermacht. Die CDU in diesem Bundesland hat sich bereits mächtig blamiert, inzwischen präsidieren zwei unbrauchbare, rechtsextreme AfDler den Landtag und die politische Kultur des Landes ist arg angeschlagen.



    Guido Heuer spielt dabei keine positive Rolle, aber darum geht es ihm vermutlich auch nicht mehr. Was er will, das wird man erraten, wahrscheinlich den letzten Zug nehmen, der ihm politisch irgendeinen Gewinn bringen kann. Die CDU schwächt er damit aber, insofern ist das fraglich, ob sich wirklich jemand darauf einlassen kann. Guido Heuer dürfte selbst die Aufmerksamkeit von Merz und Söder erzielt haben, aber brauchen die so einen?



    Vermutlich nicht. Schneid zahlt sich oft aus, manchmal aber nicht.

  • Elite123

    Schulze hat mit der Kampfkandidatur Heuer zum Überläufer gemacht. Bitter, gemäß Spieltheorie klar, dass Heuer jetzt den maximalen Schaden erzeugen möchte.

    • Il_Leopardo

      @Elite123:

      Sie heben auf die "tit-for-tat-Stratege" ab. Oder nach dem AT "Zahn für Zahn und Auge für Auge".

  • nihilist

    Das ist sein gutes Recht. Wenn die Fraktionsspitze klug ist, sagt sie dazu auch nicht mehr als das.

  • Janix

    Zeit für schlechte Namenswitze: Will da womöglich jemand ... an-heuern?

    Rebellentum hebt mensch sich in politischen Fraktionen eigentlich für Ausnahmen auf.

  • Astrid Sehnefeld

    Heuer spielt seine Karten🤷



    Ein vergiftetes Blatt, aber nachvollziehbar.



    Am Ende wird die Union sitzen bleiben und das geht allein auf Schulzes Konto.



    Schulze hat die Wahl krachend verloren. Jeder andere mit Anstand hätte daraufhin Verantwortung übernommen und wäre gegangen - aber nicht Schulze...



    Nein, er, der eh schon nur durch den vorgezogenen Rücktritt als Ministerpräsident installiert wurde, er, der nie bei Wählern oder in seiner Partei beliebt war - er ließ sich stattdessen in der Kampfabstimmung zum Fraktionsvorsitzenden wählen.



    Leider haben diese Scharade 8 der 15 Fraktionsangehörigen mitgespielt, aber der denkbar knappe Sieg offenbarte wie es wirklich um Schulze steht.



    Wenn er nicht freiwillig geht, wird Siegmund definitiv Ministerpräsident werden.



    Es ist ein bekanntes Phänomen, dass wenn ein Vorgesetzter oder Chef es sich mit allen verspielt, irgendwann offen gegen ihn revoltiert und ohne Rücksicht auf Kollateralschäden gehandelt wird.



    Lieber versenken einige die eigene Fraktion, als dass Schulze statt Siegmund noch irgendwie über eine Minderheitsregierung geduldet an die Macht kommt.



    Der Mann muss weg - wenn er es nicht vor Dezember einsieht wird es so kommen.

    • Janix

      @Astrid Sehnefeld:

      Ich fürchte auch für ihn, Schulze muss sich opfern oder es zumindest ehrlich anbieten. Eine gespaltene Fraktion ist die Konstellation mit Gefahrenpotenzial.



      Dann verliert die Mannschaft auch mal gegen den Trainer - dafür ist dieses Spiel aber zu heikel.

  • Nachtsonne

    Die freie und geheime Wahl ist ein individuelles Recht der Abgeordneten. Sinn ist ausdrücklich nur seinem Gewissen verpflichtet zu sein. An der Stelle dürfen Abgeordnete nicht genötigt werden. Keine Ahnung, wen Herr Heuer wählen wird oder auch nicht, aber er hat jedes Recht sitzen zu bleiben. Ich würde sogar die Frage stellen, ob dieses "freiwillige" Verlassen des Parlaments konform mit der Landesverfassung ist.

  • Encantado

    "Guido Heuer (...) werde den Saal nicht verlassen.“



    Ich kann dem Artikel jetzt keine wirkliche Begründung dafür entnehmen, auch andere Medien sagen darüber nichts.



    Das Nicht-Verlassen ist sein gutes Recht, in diesem konkreten Fall sehe ich da allerdings doch kräftigen Erklärungsbedarf.



    Und wenn da nichts kommt... denk ich mir also meinen Teil.

  • Il_Leopardo

    Wenn Siegmund 40 Stimmen erhält, wissen wir, warum. Nur gut, dass er mit 40 Stimmen immer noch keine absolute Mehrheit hat.

    Mit Nius hat der oben genannte Herr keine Berührungsängste - und mit der AfD?

  • FtznFrtz

    Heuer will wohl sein Mütchen kühlen. Verantwortungsvoll ist das nicht, zumal hiervon ggf. Nazis profitieren.

  • Thomas Müller

    Was CDU-Fraktion in Sachsen-Anhalt betreibt ist eine Mischung aus Feigheit und antidemokratischer Attitüde, was dort v.a. den Grundsatz einer geheimen Wahl untergräbt.