Proteste in Albanien: Marjana Koçeku rebelliert gegen Ministerpräsident
Die jüngste Abgeordnete Albaniens, Marjana Koçeku, fordert den Rücktritt von Ministerpräsident Edi Rama. Was sie will und wer auf ihrer Seite steht.
Foto: Florion Goga/reuters
Zwischen Rauchsäulen und brennenden Müllcontainern steht Marjana Koçeku auf einer zentralen Kreuzung in Tirana. Sie fällt auf in ihrem Blazer. Drei schlaksige Männer begleiten sie, schauen für sie nach links und rechts, damit die Politikerin in Ruhe sprechen kann. „Ich bin unabhängige Abgeordnete“, stellt sie sich vor. Vor wenigen Monaten saß die 25-Jährige noch für die Fraktion des amtierenden Ministerpräsidenten Edi Rama im albanischen Parlament. Heute fordert sie seinen Rücktritt.
Koçeku stammt aus dem Norden des Landes, einem abgelegenen Gebiet, das an die „verwunschenen Berge“ grenzt. Seit in den 1980er Jahren der Drin aufgestaut wurde, zieht sich dort der kilometerlange Komanstausee durch die schroffe Schlucht. An dessen Ufer wuchs Koçeku in einem Steinhaus auf und hatte eine „wunderschöne Kindheit“. Sie erinnert sich an Bootsfahrten und daran, wie der Vater ihr beibrachte, den Motor zu reparieren. Der war wichtig, denn eine Straße zum Haus gab es nicht. Zur Schule musste sie einen steilen Berg hinauflaufen. Nach der Schule wollte sie weg, für junge Frauen gibt es im Gebirge kaum Möglichkeiten.
Koçeku studierte Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen, lebte in Tirana, aber auch in Genua, Stockholm und Frankfurt am Main. Zurück kam sie erst, als in Schweden der Busfahrer ein albanisches Lied spielte und sie sich nach der Heimat sehnte. Im Steinhaus ihrer Kindheit betrieb sie fortan eine Unterkunft. „Agrotourismus“ nennt sie das. Das lief so gut, dass Edi Rama sie 2023 in seinen Podcast „Flasim“ einlud.
Anderthalb Jahre später postete Koçeku ein Bild von sich mit einem Zicklein und gab damit ihre Kandidatur für die Sozialistische Partei Albaniens (SP) bekannt, die Partei von Rama. Von den beiden großen Parteien im Land ist die SP die linkere. Sie habe immer geglaubt, die Zukunft gehöre denen, die „etwas wagen“. Für das Bild, das ihre Naturverbundenheit illustrieren sollte, erntete sie hämische Kritik.
Rama sprang ihr zur Seite. Sie sei, zitiert ihn A2 CNN, „eine Person mit viel Ehrgeiz“, die „aus eigener Kraft“ etwas aus dem Land gemacht habe. Er nannte sie „bereichernd“ und scherzte, Koçeku sei zudem so stur, dass sie „zum Problem werden“ könne. 2025 zog sie dann ins Parlament ein.
Diese Frau könnte zum „Problem“ werden
Als Abgeordnete wuchs ihre Skepsis schnell. „Korruption ist in Albanien fast eine politische Mentalität und in jeder Institution tief verankert“, sagt sie. Auch Rama steht in der Kritik, etwa wegen eines geplanten Luxusresorts von Jared Kushner an der Küste. „Teil der Sozialistischen Partei zu sein, bedeutet, gegen meine eigenen Überzeugungen, Prinzipien und Werte zu handeln“, folgert sie. Dann bewegten die Proteste sie zum Handeln: Mitte Juni 2026 verließ sie die Fraktion und postete einen Flamingo auf Instagram, das Symbol der Proteste.
Inzwischen steht sie auf der Straße, verurteilt die Polizeigewalt und fordert die Regierung auf, zurückzutreten. Zugleich erfährt sie „großen Druck“, ihr Mandat niederzulegen. „Ich habe mich geweigert, da laut Verfassung das Mandat den Abgeordneten und nicht der Partei gehört“, sagt sie. Rama tut die Proteste als vom Ausland gesteuert ab und kündigte gerade erst weitere Repressalien dagegen an. In einem offenen Brief aus dem Sommer schrieb sie ihm: „Ich bin und bleibe Marjana der Berge, und jetzt habe ich den Zaun überquert, ohne Rückkehr.“
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