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Wahl in Brasilien Lula rettet die Demokratie

Christine Wollowski

Kommentar von

Christine Wollowski

Der Wahlsieg von Brasiliens linkem Präsidenten zeigt, was digitale Massenmobilisierung bewirken kann. Das macht Hoffnung in Zeiten des Rechtsrucks.

L ula macht’s noch einmal: Der fast 81-jährige linke Staatschef von Brasilien hat mit seinem überraschenden Sieg über den ultrarechten Autokraten und Milizenfreund Flávio Bolsonaro seine vierte Amtszeit gesichert und damit wieder einmal die Demokratie im größten südamerikanischen Land gerettet.

Aber Lulas Sieg weist weit über Brasiliens Grenzen hinaus. Er erhält das Land als Bollwerk gegen den von den USA unterstützten Rechtsruck in Lateinamerika. Er kann eine Inspiration für die Midterms in den USA Anfang November sein. Er hat gezeigt, dass die alternde Arbeiterpartei PT – oder zumindest ihre Themen – massenweise junge Leute auf die Straßen locken kann.

Und er ist ein Beweis dafür, was eine gleichzeitig digitale und analoge Massenmobilisierung bewirken kann: mehr als zehn Millionen Stimmen mehr in nur drei Wochen und die niedrigste Enthaltungsrate seit 20 Jahren. Die Mobilisierung hat nicht nur den politischen Gegner besiegt, sondern auch die Taktik der Falschmeldungen, die mögliche Einmischung der Big-Tech-Unternehmen und die tendenziöse Berichterstattung in Print und TV.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Bei den TV-Auftritten der Kandidaten war der Unterschied zwischen einstudierter Marketingperformance und authentischer Begeisterung für das eigene Land offensichtlich. Und auf den Demonstrationen für den Erhalt der Demokratie im Vorfeld der Wahl war die Kraft, die entsteht, wenn Hunderttausende für die gleiche Sache kämpfen, deutlich zu spüren. Dass im Jahrhundert der Individualisierung so noch ein Wahlkampf gewonnen werden kann, weckt Hoffnung.

Lula wird es nicht leicht haben. Er wird mit einem Kongress regieren, der zu zwei Dritteln rechts dominiert ist und seine Vorhaben leicht aushebeln kann. Und er hat so viele Sozialprogramme angekündigt, dass er wirtschaftlich unter Zugzwang gerät.

Andererseits hat der Amtsinhaber in den vergangenen Wochen reichlich Gelegenheit gehabt, dazuzulernen. Digitale Kommunikation lehnt er nach dem Erfolg seiner Whatsapp-Kampftruppe nicht mehr ab. Seit weniger als einer Woche besitzt der Oldschool-Kommunizierer sogar ein eigenes Handy. In Zukunft will er mehr auf die Jugend hören, sagt er, und die Bevölkerung mehr in Entscheidungen einbeziehen. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen für einen Wandel.

Christine Wollowski

Christine Wollowski Brasilien-Korrespondentin

Christine Wollowski ist Mitglied des internationalen Korrespondentennetzwerkes weltreporter.net und Brasilien-Korrespondentin der taz. Außer über Tagespolitik schreibt sie vor allem über soziale Ungleichheit, Rassismus und Umweltfragen.
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5 Kommentare

  • economista

    Aber ist eine Demokratie wirklich eine Demokratie, wenn sie bei jeder Präsidentschaftswahl am 51% zu 49% seidenen Faden hängt? Außerdem hat Brasilien im Nachgang an die Abwahl Jair Bolsonaros doch seine institutionelle Stabilität unter Beweis gestellt. Kurz gesagt, ich glaube nicht, dass ein 51% Sieg Flavio Bolsonaros in Brasilien das Ende des demokratischen Systems eingeleitet hätte.

  • Zuversicht

    Wandel traue ich Lula nicht in größerem Maße zu. Ohnehin ist er mir kein sonderlich vertrauenswürdiger Mensch.

    Bolsonaro und Vucic abgewählt zu haben, war aber eine schöne Nachricht zum Aufwachen.

  • Aymen

    Nie hätte ich daran geglaubt. Was für eine Aufholjagd. Und dazu noch das sensationelle Wahlergebnis in Serbien. Ein Hoffnungsschimmer in eher düsteren Zeiten.

  • Astrid Sehnefeld

    Wenn der 'Heiland' fast 81 ist und in der letzten Amtszeit seine Regierung durch Korruptionsfälle und andere Skandale am laufenden Band aufgefallen ist, wodurch erst die Rechte um Bolsonaro wieder ins Rennen gekommen ist, dann sollte man nicht übermütig feiern und Lobesartikel raushauen, sondern sehr bedächtig und demütig diese zweite Chance nutzen - andernfalls wacht Brasilien beim nächsten Mal definitiv wieder in einer militärisch gestützten Diktatur auf.

  • Schukie

    „Lula rettet die Demokratie“



    Ich verstehe immer nicht, wie man so simpel denken kann:



    Links = Gut und unterstützenswert?



    Rechts = Böse und nicht unterstützenswert?

    Die Brasilianer hatten die Wahl zwischen Pest und Cholera. Sie haben sich für eines der beiden entschieden.



    Positiv finde ich jenseits von links und rechts eher, dass hier ein deutliches Übergewicht einer Seite verhindert wurde. Wenn Lula jetzt sagt: „Ich will Präsident aller Brasilianer sein“, so ist das zu begrüßen.



    Er möge sich also auch mit den anderen Brasilianern, die in Mehrheit im Kongress vertreten sind, hinsetzen … und das möglichst Beste für Brasilien und seine Menschen zu erreichen versuchen.



    Gutes Gelingen!