Roman von Milada Součková: Der Ausweg aus dem poetischen Labyrinth
Der neugegründete Verlag dimidium mundi verlegt fast vergessene Schriftstellerinnen neu. Nun erscheint der Coming-of-Age-Roman einer Prager Avantgardistin.
Schriftstellerinnen schreiben meist biografisch-psychologisch, Schriftsteller konfrontieren die Welt dagegen gern mit ihrer literarischen Experimentierlust, zumindest wenn sie sich auf dem Weg zum männlichen Genie fühlen. So weit das immer noch gültige Klischee, das allerdings seit Jahrhunderten von vielen Frauen kreativ unterlaufen wird. Wir kennen sie nur nicht, weil sie vergessen und aus dem Kanon verdrängt sind.
Nicht erst Virginia Woolf, Gertrude Stein und Ingeborg Bachmann haben mit Erzählperspektiven, Zeitsprüngen und Mischformen jongliert, um ihre Skepsis gegenüber dem falschen Versprechen auszudrücken, realistische Romane würden die Welt, wie sie ist, eins zu eins abbilden.
Obwohl jedoch immer wieder vergessene Schriftstellerinnen neu aufgelegt werden und sich beispielsweise der Aviva Verlag konsequent um die Wiederentdeckung vor allem von jüdischen Autorinnen vor dem Kahlschlag durch das Naziregime verdient macht, braucht es auch heute Initiativen wie www.lueckenliste.de, auf der Interessierte aus dem Literaturbetrieb und der Wissenschaft ihre Hinweise auf vergessene Schriftsteller_innen teilen. Ziel ist nicht weniger als die Sichtbarkeit der Hälfte der (literarischen) Welt.
Der Roman
Milada Součková: „Amor und Psyche“. Aus dem Tschechischen von Doris Kouba. dimidium mundi, München 2026, 320 Seiten, 26 Euro
dimidium mundi, ein von Zarifa Mamedova in diesem Jahr in München neu gegründeter Verlag, zeigt mit seinem aus dem Lateinischen entlehnten Namen an, dass er sich genau diesem Ziel verpflichtet fühlt, die Hälfte des literarischen Kanons für Autorinnen der Weltkultur zu erobern.
Kam im Frühjahr als Debüt der Roman „Die Lust am Manne“ (1928) der österreichisch-ungarischen Schauspielerin, Autorin und Filmregisseurin Olga Wohlbrück heraus, folgt mit „Amor und Psyche“ (1937) nun ein früher Roman der hierzulande (bis auf die 1998 und 2010 edierten Romane „Der unbekannte Mensch“ und „Bel Canto“) viel zu wenig bekannten tschechischen Schriftstellerin Milada Součková.
Avantgardistische Künstlerzirkel
Geboren 1898 in Prag als Tochter eines Bauunternehmers, besuchte Milada Součková das Prager Minerva-Gymnasium, das erste Mädchengymnasium Österreich-Ungarns, dessen pädagogisches Programm auf die freie Entfaltung und Emanzipation der Schülerinnen – darunter die Journalistin und zeitweise Kafka-Gefährtin Milena Jesenská – ausgerichtet war.
Ihr naturwissenschaftliches Studium in Prag und Lausanne schloss Milada Součková 1923 mit einer Doktorarbeit über „Das Seelenleben der Pflanzen“ ab. In der lebendigen Prager Kulturszene der seit dem Ende des Ersten Weltkriegs gegründeten ersten tschechoslowakischen Republik schloss sich Milada Součková den avantgardistischen Künstlerzirkeln der Stadt an, heiratete den Maler Zdenek Rykr und veröffentlichte Gedichte, Reiseberichte über Südeuropa und die zunehmenden politischen Bedrohungen der Epoche in literarischen Zeitschriften.
