Mutmaßlicher Neonazi bei VfL Halle: Keeper ganz rechts außen
Fans des Fußball-Oberligisten VfL Halle meiden aus Protest gegen einen wohl rechtsextremen Spieler das Stadion. Für den Klub sind die Fans das Problem.
Foto: Ballasch/imago
Normalerweise wäre Jakob an diesem verregneten Sonntagmittag im Stadion und würde sich die Seele für den VfL Halle 1896 aus dem Leib singen. Es ist der fünfte Spieltag, vor fünf Minuten war Anpfiff. Dass der VfL in der fünftklassigen Oberliga Nordost Süd spielt? Dass höchstens 200 Menschen zuschauen? Das nasskalte Wetter? All das wäre ihm egal. Im mehr als hundert Jahre alten Stadion am Zoo fühlt sich Jakob so wohl wie sonst nirgends in Sachsen-Anhalt. Doch statt am Stadionbier nippt er an diesem Sonntag kilometerweit entfernt an einem Kaffee und erzählt, warum er gerade nicht seinen Herzensverein anfeuert.
Seit Wochen stand er nicht mehr auf der Tribüne in Halles Norden. Er boykottiert die Spiele. Und außerdem: Sollte er noch mal im Stadion am Zoo auftauchen, befürchtet er ein Hausverbot oder dass die Polizei gegen ihn ermittelt. Eigentlich heißt Jakob anders, aber aus diesen Gründen möchte er seinen echten Namen nicht veröffentlicht sehen. Er ist sich sicher: Die Vereinsleitung wolle ihn und andere kritische Fans verdrängen.
Der Auslöser für diese Situation steht seit dieser Saison beim VfL zwischen den Pfosten, heißt Franz Lohse und pflegt mutmaßlich Kontakt zu Rechtsextremen. Im August war Jakob einer von rund 30 Fans, die deshalb mit Bannern gegen den neuen Torwart Lohse protestierten. Auf Social Media postete Lohse Fotos von sich im Neonazi-Shirt oder mit NS-Propaganda. Er besuchte auch eine Feier des überregional bekannten Neonazis Enrico Marx. Noch vor wenigen Jahren wäre er damit aus jedem Dorfverein geflogen, glaubt Jakob. Doch mittlerweile habe sich da etwas verschoben.
Das Vereinspräsidium wusste schon vor der Verpflichtung von den Posts und Lohses Kontakten in die rechtsextreme Szene, die Fans hatten darauf aufmerksam gemacht. Trotzdem verpflichtete der VfL den Tormann. In einem Statement auf der Vereinsseite heißt es, politische Ansichten seien „kein Kriterium dafür, ob jemand für den VfL Halle 96 Fußball spielen darf“. Und überhaupt, bewiesen sei gar nichts. Lohse selbst bestreitet, rechtsextrem zu sein.
Aktive linke Fanszene
Und selbst wenn: Tatsächlich gibt es auch in der Vereinssatzung keine Klausel gegen Rechtsextreme. Der VfL, 1896 gegründet und der älteste Sportverein der Stadt, hatte es bislang offenbar nicht nötig, sich dahingehend zu wappnen. Doch die kleine Fanszene positioniert sich seit Jahren politisch gegen rassistische oder antisemitische Ansichten. Das Stadion gelte als „linke Wohlfühlzone“, schreibt das Fußballmagazin 11 Freunde. Beim ersten Spiel mit Lohse im Tor hielten ein paar Dutzend Fans dann auf der leeren Gegengeraden entsprechende Banner hoch. „Der VfL ist blau-rot – nicht braun“, „Ein Nazi im Trikot ist immer noch ein Nazi“ und „Lohse raus!!!“.
Für die taz war Lohse nicht erreichbar. Der Mitteldeutschen Zeitung hatte er allerdings kurz zuvor bestätigt, dass ein Foto echt sei, das ihn bei der Feier des Neonazis Enrico Marx zeige. Er habe allerdings nicht gewusst, um wen es sich handle. Die Vorwürfe, er sei rechtsextrem, stimmten nicht. „Rassismus hat nirgendwo Platz“, erklärt er laut dem Bericht Ende August. Ein zweites Foto, das Lohse veröffentlicht hatte, sei aber auch echt. Dort zu sehen: das Cover des Buches „Ewiges Deutschland“.
Der Titel steht in Frakturschrift auf dem alten Wälzer. Das Buch ist Teil einer Reihe, die während der deutschen NS-Diktatur ab 1938 veröffentlicht wurde. Die Ausgaben enthalten die Insigne der Waffen-SS und Hakenkreuze. Den Hauptteil machen Gedichte und Geschichten von Autor:innen aus. Auch Reden von Adolf Hitler sind dabei. Propagandaminister Joseph Goebbels soll die Buchreihe in Auftrag gegeben haben und verherrlichte die Autor:innen als „Stimmen des ewigen Deutschlands“. Für jede Ausgabe schrieb er das Vorwort.
