Massaker an Christen in Äthiopien: Aufgereihte Leichen in weiße Tücher gehüllt
Eine Serie von Angriffen auf Christen im Zentrum Äthiopiens fordert rund 60 Tote. Ob Oromo-Rebellen die Täter sind, bleibt zunächst unklar.
Foto: AP Photo
Ein Massaker an einer christlichen Gemeinschaft hat den neuen Bürgerkrieg in Äthiopien weiter verschärft. Die Synode der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche bestätigte am Montag den Tod von 60 Menschen bei Überfällen auf Kirchen und Hütten in zwei Orten im Distrikt Shirka im Gebiet Arsi rund 270 Kilometer südlich der Hauptstadt Addis Abeba am 20. und 24. Oktober, berichtete am Dienstag die Zeitung Addis Standard. Für Dienstag rief die äthiopische Kirche weltweit zu Gebeten für die Toten auf.
Eine lokale Liste der Toten des zweiten Angriffs vom Samstag enthält 46 Namen von Menschen im Alter zwischen 4 und 75 Jahren. Videoaufnahmen, die christliche Organisation aus dem Gebiet verbreitet haben, zeigen aufgereihte Leichen in weiße Tücher und Decken gehüllt, manche davon sehr klein, was auf Kinder hindeutet. In anderen Aufnahmen wird die Beerdigung der Toten im Beisein von Geistlichen und unter traditionellen äthiopischen Kirchengesängen gezeigt.
Die Massaker ereigneten sich im zentraläthiopischen Bundestaat Oromia, der die Siedlungsgebiete der größten äthiopischen Bevölkerungsgruppe der Oromo im Hochland rund um die Hauptstadt Addis Abeba umfasst. Wie jeder äthiopische Bundesstaat hat Oromia eine eigene Regionalarmee, die den äthiopischen Streitkräften unterstellt ist. In ihren Reihen stieg einst Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed auf, der seit 2018 das Land regiert. Gegen ihn kämpft die bewaffnete Rebellengruppe OLA (Oromo Liberation Army).
Die OLA ist Teil der neu gegründeten Rebellenkoalition „Überlebensallianz der Streitkräfte der äthiopischen Völker“, die im September unter Führung der abtrünnigen Tigray-Rebellenarmee TPLF (Tigray-Volksbefreiungsfront) erneut in den Krieg gegen Äthiopiens Zentralregierung gezogen ist. Neben der TPLF sind ihre wichtigsten Bestandteile die Oromo-Rebellengruppe OLA und die lokale Miliz Fano des zwischen Oromia und Tigray gelegenen Bundesstaates Amhara, Geburtsstätte des äthiopischen Christentums vor mehreren tausend Jahren. Tigray wurde Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen der TPLF und Äthiopiens Armee, die Rebellen werden vom Nachbarland Eritrea unterstützt.
Schon Hunderte Tote in den vergangenen Jahren
Vor diesem Hintergrund ist die Ausbreitung von Gewalt in weitere Regionen Äthiopiens alarmierend. Regierungsnahe Kreise machen für die Massaker von Shirka die OLA verantwortlich, die seit Langem als islamistisch unterwanderte Terrororganisation eingestuft ist. Andere Quellen machen als Täter die regierungstreue Oromia-Regionalarmee aus, die orthodoxe Christen als amharische Fano-Sympathisanten verdächtige. Äthiopiens Armee habe den Massakern aus nächster Nähe untätig zugesehen und sei erst einen Tag später in die überfallenen Dörfer eingerückt, heißt es.
Unabhängig vom Streit um die Täterschaft erschüttert Gewalt die betroffene Gegend nicht erst seit Beginn des neuen Krieges. Nach Berichten der äthiopischen Menschenrechtskommission EHRC vom Juli haben Rebellen in Shirka seit 2021 432 Zivilisten und 4 Angehörige der regionalen Streitkräfte getötet.
Rund um die äthiopischen Parlamentswahlen am 1. Juni, deren Durchführung sowohl die OLA als auch die Fano-Milizen gewaltsam zu verhindern versuchten, gab es über mehrere Tage erneute Überfälle in dem Gebiet. Nach Berichten des Nachrichtendienstes Meseret Media wurden dabei 37 Menschen getötet und zwei historische Kirchengebäude komplett zerstört. Die Überlebenden flohen in die umliegenden Wälder.
Mitte Juni berichtete eine Amhara-Quelle auf X, von den 37 orthodoxen Kirchen in Shirka seien bereits 26 zerstört worden und die Zahl der Toten habe 169 erreicht. Nach denselben Angaben erreichte die Zahl der Vertriebenen in dem Gebiet bis Mitte Oktober 20.000. Die jüngsten Angriffe seien in einer Zeit erfolgt, als Fano-Milizen in Amhara erstmals eine Stadt erobert und 115 äthiopische Soldaten getötet hätten. Unabhängig bestätigt sind all diese Angaben nicht.
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