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Herzhafte Zweifel am Wort

Von Naturmotivik zu türkischer Exillyrik und zurück: Neue Gedichte von der Dichterin und Dissidentin Asiye Müjgan Güvenli

Von Konstantin Ames

Deutsche Gedichtbände, in denen Kosmos, Wind, Wetter, Vögel, Sträucher bedichtet werden, sind meist alles andere als unpolitisch und flankieren ein ausnehmend restauratives Lebensgefühl. Zu den Bekannteren unter diesen Heimatbarden zählt Jörg Bernig. Man sieht sich gern als Opfer enger werdender Meinungskorridore, und betont ein diffus bleibendes „Eigenes“.

Ganz ohne den Rückgriff auf betuliche und nationalschmalzige Selbstmystifikation schreibt die in Winterthur lebende Dichterin Asiye Müjgan Güvenli unter Rückgriff auf eine ähnliche Naturmotivik: „Unkraut, Steube, Steinhühner schlafen / Müdigkeit umarmt meinen Körper / zu müde ein Stück vom Sternenlicht zu holen / lege mich langsam auf die harte Erde“.

Güvenlis poetisches Debüt „Vor dem Vorhang“ („Perdenin Önü“) ist 2018 noch als zweisprachige Ausgabe in Verbindung mit dem Basler Dichter und Philologen Wolfram Malte Fues in der Edition Hohweg erschienen. Vorherrschend waren dort kühn ausgestellte Erinnerungsscherben, in Fues’ Nachdichtung: „Wind im Blatt/ Aschenrest. Kein Ausweg. / Flatternde Stimme sucht / in der Stille ihr Echo“. Der aktuelle Gedichtband „vor gestern – nach heute“ lässt die Archaik zwar nicht außen vor, zur Lyrikerin tritt aber in merklicherem Maße der politische Mensch, der Güvenli als PEN-Mitglied und Journalistin eben auch ist, die Lebensgeschichten von Insassinnen türkischer Gefängnisse unter dem Titel „Sind immer wie schuldig“ (2024) herausgab.

Ihr Exil in der Schweiz, ihren Status als Dissidentin, die Repressionen in ihrer alten Heimat wie auch die Phrasen, Heucheleien eines vermeintlich weltoffen-liberalen Milieus in der Schweiz beschrieb die seit 1997 in Winterthur lebende Güvenli unter dem griffigen Titel „Wie ich mich (nicht) integrierte“, Titelzusatz: „Füchtigkeitsfehler“ in erfahrungssatten Erzählungen.

Sie arbeitete seit ihrer Ankunft in der Schweiz an soziokulturellen Projekten mit und zuletzt im Sozialdepartement der Stadt Zürich. Aus diesem Zusammenhang wohl ergeben sich für die studierte Soziologin Dringlichkeiten, die unter mittelalten Lyrikern (von Nachwuchskräften und ihren Textwerkstättenleitern einmal ganz zu schweigen) passé sind: „um mich zu wärmen / suche ich Verse / es gibt keine, ob / die Lyrik tot ist?“

Auflösen in Grübelei

Aufs Angenehmste fühlt man sich an die kantige Art jüngerer Schweizer Autoren wie Walter Fabian Schmid („Die Lost Places zucken noch“, 2025) erinnert oder auch frühe Gedichte des (leider auch religionssoziologisch) performativen Autors Jürg Halter. Beide formulier(t)en ihre Poetik in Zeitschriften bzw. im Internet; Güvenli schreibt, was sie wie und wozu tut, ohne Aufhebens gleich in ein Gedichtgedicht, das mit der Schulbuchschnulze „Stufen“ von Hermann Hesse nur den Titel teilt: „so eine Sprache muss ich finden / sie spricht einen Text // so einen Text muss ich schreiben / er hat ein Bild in sich (…) so einen Raum muss ich bauen / er birgt ein Gefühl // so ein Gefühl muss ich spüren / er befreit mich“.

Die 90 Gedichte, teils nur wenige Zeilen lang, gönnen sich herzhafte Zweifel am Wort, lösen sich in Grübelei fast auf: „Ver-/Lust // unter hellem Laternenlicht / sitze ich an der Ecke / ohne Scheu und Reue / ohne sittliche Ordnung (…)“. Umso mehr Gewicht erhält „Der Prozess im Schloss“, das dem staatlicher Repression unterworfenen Philanthropen Osman Kavala gewidmet ist: „Warten ohne Ende / was kommt zuerst / der Tod oder Rosenknospen / warten ohne zu klagen / ganz allein im Schloss / noch mal Kafka lesen / nur lesend da sein (…)“.

Katze und ich wie auch andere ähnlich gebaute Poeme collagieren ästhetisch stupend türkische Gewaltgeschichte

Frivol mag es da erscheinen, dass auf diese erschütterte Ansprache „Katze und ich“ folgt. Aber auch hier gilt: Wenn zwei, deutsches Neobiedermeier und türkische Exillyrik, dasselbe sagen, ist die Tragweite doch sehr unterschiedlich: Güvenlis Katze ist, anders als aus deutscher Katzenkalenderlyrik vertraut, ein Symbol der Unregierbarkeit; „Katze und ich“ wie auch andere ähnlich gebaute Poeme collagieren ästhetisch stupend türkische Gewaltgeschichte; in einer Fußnote lesen wir: „Zum Gedenken an die Keller von Cizre (2015–16). Während der Ausgangssperren wurden die Menschen in Kellern eingeschlossen und getötet“. Im Gedicht liest man: „der Kellergeruch / gemischt mit Schiesspulver / alles zu laut / in der Ecke / ein paar Augen / eine Katze stillt / ihre Jungen (…) ich starre ins Leere / sie starrt ins Leere / die Leere schluckt uns irgendwann“.

Illustrationen der Grafikerin Brigitte Boller treten den lakonisch-schwermütigen Gedichten zur Seite. In sattem Türkis, bordeauxrot und faulig gelb geben sich aufgerissene Erdschollen zu erkennen, manches erinnert an eine schwärende Wunde. Asiye Müjgan Güvenlis Aktivismus mit Stil sucht auch hier die Intensität.

Ganz zum Schluss rollt dann doch ein Kalauer durchs Buch, die Titel der letzten Gedichte heißen: „Augenblick“, „leere Blicke“, „Übersehen“, „Sehnsucht“, „Unsichtbarkeit“ und schließlich: „Seeluft“, darin die ansehnlichen Zeilen: „sanft berühren mich / die Wellen / ein Strassenhund leckt / meine nasse Hand / aus Durst? / aus Liebe?“

Asiye Müjgan Güvenli: „vor gestern – nach heute. Gedichte. Mit 12 Illustrationen von Brigitte Boller“. edition 8, Zürich 2026. 110 Seiten, 24 EuroKonstantin Ames