Als Mitglied der Gruppe 42, einer tschechischen Künstlergruppe, die bis zu ihrem Verbot durch das kommunistische Regime 1948 bestand, teilte Milada Součková das Misstrauen der Avantgarde gegenüber den konventionellen Formen des realistischen Romans. Inspiriert von Marcel Prousts monumentaler Erinnerungsarbeit über die goldene Ära des Bürgertums bis 1914 und angeregt durch André Gides Roman „Die Falschmünzer“ (1925), einer Geschichte schwuler Jugenderfahrungen in wechselnden Erzählperspektiven, begann die Schriftstellerin, sich mit dem Lebensgefühl ihrer politisch wachen Generation auseinanderzusetzen. Die überkommenen literarischen Mittel erklärte sie für nutzlose Fossile, untauglich, um den Wirbel ihrer in Fragmente zerfallenden Erfahrungswelt zu beschreiben.
Herausfordernde Coming-of-Age-Geschichte
„Amor und Psyche“ ist eine fein gesponnene, in Teilen herausfordernde Coming-of-Age-Geschichte im Umfeld junger Frauen aus dem Prager Bürgertum – weder konkret autobiografisch grundiert noch psychologisch als oberflächliches Angebot zur Identifikation erzählt. Das Mädchen Augustina und die Erzählerin verstricken sich in ein amüsiertes, vom Ringen um Nähe und Distanz bestimmtes Spiel um Augustas Tagebuch, das von ihrer Liebe zu der von beiden angebeteten Lehrerin Alsbětă handelt.
Im zweiten Teil des Romans spiegeln sich die Wünsche und Träume der Mädchen aus anderer Perspektive im Tagebuch der Erzählerin. Der dritte Teil, ein poetisches Labyrinth der Erlebnisse beider Mädchen und weiterer Figuren aus ihrem Kosmos, treibt die Fiktion auf die Spitze, sodass das Spiel der Tagebuchfragmente wie eine Parodie auf das Genre wirkt, komödiantischer als beispielsweise in dem ikonischen queeren Film „Mädchen in Uniform“.
Eine Göttin am literarischen Horizont, wie es Psyche, die Braut des Gottes Amor in Apuleios' berühmter Novelle aus dem 2. Jahrhundert, wird, scheint Augusta nicht zu werden – oder doch? Das göttlich-ingeniöse Selbstbild des literarischen Schreibens und seiner Spitzenvertreter ist in Milada Součkovás Augen in Zeiten grundstürzender Disruptionen in Zweifel zu ziehen.
Die Schriftstellerin verlor ihren im Widerstand gegen die NS-Besatzung engagierten Mann, als er sich der Verhaftung durch Suizid entzog. Sie wurde im Prag der Nachkriegszeit zur Außenseiterin, als sie 1945 als Kulturattaché der zweiten tschechoslowakischen Republik nach New York wechselte und 1948 nach der kommunistischen Machtübernahme in den USA blieb. Bis zu ihrem Tod 1983 wirkte sie als Bohemistin und Literaturtheoretikern in Harvard, Chicago und Berkeley, unterstützt vom Netzwerk der tschechisch-amerikanischen Community um Roman Jacobsen, den Linguisten und Freund aus Prager Zeiten. Die englische Übersetzung ihrer Werke kam nicht zustande.
Zarifa Mamedova beweist Mut, mit „Amor und Psyche“ den Weg ihres anspruchsvollen Verlagsprogramms vorzuzeichnen. dimidium mundi plant weitere Neuentdeckungen von Schriftstellerinnen, auch aus anderen, bisher zu wenig bekannten historischen Buchkulturen aller Kontinente. Wie die Bücher von Olga Wohlbrück und Milada Součková werden auch die kommenden Editionen Grafiken von der Hand junger Künstlerinnen enthalten, deren Originale man online über das zweite Standbein des Verlags erwerben kann.
Milada Součková: „Amor und Psyche“. Aus dem Tschechischen von Doris Kouba. dimidium mundi, München 2026, 320 Seiten, 26 Euro
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