piwik no script img

Sozialer Protest in Frankreich Diagonale des Frusts

Kommentar von

Christine Longin

Die Unruhen und die Gewalt in Frankreich haben eine Vorgeschichte der Missachtung. Die Republik muss ihre eigenen Werte wieder respektieren.

S ie heißen Arthur, Joseph oder Soukeyna. Sie studieren Mathematik, Politik oder gehen noch aufs Gymnasium. Alle drei waren am vergangenen Wochenende auf der Straße. Nicht, um zu randalieren. Sondern um für bessere Bedingungen an ihren Schulen und Universitäten zu demonstrieren. Die Gewalt, die die Kundgebungen vielerorts überlagerte, lehnen sie ab. Aber mit ihren Protesten wollen sie trotzdem weitermachen. Und das ist auch gut so.

Der Aufstand der Jugendlichen richtet sich nicht nur gegen kaputte Klos und den Mangel an Lehrkräften. Hinter ihm steht die Frage, was die Republik ihren jungen Leuten überhaupt noch zu bieten hat. Ob das Versprechen der Gleichheit überhaupt noch gilt. Zwar stehen „Liberté, Égalité, Fraternité“ in Frankreich über jedem Schultor. Doch gerade im Bildungsbereich sind diese Werte kaum noch zu finden. Das sieht jeder, der sich in den Banlieues umschaut. Die Hochhaussiedlungen, die am Rand der Großstädte hochgezogen wurden, gleichen Ghettos. In den Klassenzimmern bröckelt der Putz.

Studien zeigen, dass Bewerbungen mit nicht französisch klingenden Namen oder Adressen in den Problemvorstädten deutlich häufiger aussortiert werden. Besonders spürbar wird die Diskriminierung bei Polizeikontrollen: Schwarze oder arabisch aussehende junge Männer haben laut dem französischen Bürgerrechtsbeauftragten innerhalb von fünf Jahren ein viermal so hohes Risiko, kontrolliert zu werden, wie Weiße. Das Risiko, durchsucht oder auf die Polizeiwache mitgenommen zu werden, ist sogar zwölfmal so hoch.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.

taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Wer von Gleichheit spricht, kann nicht hinnehmen, dass die Hautfarbe darüber entscheidet, wie junge Menschen behandelt werden. Die Jugendlichen aus der Vorstadt sind meist seit drei Generationen Franzosen. Doch akzeptiert werden sie bis heute nicht als solche.

In diesem Kontext ist auch die Empörung über den Tod des 17-jährigen Nahel zu verstehen, der 2023 von einem Polizisten bei einer Verkehrskontrolle erschossen wurde. Auch damals randalierten die Jugendlichen nächtelang, plünderten Läden und zerstörten öffentliche Einrichtungen. Die Bilder brennender Autos erinnerten an die Vorstadtunruhen des Jahres 2005.

Schon damals hatte Präsident Jacques Chirac die Diskriminierung der Vorstadtjugend angeprangert. „Wir werden nichts Dauerhaftes schaffen, wenn wir nicht dieses Gift der Diskriminierung bekämpfen“, mahnte er in einer Rede, die nichts an Aktualität verloren hat. Vor allem, weil Chirac die Randalierer als Französinnen und Franzosen sah, ohne Abstriche. „Ich möchte den Kindern der Problemviertel sagen, dass sie, egal welche Herkunft sie haben, Söhne und Töchter der Republik sind“.

Wer so regiert, darf sich nicht wundern, wenn eine Generation das Vertrauen verliert

Ein solches Bekenntnis wäre heute dringend nötig. Stattdessen machen Rechtsextreme wie Éric Zemmour „Horden von Barbaren aus dem Maghreb und Afrika“ für die Ausschreitungen verantwortlich. Marine Le Pen, die derzeit alle Umfragen zur Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr anführt, geißelt eine „anarchische Einwanderung“. Dabei zeigt sich bei den ersten Schnellverfahren, dass das Bild gemischt ist. Der Justizminister selbst sagte nun: „Es gibt alles … Menschen mit Migrationshintergund, Ausländer, aber auch Menschen, die vollkommen integriert sind, die Franzosen sind.“

Den Schülerinnen und Schülern aus der Banlieue haben sich inzwischen viele Altersgenossinnen und -genossen aus den besseren Vierteln der Großstädte angeschlossen. Diese Solidarität ist neu. Sie zeigt, dass ein genereller Unmut die 18- bis 25-Jährigen erfasst. Egal ob in Neuilly oder Saint-Denis: Sie finden keine bezahlbaren Wohnungen, schlagen sich mit Zeitverträgen durch und sorgen sich ums Klima. Gemeinsam sind sie gegen „La France à Macron“, wie es auf ihren Plakaten heißt. Also ein Frankreich, in dem Politik von oben gemacht wird und die Sorgen der Menschen nur wenig zählen.

Christine Longin

ist freie Journalistin in Paris und schreibt seit vielen Jahren auch für die taz.

Der herablassende Rat des Präsidenten, nur die Straße zu überqueren, um einen Job zu finden, blieb vielen jungen Leuten im Gedächtnis haften. Wer so regiert, darf sich nicht wundern, wenn eine Generation das Vertrauen verliert.

Wie weit die Missachtung reicht, erleben die jungen Leute derzeit hautnah: Die Regierung wirft der Linksaußenpartei La France insoumise vor, die Proteste zu steuern. Eine solche Zuschreibung ist einfacher, als sich mit den Problemen der Jugendlichen zu beschäftigen. Der Premierminister hat die Vertreterinnen und Vertreter der Schülergewerkschaften bis heute nicht empfangen. Kein Wunder, dass viele Jugendliche das Gefühl haben, erst ernst genommen zu werden, wenn sie Gewalt anwenden.

Kein Vertrauen in die Institutionen

Laut einer Umfrage des Instituts Ipsos vom Sommer glaubt nur ein Viertel der 18- bis 29-Jährigen, dass die Politik ihre Anliegen versteht. Vier Fünftel sind der Ansicht, dass die politischen Verantwortlichen ihre Zukunft schlecht vorbereiten. „Diese Jugend erkennt sich in unseren Institutionen nicht mehr wieder, in den Eliten, die sie eigentlich repräsentieren sollen“, sagt der Soziologe Michel Maffesoli der Zeitung Opinion.

Als 2018 die Gelbwesten protestierten, schaute ganz Frankreich auf die Diagonale du vide – die Diagonale der Leere. Gemeint war ein 1.500 Kilometer langer Streifen zwischen Lothringen und den Pyrenäen, wo es kaum Infrastruktur gibt. Die Arztpraxen und Schulen schließen, das Dorfbistro macht auch zu. Die Bewohnerinnen und Bewohner fühlen sich abgehängt. Als die Regierung die Benzinsteuer erhöhte, gingen die Gilets jaunes in ihren gelben Warnwesten auf die Barrikaden.

Diesmal ist es keine Diagonale der Leere, die rebelliert. Es ist eine Diagonale des Frusts, die von den Vorstädten bis in die bürgerlichen Viertel reicht. Dass inzwischen auch Eltern mit ihren Kindern auf die Straße gehen, zeigt, wie tief die Sorge um die Zukunft sitzt. Frankreichs Problem ist nicht nur die Wut auf den Straßen. Es ist eine Republik, die die eigenen Werte wieder respektieren muss – vor allem der Jugend gegenüber.

Mehr zum Thema

8 Kommentare

  • Sybille Bergi

    Frankreich hat eine Staatsquote von 58%, Mietendeckel (zones tendues), 35 Stunden-Woche, Rente ab 62 etc etc.

    wenn ich eins lernen lässt, dann dass die ständigen Eingriffe des Staats und die Regulierungswut dazu führen, dass alles teurer und kaputter wird. Frankreich braucht drigend deregulierung, damit tatkräftige Unternehmer diesen Problemen ein Ende bereiten können.

  • Janix

    Die "Bannmeile" ist ein politsprachliches Kürzel für das Abschieben von Negativem auf "andere".



    Wenn Bauern oder Auto-Nome namens Dupond und Dupont randalieren, wäre es natürlich etwas ganz Verschiedenes und doch normal.

    Gut, dass wir das in Deutschland nicht so machen, ... oder?

  • Andreas_2020

    Der Protest und die gewaltsamen Ausschreitungen haben mit zwei Dingen zu tun, mit dem Bildungssystem und dem dahinterstehenden System sozialer Aussortierung (a) und der Reaktion der Polizei auf Demos mit vielen jungen Menschen (b).



    (b)Die Gewalttätigkeit ging klar von den Polizeikräften aus, sie hatte zu diesem Zeitpunkt mehr oder weniger gar nichts mit Migranten oder Vorstädten zu tun. LFI und Kommunisten waren teilweise direkt neben Studenten, wenn die Polizei diese verprügelten wollten.



