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Linke will in Berlin regieren Junge Linkspartei erstaunlich schnell erwachsen

Uwe Rada

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Uwe Rada

Mit großer Mehrheit hat sich der Parteitag der Linken für Koalitionsverhandlungen mit Grünen und SPD ausgesprochen. Die Aussicht aufs Rote Rathaus wirkt Wunder.

E inen Moment gibt es, da muss Kerstin Wolter einschreiten. Die Landesvorsitzende der Berliner Linkspartei geht ans Mikro und macht den Delegierten deutlich, dass eine Annahme des zur Abstimmung stehenden Antrags das Aus für Koalitionsverhandlungen mit Grünen und SPD in Berlin bedeuten würde.

„Die Linke Berlin kritisiert die am 8. Oktober 2026 zwischen SPD, Grünen und unserer Partei getroffene Vereinbarung zum Start der Sondierungen“, heißt es in dem Antrag, den der Bezirksverband Steglitz-Zehlendorf eingebracht hat.

Das mühsam ausgehandelte Papier soll nach Willen der Parteiführung Teil des Koalitionsvertrags für ein Berliner Linksbündnis werden. So steht es auch im Sondierungspapier, auf das sich Linke, Grüne und SPD geeinigt hatten. Eine Annahme wäre der Knall gewesen, auf den viele gewartet haben.

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Der Antrag wird deutlich abgeräumt. Und mit ihm auch das Antisemitismusthema, das die Berliner Linke seit Beginn der Vorgespräche mit Grünen und SPD begleitet. Zumindest an diesen Parteitagssamstag im Lichtenberger Dong-Xuan-Haus. Zwei Drittel der Delegierten stehen zur „Berliner Vereinbarung“, die jüdisches Leben schützen soll und für das Existenzrecht Israels eintritt.

Am Ende stimmen sogar nur zehn der über 150 anwesenden Delegierten gegen die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen. Damit ist der Weg dafür frei, gleich am Montag soll es damit losgehen. Die Linke, von der es immer wieder heißt, viele in der Partei wollen gar nicht regieren, hat an diesem Samstag überraschend deutlich ihre Bewährungsprobe bestanden.

Die Aussicht auf das Rote Rathaus diszipliniert

Das hat auch mit der Aussicht aufs Rote Rathaus zu tun. Kein Satz ist an diesem Samstag häufiger zu hören als der, dass Berlin mit Elif Eralp an der Spitze eines Linksbündnisses Geschichte schreiben könne.

Berlin bezahlbar zu machen, das weiß auch die übergroße Mehrheit der Delegierten, gelingt in einer von der Linken geführten Koalition eher als aus der Opposition. Diese realpolitische Häutung ist insofern bemerkenswert, als die Linke – mit 19.000 Mitgliedern Berlins größte Partei – zuletzt rasant gewachsen ist und sich verjüngt hat. Ende 2024 noch waren es nur rund 8.000.

Nun sind die jungen Wilden in der Linken mit dem Roten Rathaus vor Augen quasi im Zeitraffer erwachsen geworden. Die Grünen haben für eine solche Häutung beim Thema Militanz in den achtziger Jahren deutlich länger gebraucht.

Wie erwachsen die Partei am Ende tatsächlich ist, wird sich zeigen, wenn eine Mitgliederbefragung über einen Koalitionsvertrag entscheidet. Eine andere Entscheidung könnte aber schon am Samstag gefallen sein. Indem die umstrittene Abgeordnete Vanessa Emde vor der Halle gegen die eigene Partei demonstrierte, hat sie sich demonstrativ ins Abseits gestellt.

Diejenigen der 44 Linken-Abgeordneten, darunter 35 neue, die bislang bei einem Rauswurf aus der Fraktion gezögert haben, dürften jetzt Klarheit haben. Emde hat nicht das Rote Rathaus vor Augen, sondern das eigene Ego.

Uwe Rada

Uwe Rada Redakteur taz.Berlin

Jahrgang 1963, ist Redakteur für Stadtentwicklung der taz. Weitere Schwerpunkte sind Osteuropa und Brandenburg. Zuletzt erschien bei Bebra sein Buch "Morgenland Brandenburg. Zukunft zwischen Spree und Oder". Er koordiniert auch das Onlinedossier "Geschichte im Fluss" der Bundeszentrale für politische Bildung. Uwe Rada lebt in Berlin-Pankow und in Grunow im Schlaubetal.
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10 Kommentare

  • Bürger L.

