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„Gen Z regelt“-Proteste Der Gesellschaft geben, was sie hören will

Amira Klute

Kommentar von

Amira Klute

„Gen Z regelt“ ruft zu deutschlandweiten Protesten auf. Gewalt lehnt die Organisation dabei ab. Das stützt zwar die herrschende Macht – ist taktisch aber klug.

M an kann den Zahlen beim Wachsen zusehen. 39.492 Menschen haben sich, während dieser Text geschrieben wird, zur Demo von „Gen Z regelt“ am 31. 10. angemeldet. Dahinter stehen junge Menschen, die „für Bildung, Gesundheit, Klimaschutz, ein bezahlbares Leben und gegen die Wehrpflicht“ auf die Straße gehen wollen, inspiriert von den Protesten der Schü­le­r*in­nen in Frankreich.

Doch noch bevor überhaupt was passiert ist, distanziert sich die Orga auf ihren Kanälen „klipp und klar“ von „jeglicher Gewalt“ und „Extremismus“. Es gelte „Null Toleranz für Krawall“, womit auch Gewalt gegen Sachen gemeint ist und das Plündern von Läden. „Wer randaliert oder Gewalt sucht, gehört nicht zu uns.“

Das tut weh, weil es die Gewalt des Staates und die des Spätkapitalismus verkennt, der die Jugendlichen selbst ausgesetzt sind. Aber taktisch ist es klug. Und das, obwohl es schwierig ist, Gewalt als Mittel des Protests zu delegitimieren.

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Oft genug war physische Gewalt notwendig, um kleine Verbesserungen des Systems zu erreichen: Die Suffragetten, die in den 1910er Jahren in Großbritannien für das Wahlrecht von Frauen einstanden, hatten Erfolg, nachdem sie auf Sachbeschädigung und Brandstiftung zurückgriffen.

Es stabilisiert Herrschaftsverhältnisse

Nicht nur als Protestmittel, auch als Symptom eines gewaltvollen Spätkapitalismus ist Gewalt anzuwenden legitim. Sich als Bewegung von Gewalt zu distanzieren, stabilisiert Herrschaftsverhältnisse, weil es von der Gewalt ablenkt, die diese Gesellschaft durchzieht. Sie liegt in schlichten Tatsachen: dass die meisten von uns gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, immer mehr Teil des Lohns für Miete zu bezahlen und jederzeit zwangsgeräumt werden können, wenn sie damit aufhören.

In Deutschland ist die „Keine Gewalt! Nur friedlicher Protest ist gut“-Überzeugung weit verbreitet – viel weiter als in Frankreich, wo ein bisschen Randale gegen den Staat auf vergleichsweise breites Verständnis stößt. Das mag auch historische Gründe haben (Gewalt + Deutschland = nicht so viel Gutes bei herausgekommen). Fest steht, dass bis heute viele bis weit ins linke Lager Gewalt ablehnen. Die taz war ganz schnell dabei, die Geschehnisse in Frankreich „nackte Gewalt mit sinnlosen Zerstörungen“ zu nennen.

„Gen Z regelt“ will auch Leute ansprechen, die zum ersten Mal auf eine Demo gehen, die Bilder aus Frankreich gesehen haben und berechtigterweise Angst haben, auf die Fresse zu bekommen. Dass sie sich deswegen von Gewalt distanzieren, ist naiv, weil die Gewalt am Ende von der Polizei ausgehen wird. Gerade die Palästina-Soli-Proteste, die erst zusammengeprügelt und dann verboten wurden, sind ein Beispiel dafür, dass friedlich bleiben nicht vor Gewalt schützt.

Komplett naiv ist „Gen Z“ regelt aber nicht. Auf der Webseite geben sie Tipps zur Vorbereitung und für den Fall einer Festnahme: Sie empfehlen Bezugsgruppen, ein Aktionshandy, Wechselklamotten, die EA-Nummer, genug Wasser, „auch zum Augenausspülen“.

Polizeigewerkschafter hat Schaum vorm Mund

Gerade weil Polizeigewalt zu erwarten ist (wir sehen sie in einer brutaleren Version in Frankreich), ist es klug, wie „Gen Z regelt“ vorgeht. Sie wollen nicht nur „friedlich“ bleiben, sondern sogar Müllsäcke mitnehmen, um hinter sich aufzuräumen („Wir wollen laut, kreativ und unübersehbar sein, ohne die Stadt in Schutt und Asche zu legen“). Ja, das ist cheesy, aber es lässt die Staatsgewalt daneben völlig überzogen aussehen.

Wie den Polizeigewerkschafter Jochen Kopelke, der mit Schaum vor dem Mund „Gen Z regelt“ rassistisch als „junge Krawallmigranten“ bezeichnete, „die Bock auf Gewalt gegen die Polizei haben. Die […] dürfen auch keine Gnade von uns erwarten.“ Okay, wow, chill mal, das denken (so oder so ähnlich) vielleicht auch Eltern, deren Kinder gerne zur Demo wollen.

Ja, es ist scheiße, dass „Gen Z regelt“ das herrschaftsstabilisierende Spiel der selektiven Benennung der einen Gewalt und der Distanzierung von ihr mitspielt. Mal sehen, ob es wirklich klug ist, sich dazu noch von jeglichem Extremismus abzugrenzen, oder ob dabei nicht viele stabile linksradikale junge Menschen verloren gehen.

Für den Moment ist es dennoch nicht dumm, der deutschen Gesellschaft die Bekenntnisse zu liefern, die sie hören will. Und der Zulauf reißt nicht ab: Seit Beginn dieses Textes sind 6.000 neue Anmeldungen dazugekommen. Wenn das so weitergeht, hat „Gen Z regelt“ das Potenzial, nicht nur groß zu werden, sondern auch gefährlich.

Amira Klute

Amira Klute

Jahrgang 1997, seit November 2024 Volontärin der taz nord in Hamburg. Foto: Timo Knorr.
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1 Kommentar

  • Ritchie

    Die Autorin ist also allen Ernstes der Meinung das es aus taktischen Gründen klug ist sich erstmal von Gewalt und Extremismus abzugrenzen, das aber deren Einsatz eigentlich Legetim wäre.