piwik no script img

Hebräisch-deutscher Verlag in BerlinZurück in die Diaspora

Theodor Herzls „Altneuland“ ist eine Gründungsschrift des Zionismus. Altneuland Press hat sich dagegen bewusst in Berlin als Exilverlag gegründet.

Als Theodor Herzl 1902 seinen Roman „Altneuland“ veröffentlichte, glaubten die wenigsten an die darin skizzierte Utopie: ein jüdischer Staat in Palästina. Doch der Roman half dabei, die zionistische Idee weltweit zu verbreiten, bis sie 1948 in der Gründung des Staates Israel mündete.

124 Jahre nach der Veröffentlichung von Herzls Roman sitzen Moshe Sakal und Dory Manor in ihrem Wohnzimmer in Berlin-Kreuzberg, schaukeln ihr Baby und sprechen über „Altneuland“. Oder besser: über das, was sie daraus gemacht haben. Altneuland Press heißt ihr Verlag, den sie 2024 aus der Taufe gehoben haben. Mit hebräischen und deutschen Büchern. Für den israelischen, den deutschen, den internationalen Markt. Der Bezug auf den Roman ist unverkennbar, nur dass Sakals und Manors Verlag den umgekehrten Weg weist: den Weg zurück in die Diaspora.

Immer mehr Israelis verlassen ihr Land. Sie ertragen die rechtsextreme Regierung nicht mehr, wollen nicht durch Schweigen und Dableiben die Kriegsführung in Gaza unterstützen, die einige von ihnen als Genozid bezeichnen. Bei anderen überwiegt die Angst angesichts der nicht enden wollenden Raketen. Aus Gaza, aus dem Libanon, aus dem Iran.

Auch Manor und Sakal sind ausgewandert und, wie so viele, nach Berlin gezogen. 2019 war das. Sie wollten ihre Ruhe haben, wollten die Politik sie nicht so bedrängen lassen, wie sie es aus Israel kannten, wollten durchatmen, leben. Und vor allem auch dies: schreiben.

Wir glauben, dass Hebräisch an vielen Orten geschrieben werden kann, sollte und tatsächlich wird – ohne Grenzen, ohne Territorium

Moshe Sakal und Dory Manor, Verleger

Doch als israelischer Schriftsteller im Ausland zu leben, bringt Probleme mit sich: Der Sapir-Preis beispielsweise ist seit 2015 denen vorbehalten, die im Land leben. Immer wieder ging es in Kneipengesprächen in Manors und Sakals neuer Heimat auch um diese Probleme. „Warum gründet ihr nicht selbst einen Verlag?“, fragten neue Bekanntschaften sie. Manor und Sakal winkten ab.

Ein paar Jahre später trägt Manor einen Stapel Bücher ins Wohnzimmer. „Cedrick“, steht auf dem obersten Buchcover, eine der jüngsten Veröffentlichungen des Verlags. Das Buch handelt von einem Lehrer, der auf einem Foto eines in Gaza gefallenen Soldaten seinen früheren Schüler erkennt.

Den Roman gibt es seit Kurzem in drei verschiedenen Ausgaben. Zwei auf Hebräisch: eine für den israelischen Markt, das Papier etwas dünner, Taschenbuchausgabe; eine für den deutschen Markt, Hardcover, festeres Papier. Und schließlich eine dritte, übersetzt ins Deutsche.

Finanziell schwierige Lage in Israels Literaturwelt

Das Konzept ist ambitioniert. Altneuland will der finanziell zugrunde gerichteten Literaturwelt Israels etwas entgegensetzen. Viele israelische Verlage, auch die alteingesessenen und etablierten, verlangen mittlerweile von den allermeisten Au­to­r*in­nen Geld für eine Veröffentlichung.

Sakal und Manor lehnen das ab. Doch einen Verlag auf die Beine zu stellen, für eine erst einmal kleine Zielgruppe, der es anders machen will, kostet auch. Kann sich Altneuland – nischig, wie der Verlag bislang ist – tragen? Eine Anschubfinanzierung kommt von Migdalor, einem Unternehmen, das von Deutschen und Israelis gegründet wurde. Doch das Ziel ist, finanziell unabhängig zu werden.

Auch deswegen denken Manor und Sakal weiter, übersetzen ins Deutsche und zurück, berücksichtigen auch den israelischen Markt, und träumen davon, ein Sammelbecken für die gesamte Diaspora zu sein, nicht nur für die deutsche. Vielsprachig und Hebräisch zugleich soll Altneuland Press sein, nicht an ein Land gebunden.

Doch es geht nicht nur um finanzielle Erwägungen. Es geht auch darum, sich in Stellung zu bringen. Manor spricht von einer – wenn auch schwer messbaren – Autozensur. Je kritischer die Bücher, desto zögerlicher Verleger*innen, und selbst die Autor*innen. Man kann sagen: Altneuland Press will nicht nur ein Diasporaverlag, sondern politischer Exilverlag sein.

Früheres Zentrum hebräischer Sprache

Und das an einem Ort, an dem der Kreis sich schließt. In Berlin hat die moderne hebräische Sprache einen ihrer frühen Höhepunkte erlebt. Der Nationaldichter der hebräischen Sprache, Chaim Nachman Bialik, feierte 1923 seinen großen 50. Geburtstag in der Berliner Philharmonie, kurz bevor er nach Palästina auswanderte.

Samuel Josef Agnon, der einzige hebräischsprachige Dichter, der den Nobelpreis erhielt, lebte von 1912 bis 1924 in Deutschland und schrieb hier einige seiner wichtigen hebräischsprachigen Werke. Verlage druckten Zeitschriften und Bücher in der neu erweckten Sprache. Berlin war bis zur Machtübergabe an die Nationalsozialisten ein pulsierendes Zentrum der hebräischsprachigen Kultur.

Manor und Sakal wissen, dass Israel das heutige Zentrum der hebräischen Sprache und Literatur ist. Aber sie wollen es wieder erweitern. Ihr Ziel ist, das Hebräische zurück in die Welt zu tragen. „Wir glauben, dass Hebräisch an vielen Orten geschrieben werden kann, sollte und tatsächlich wird – ohne Grenzen, ohne Territorium.“ Nun wird sich zeigen, ob der Verlag es mit der Realität aufnehmen kann.

Mehr zum Thema

0 Kommentare