    In Teilen der SPD scheint eine gewisse Todessehnsucht vorzuherrschen.... oder, um es mal milder auszudrücken, eine mangelnde Bereitschaft, die düstere Zukunftsperspektive der eigenen Partei realistisch einzuschätzen.

    In der aktuellen Situation, in der die Partei droht, bei Wahlen in den einstelligen Bereich abzurutschen, eine Unterschriftenaktion gegen eine Rot/Grün/Rote Koalition zu starten, hat schon suizidale Züge.

    In sogenannten Großen Koalitionen bis zur Unkenntlichkeit runtergewirtschaftet, fern von jedem wirklich sozialdemokratischen Profil, wollen sich diverse SPD Strategen jetzt auch noch selbst der Möglichkeit berauben, in einem neuen Bündnis wenigstens zu versuchen, sich wieder als Partei die die Zukunftsängste und Nöte der Durchschnittsbevölkerung ernst nimmt, in Erinnerung zu bringen.

    Dass Sozialdemokraten durch eine Koalition mit der Linken nicht unbedingt an Zustimmung verlieren, hat Frau Schwesing in MekPom bewiesen. Wer als SPDler*in immer noch glaubt, gemeinsam mit der Union die Verteilungsungerechtigkeit im Land beseitigen zu können, hat schon verloren.

    Für Berlin ist nur zu hoffen, dass es am Schluss nicht heißt:



    "Wer hat und verraten? S.............!"

  • Bürger L.

    Habe den Verlauf und das Ergebnis des Parteitages mit Erleichterung beobachtet.

    Dank der freien Entscheidung von Frau Emden, währenddessen draußen vor der Tür zu demonstrieren, wird es jetzt wohl leichter fallen, ihr einen Platz außerhalb der Linken-Fraktion nicht nur freundlich zu empfehlen, sondern aktiv zuzuweisen.

  • Stavros

    "Junge Linkspartei erstaunlich schnell erwachsen" - besser kann man es nicht sagen.

    Das ist eine überaus erfreuliche Nachricht, denn wir brauchen dringend eine demokratische und pragmatische Linke, die aufgrund ihrer gefestigten Grundüberzeugungen mit scharfem Verstand, Engagement und vielen guten Herzen das Leben der Menschen jeden Tag ein bisschen lebbarer gestaltet.

    • Desdur Nahe

      @Stavros:

      "aufgrund ihrer gefestigten Grundüberzeugungen"



      Bleibt die Frage, was das für Grundüberzeugungen sind, wenn ein ganzes Drittel der Delegierten die „Berliner Vereinbarung“, die jüdisches Leben schützen soll und für das Existenzrecht Israels eintritt, ablehnen.

      • Stavros

        @Desdur Nahe:

        Warum wird diese Frage überhaupt diskutiert?

        A Einige Politikerinnen und Politiker der Linken haben sich - gelinde gesagt - missverständlich geäußert. Das sollte vermieden werden.

        B Dass bestehende Staaten existieren und das auch dürfen, dürfte eine Binsenweisheit sein. Ebenso, dass der Staat alle hier Lebenden schützen muss.

        C Der Nahostkonflikt wird nicht in Berlin entschieden. Irgendwelche Erklärungen beeinflussen ihn nicht.

        Die Stadt hat genug Probleme (und hier schließe ich durchaus auch Konflikte aufgrund des Nahostkonflikts mit ein).

        Eine neue Regierung muss sich wirklich mal auf die Lösungen konzentrieren und das Leben Aller verbessern.

        Da bleibt genug zu tun, von Kitas, über Schulen, Wohnungen, Krankenhäuser ....

  • Querbeet

    Macht korumpiert.

    • Bürger L.

      @Querbeet:

      Die Entscheidung für ohn-mächtiges Zusehen, schließt die Möglichkeit, Veränderung selbst aktiv mitzugestalten aus.

      • Stavros

        @Bürger L.:

        100%.

        Macht ist eine Verführung und ein philosophisches wie psychologisches Problem. Ganz auf Macht und damit Gestaltung zu verzichten ist aber auch keine Alternative.

    • Gesunder Menschenverstand

      @Querbeet:

      Hohle Parolen machen nicht satt und bringen kein Dach über den Kopf.

    • derzwerg

      @Querbeet:

      In bestimmten linken Kreisen gilt es offenbar als korrupt, wenn man sich für das Regieren entscheidet, nachdem man die Mehrheit der Stimmen bekommen hat.