    (a) Das französische Bildungssystem ist wie eine Pyramide aufgebaut und sorgt bei schwacher Wirtschaftsleistung dafür, dass es bestimmte Menschen extrem schwer haben eine Arbeit zu finden oder sich zu qualifizieren.



    Zwar machen das bestimmte staatliche Organisationen extrem gut, aber die Aufnahmekapazität ist zu gering. Es gibt mehr oder weniger eine hausgemachte Arbeitslosigkeit in Frankreich, die auf diesem Elitensystem fusst.



    Macron sitzt einfach alles aus, er wollte mal eine Mitte-Links-Partei aufbauen, inzwischen ist seine Partei vor allem eine Status-Quo-Partei geworden.



    Investitionen ins Bildungssystem würdem Land sehr viel bringen, gleichwohl bleibt das aus.

  • DiMa

    Wenn in Frankreich Linke und den linken nahestehenden Personen auf die Barikaden gehen, dann gibt es stets in viele Facetten viel Verständnis und auch eine gewisse Bereitschaft zur Ausblendung. Gehen dagegen Rechte auf die Straßen, dann ist die Ablehnung recht groß.

    Ich sehe es eher anders. Ein Franzose ist scheinbar nur Franzose, wenn er mindestens ein mal in seinem Leben auf einer brennenden Barrikade gestanden hat; das hat seit 250 Jahren Tradition. Und ab und an führt das dann auch mal zu einer Revolution.

    Nur ändern wird sich halt im Ergebnis nichts.

    Wir sollten das nicht überbewerten.

  • Iamthesword

    Sehr guter Artikel. Wer mal eine Polizeikontrolle in der banlieue gesehen hat, versteht auf einmal viel mehr von dem Frust. Von der Art und Weise, wie die CRS (frz. Hundertschaften) gegen Demonstrationen vorgehen, ganz zu schweigen...

  • Tom Farmer

    Wie überall derzeit: Kein Geld da, keine Ideen da.



    Da helfen dann nur Parolen und die Zuschreibung von Schuld. Ein Ablenkungsmanöver! Letztlich auf beiden Seiten.



    Es bräuchte Kreativität und Engagement um mit wenig Mitteln möglichst viel zu erreichen. Setzt aber einen Schulterschluss voraus. Mit der Regierung genausowenig wie mit Melanchon oder LePen vorstellbar.

    • the real günni

      @Tom Farmer:

      und was wäre die lösung? das problem ist überall das gleiche, nur in der first world deutlicher, weil der schmerz größer ist: die immer größer werdende ungleichheit. rückkehr zum feudalsystem. herrschaft des geldes, verlust der demokratie. und die unfähigkeit der existierenden systeme, die probleme zu lösen. frankreich ist pleite. deutschland redet immer noch von trickle down wirtschaft und hofft auf geld von oben. wenn das nicht kommt, was dann?



      entweder, es wird jetzt ganz schnell von oben nach unten umverteilt, oder es wird bald überall brennen. der elite kann es egal sein, die ziehen sich dann in ihre ressorts und bunker zurück.

  • Jalella

    Was Medien ja immer lieben, sind Krawalle und Gewalt. Darum wird in den Medien im Moment auch quasi ausschließlich über die Gewalt der Proteste geredet. Wenn 5 Idioten das Rathaus im Limoge anzünden, ist das wichtiger als die gleichzeitig 100.000 friedlich demonstrierenden abseits davon.

    Es ist nicht neu, und es ändert sich leider auch nicht. Wenigstens haben wir hier auch mal die Erwähnung, worum es dabei geht.

    Wir müssen uns aber gesamt nicht wundern. Überall im kapitalistischen Teil der Welt (das ist quasi die Welt) kommt es so. Denn dieses dysfunktionale Wirtschaftssystem kommt nun nicht mehr nur lokal und temporär in seine Katastrophenphase. Die Sinnlosigkeit der Produkte, die verkauft werden sollen, ist kaum mehr zu überbieten, die Menschen haben dank der massiven Ungleichheit, die das System erzeugt, auch immer weniger Geld, um den Scheiß zu kaufen. Ganz vorne dabei sind die Immobilienhaie, die aus dem Grundrecht des Wohnens quasi beliebig viel Geld aus den Menschen pressen dürfen (was ist denn so euer größter Posten im Haushalt wenn nicht die Miete?).

    Das musste ja irgendwann schiefgehen. Der nächste Schritt ist die Einführung autokratischer Systeme - sieht man auch.