Torwart Lohse habe das Buch gelesen. Zum Foto seiner Ausgabe auf Instagram schrieb er: „bildet euch, bildet andere, bildet Banden…!“ Was er damit meinte? Der MZ erklärte er, da sei keine Botschaft hinter, „das hätte ich auch mit jedem anderen Buch machen können.“
Indizien für rechtsextreme Gesinnung
Es gibt noch weitere Fotos. Laut MDR veröffentlichte Lohse etwa eins, auf dem er lächelnd in einem schwarzen T-Shirt zu sehen ist. Auf dem Shirt ist in roter Schrift erkennbar: „Division Sachsen-Anhalt“. Dazu habe sich Lohse nicht geäußert, heißt es beim MDR im September. Der Torwart habe auf sein Interview bei der Mitteldeutschen Zeitung verwiesen.
Das, was die Fotos von Lohse zeigen, ist für Teile der Fanszene nicht tragbar. Schon vor der Banneraktion im Stadion am Zoo hatte die Fangruppe „Barra Brawu“ angekündigt, die Spiele des VfL zu boykottieren. Man wolle keine Mannschaft unterstützen, in der „ein Nazi unbehelligt mitspielen“ dürfe, hieß es in einem Blogeintrag. „Solange der Verein an Lohse festhält, werden wir keine Fußballspiele besuchen.“
Der ernste Ton, den die Fans des VfL im Fall Lohse anschlagen, ist eher untypisch. Ansonsten präsentieren sie sich selbstironisch und humorvoll. Gewalt? Nein, danke. Ihnen gehe es um den Spaß am Spiel. Das zeigt etwa der Name „Barra Brawu“. Er spielt auf die Selbstbezeichnung der organisierten Fans im lateinamerikanischen Fußball an, Barra Barva, und verbindet das mit der Abkürzung für Bratwurst. Auf dem Transparent der Gruppe sind eine große Bratwurst und ein Bier zu sehen. Immer wieder taucht der Leitspruch auf: „Niemand wie Bier“. Vor mehr als zehn Jahren rühmte sich die Gruppe damit, statt Pyrotechnik und lauter Böller im Stadion lieber ein paar Bäckertüten knallen zu lassen. Das genüge beim VfL und so ließen sich teure Strafen vermeiden.
An den Boykott hält sich auch Jakob. Mit seinem Kaffee in der Hand wirkt er enttäuscht, als er an diesem Sonntagnachmittag von all dem erzählt. An seiner Cap trägt er immer noch einen Anstecker mit dem Logo des VfL. Seit Jahrzehnten besucht er Spiele des Vereins – und will sich das eigentlich auch nicht nehmen lassen. Aber so wie die Vereinsleitung gerade agiere, verliere er die Lust am VfL. Von „linker Wohlfühlzone“ könne keine Rede mehr sein.
Angst um den Ruf des Vereins
Nach dem Protest im Stadion am Zoo veröffentlichte auch der Vorstand online eine Stellungnahme. „Kritik gehört zu einem lebendigen Verein und zu einer aktiven Fankultur“, heißt es darin. Allerdings sei eine „klare Grenze“ überschritten, wenn etwa „Personen aufgrund vermuteter oder tatsächlicher politischer Einstellungen öffentlich angegriffen werden“ oder der Ruf von Verein oder Personen beschädigt werde. Es sei inakzeptabel, wenn ein Konflikt die Arbeit des VfL überschatte, der mit dem Kern des Vereins nichts zu tun habe. „Unsere Tribüne soll ein Ort der Leidenschaft sein – aber kein politischer Kampfplatz.“
Fragen von Medien lässt Vereinspräsident Farih Kadic unbeantwortet. Gleichzeitig erstattet der Verein bei der Polizei Anzeige. Der taz erklärt die Polizeiinspektion Halle, sie ermittle im Zusammenhang mit dem Protest gegen „15 bis 20 derzeit unbekannte Tatverdächtige“. Die Vorwürfe lauten demnach: Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und Beleidigung. All das sei politisch motiviert – der Staatsschutz ist eingeschaltet. Bislang sei ein Beschuldigter identifiziert worden. Wie hoch der entstandene Sachschaden durch die Protestaktion war? Das könne die Polizei nicht beantworten.
Jakob ist hingegen sicher, bei der Aktion hätten er und die anderen Fans nichts beschädigt. Auch den Vorwurf des Hausfriedensbruchs weist er zurück. Laut dem MDR erklärte die Fangruppe „Barra Brawu“, für den Protest am ersten Spieltag sei am Außenzaun ein Draht aufgedreht worden. Ob es darum geht? Vereinspräsident Kadic lässt Anfragen der taz auch hierzu unbeantwortet.
Anfang September bricht dann ein Fan, der am Protest gegen Lohse beteiligt gewesen sein soll, den Boykott der aktiven Szene und besucht ein Heimspiel – oder versuchte es. Er bekommt nach Informationen aus der Fanszene direkt Hausverbot im Stadion am Zoo, weil Vereinspräsident Kadic ihm vorwirft, mit dem Protest gegen die rechtsextremen Positionen Lohses dem Verein geschadet zu haben. Auch dazu veröffentlichte „Barra Brawu“ einen Blogeintrag. Wer sich antifaschistisch bekenne, werde aus dem Stadion geworfen. Nach dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt, bei dem die AfD mit rund 44 Prozent gewonnen hat, sei das eine weitere Eskalation.
Ob Jakob mal wieder auf der Tribüne im Stadion am Zoo mit Bier und Bratwurst singen wird? Zumindest nicht in nächster Zeit, sagt er. Und ob überhaupt? So, wie Kadic den Verein derzeit lenke, erklärt Jakob, sei er sich da nicht mehr sicher.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert