piwik no script img

Senatswahlkampf in Michigan„Verrat“ bei den Demokraten in letzter Minute

Die Demokratin Stevens zieht kurzfristig ihre Unterstützung für den linken Muslim Abdul El-Sayed zurück. Grund: Streit um den Nahost-Konflikt.

Fabian Schroer

Aus Washington

Fabian Schroer

Für Abdul El-Sayed, den linken demokratischen Kandidaten für den Senatsposten in Michigan, setzte es am Sonntag eine böse Überraschung. Zwei Tage vor den US-Midterms am 3. November gab seine Parteikollegin Haley Stevens, die bei den Vorwahlen der Demokraten gegen ihn verloren hatte, bekannt, seinen Gegner, den Republikaner Mike Rogers, zu unterstützen. Hintergrund sind die gegensätzlichen Positionen zum Thema Israel.

Stevens trat am Sonntag überraschend gemeinsam mit Rogers auf. Eigentlich war für denselben Tag eine Veranstaltung mit El-Sayed angekündigt. „Das ist eine sehr knappe Wahl, das wissen wir alle“, sagte Stevens nach dem Auftritt in einer Kirche in Detroit. „Aber Abdul hat sehr deutlich gemacht, dass ich in seinem Wahlkampf nicht willkommen war“, so die 43-Jährige.

Aus den Reihen der Demokraten wurde Stevens’ Fahnenflucht scharf verurteilt. Chuck Schumer, der Minderheitsführer im Senat, nannte den Schritt einen „verachtenswerten Verrat“. „Wir Demokraten im Senat stehen geschlossen hinter Abdul El-Sayed, denn wir wissen, dass er sich für die wirtschaftlichen Interessen der arbeitenden Familien in Michigan einsetzen wird – im Gegensatz zu Mike Rogers, der ein Handlanger von Donald Trump und milliardenschweren Spendern ist“, schrieb Schumer auf X. Auch der Bürgermeister von New York City, Zohran Mamdani, äußerte sich ähnlich.

Curtis Hertel, der Vorsitzende der Demokraten in Michigan, erklärte am Sonntag auf X: „Die Kongressabgeordnete Stevens ist derzeit kein Mitglied der Demokratischen Partei von Michigan und wird es auch in Zukunft nicht sein.“ Die Landespartei hatte Stevens vollständig von ihrer Seite mit den gewählten Amtsträgern entfernt und sowohl ihren Namen als auch ihr Foto aus der Liste gestrichen. Stevens sitzt bisher als Abgeordnete für Michigan im Repräsentantenhaus, tritt für diesen Posten jedoch nicht erneut an.

Lob von Trump

Wie zu erwarten, wurde Stevens’ Kurswechsel von den Republikanern bejubelt. „Wow, this is BIG!“, schrieb US-Präsident Trump in einem Post auf Truth Social, nannte ihren Schritt „tapfer“ und bot Stevens an, den Republikanern beizutreten. Die Abgeordnete hatte dies bislang abgelehnt.

Der republikanische Kandidat Mike Rogers zeigte sich geehrt. Es gehe „vor allem darum, gemeinsam gegen Hass einzustehen und um die Zukunft dieses Bundesstaates und dieses Landes“, sagte Rogers nach dem Auftritt mit Stevens am Sonntag.

Hintergrund der Differenzen zwischen Abdul El-Sayed und Haley Stevens ist vor allem ihre Haltung gegenüber Israel. El-Sayed hatte die US-Unterstützung für den Krieg in Gaza und die Besatzung des Westjordanlandes mehrfach verurteilt und will Waffenlieferungen nach Israel einstellen. Stevens gilt hingegen als entschiedene Unterstützerin Israels. Im Wahlkampf für die parteiinterne Vorwahl wurde sie von der Israel-Lobby Aipac (American Israel Public Affairs Committee) mit fast 30 Millionen US-Dollar unterstützt – dem höchsten Betrag, den die Organisation jemals in ein einzelnes Rennen investiert hatte.

Im Zentrum der jüngsten Entwicklungen stand ein unabhängiger Werbespot, der El-Sayeds Kampagne unterstützte. Der Clip legt nahe, dass die Unterstützung des Gaza-Kriegs für die aktuelle Inflation in den USA verantwortlich sei. Obwohl El-Sayed angegeben hatte, nichts mit dem Inhalt des Werbespots zu tun zu haben, hatte Haley Stevens diesen als einen der Gründe für ihre Entscheidung angeführt und den Inhalt als antisemitisch verurteilt. Der Werbespot war von Rebellion PAC geschaltet worden, einer Lobbyorganisation, die von Cenk Uygur gegründet wurde, dem Onkel des umstrittenen linken Streamers Hasan Piker.

Abdul El-Sayed, der im Falle eines Wahlsiegs der erste muslimische Senator der USA wäre, gab sich angesichts der jüngsten Wendung gelassen. „Letztendlich denke ich nicht über Haley Stevens nach“, sagte der 41-jährige Mediziner am Sonntag bei einer Wahlkampfveranstaltung in einer Kirche, die vor allem von Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern besucht wurde. „All das spielt keine Rolle.“ Stattdessen denke er an die „9.999.998 Menschen, die nicht diese beiden sind [Haley Stevens und Mike Rogers]“.

El-Sayed war wegen seiner Religion mehrfach von Rechten und Republikanern wüst angegangen worden. Donald Trump hatte ihn immer wieder einen „Dschihadisten“ genannt und Witze über seinen Zweitnamen Mohamed gemacht. Mike Rogers behauptete, der Demokrat unterhalte Verbindungen zur Muslimbruderschaft.

Die aktuellen Entwicklungen kommen zu einem ungünstigen Zeitpunkt für die Demokraten. Der Senatswahlkampf in Michigan gilt als knapp. Zwar könnten die Demokraten ihr Ziel, bei den Midterms die Mehrheit im Senat zu gewinnen, durch verschiedene Szenarien erreichen, doch fast alle erfordern einen Sieg in Michigan.

Zwar hat der Staat seit mehr als 30 Jahren keine Republikanerin und keinen Republikaner in den US-Senat gewählt, doch Umfragen deuten darauf hin, dass El-Sayed nicht über dasselbe Maß an Unterstützung verfügt wie andere landesweite demokratische Kandidaten in Michigan. Inwiefern El-Sayeds klare Haltung zum Nahostkonflikt dabei eine Rolle spielt, ist unklar. Eine knappe Mehrheit der Menschen in Michigan lehnt – entsprechend dem US-Trend – die US-Unterstützung für Israel ab. Jüdische Wählerinnen und Wähler, von denen viele bei den Vorwahlen für Haley Stevens gestimmt hatten, machen in Michigan etwa 1,4 Prozent der Stimmen aus, Musliminnen und Muslime 2 bis 3 Prozent.

Bei der Schwarzen Bevölkerung, bei der El-Sayed in den Vorwahlen ebenfalls Schwierigkeiten hatte und die 11 Prozent der Wählerstimmen ausmacht, hatte der demokratische Kandidat zuletzt wieder an Unterstützung gewonnen. Dazu trugen unter anderem Wahlkampfauftritte mit der ehemaligen Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris und Ex-Präsident Barack Obama in Detroit vor zwei Wochen bei. In aktuellen Umfragen führt El-Sayed zwischen 2 und 11 Prozentpunkte vor Rogers.

Die Recherche wurde durch ein Daniel-Haufler-Stipendium der taz panterstiftung ermöglicht.

Mehr zum Thema

14 Kommentare

  • Hans Dampf

    Abdul El-Sayed hat sich nie klar von antisemitischen Aussagen distanziert, vergleichbar mit Vanessa Emde.



    Insofern sehe ich keinen Verrat, wenn sie seine Haltung anlehnt, sondern eine Unvereinbarkeit ihrer Politik mit der von Abdul El-Sayed. Dass sie nun aber einen Republikaner empfiehlt, finde ich auch grundlegend falsch.

    • *Sabine*

      @Hans Dampf:

      "Abdul El-Sayed hat sich nie klar von antisemitischen Aussagen distanziert, ..."

      Mir war Abdul El-Sayed bisher nicht bekannt, weswegen ich weiter unten auch eine mir naheliegend erscheinende Frage stellte, die bei anderen Kommentatoren Unmut erzeugte.

      Nach Ihrem Hinweis habe ich mich ein wenig mit Abdul El-Sayed beschäftigt und kann sagen, dass ich seine Verknüpfung von hohen US-Lebensmittelpreisen mit der finanziellen Unterstützung für Israel, seine Zusammenarbeit mit Hasan Piker und seine Reaktion nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Michigan zweifelhaft finde.



      Ich persönlich meine, darin Antisemitismus erkennen zu können, aber weitere Kommentatoren sehen auch das vielleicht anders.

    • Janix

      @Hans Dampf:

      Sie unterstellen Frau Emde gerade etwas. Wollen Sie den Beleg noch nachholen?



      Dass jemand Völkerrechtsbrüche auch kritisiert, wenn es Israel betrifft, ist universal gesehen das Richtige. Daher frage ich gerade nach.

      Wenn jemand es unbedingt nicht werden soll, dürfte auch eine Wahlempfehlung die Seite wechseln. Right or wrong my party ist _nicht universal gedacht.

      Hier wurde diese Stellungnahme aber womöglich eingekauft. Das gälte es zu klären.

  • Perkele

    Mein allererster Gedanke war und ist es, wieviel Milliardärsgeld diese Dame denn kassiert hat ?!?!?! Das passt punktgenau in das Schema des Trump-Regimes...

    • *Sabine*

      @Perkele:

      Ob sie Geld dafür bekommen hat, weiß ich selbstverständlich nicht. Allerdings nehme ich, als Nicht-Militärfachfrau, an, dass Israel und jüdisches Leben in der dortigen Region ohne die Unterstützung der USA vernichtet werden würden und kann mir, ausgehend auch von mir selbst, vorstellen, dass es Menschen gibt, die das nicht wollen bzw. meinen, dies aus u.a. moralischen Gründen nicht vertreten zu können.

      Israel scheint zwar eine Atommacht zu sein, aber diese Waffen einzusetzen, würde auch Israel zerstören, sodass ich in deren Besitz keinen so großen Vorteil sehe.

      Wie erwähnt: Ich bin keine Militärfachfrau.

  • DiMa

    "Hintergrund der Differenzen zwischen Abdul El-Sayed und Haley Stevens ist vor allem ihre Haltung gegenüber Israel."

    Warum muss das so einseitig formuliert werden? Es ist nicht "ihre Haltung", sondern "unterschiedliche Haltungen".

  • *Sabine*

    "El-Sayed ... und will Waffenlieferungen nach Israel einstellen."

    Ist das so zu verstehen, dass Herr El-Sayed den 07.10.23 auf ganz Israel ausgeweitet sehen möchte? Denn das wäre meiner Einschätzung nach die Konsequenz, wenn auch die USA darauf verzichten würden, Israel zu unterstützen.

    • Perkele

      @*Sabine*:

      Nein, das ist nicht seine Intention. El-Sayed das zu unterstellen ist unredlich, böse. Es ist legitim und dringend nötig, Waffenlieferungen an Kriegsverbrecher zu verurteilen. Waffen, mit denen im WJL und in Ganza Tag für Tag Menschen ermordet werden. Ben Gwir hat sich deutlich ausgedrückt: 40 tote Palästinenser pro Tag seien gut. Und DEM soll man Waffen liefern? Geht's noch?

      • *Sabine*

        @Perkele:

        "Waffen, mit denen im WJL und in Ganza Tag für Tag Menschen ermordet werden."

        Die gegnerische Kriegspartei kämpft auch weiter, allerdings wird das nicht so deutlich kommuniziert wie die Kämpfe der israelischen Seite.

        "Ben Gwir hat sich deutlich ausgedrückt: 40 tote Palästinenser pro Tag seien gut."

        Er sagt verbrecherische Dinge und ist ein Schwachkopf. Meiner Meinung nach bringt es aber wenig, wenn Sie und ich uns einen "Zitate-Wettbewerb" liefern, da die gegnerische Kriegspartei Dinge sagt und sagte, die ebenso übel sind. Ich nehme an, das ist "Kriegssprache". Wenn Sie auch ein paar Zitate der gegnerischen Kriegspartei zur Kenntnis nehmen möchten, sind sie leicht zu finden.

        Ist es für Sie keine Option, dass sich die gegnerische Kriegspartei, die den Krieg verloren hat, entwaffnen lässt bzw. die Waffen niederlegt? Meiner Meinung nach wäre es erst dann von Israel und dessen jüdischer Bevölkerung zu erwarten, dass auch sie die Waffen ruhen lassen.

    • O.F.

      @*Sabine*:

      Das ist keine Einschätzung, so dern eine boshafte Unterstellung. Israel wäre auch ohne amerikanische Waffenlieferungen nicht unmittelbar in Gefahr (bzw., umgekehrt, helfen diese wenig, wenn man Warnungen ignoriert, wie das Versagen des israelischen Sicherheitsapparates deutlich gezeigt hat). Es wäre allerdings gezwungen, den Völkermord in Gaza (wo immer noch täglich Menschen von der IDF ermordet werden) und die ethnische Säuberung im WJL zu beenden. Sie weigern sich hartnäckig, Verbrechen zur Kenntnis zu nehmen, die auch von israelischen Menschenrechtsorganisationen ausführlich dokumentiert werden und ich verstehe nicht, woher diese völlige Verachtung für palästinensische Leben kommt, aber ich bin froh, dass es in den USA eine neue Generation an Politikern gibt, deren moralische Standards offenkundig höher sind als die deutscher Foristen.

      • *Sabine*

        @O.F.:

        "Israel wäre auch ohne amerikanische Waffenlieferungen nicht unmittelbar in Gefahr.."



        Das kann ich selbst nicht einschätzen,lt. oberflächlicher KI-Antwort wäre Israel dann jedoch erheblich gefährdet.



        "Sie weigern sich hartnäckig,Verbrechen zur Kenntnis zu nehmen,die auch von israelischen Menschenrechtsorganisationen ausführlich dokumentiert werden.."



        Ich weigere mich nicht,diese Vorgänge zur Kenntnis zu nehmen,denke jedoch,dass Kriege grundsätzlich grausam und brutal sind,weshalb Gaza diesen Krieg nicht hätte beginnen sollen.Mir kommt die gegnerische Kriegspartei bei geäußerten Vorwürfen "einfach" zu kurz.Zumal die gazanische Regierung und ihre Kämpfer ja auch ihre eigenen Bürger m/w/d quälen und töten,was selten thematisiert wird.



        "..woher diese völlige Verachtung für palästinensische Leben kommt,.."



        Ich verachte diese Leben nicht,aber deren Vernichtungswunsch jüd. u/o israel. Menschen,sogar in EU,D,B.Ich kann nicht verstehen,weshalb jüd. u/o israel. Leben in Deutschland verfolgt wird.

        "..moralische Standards .. als die deutscher Foristen."



        Ich habe in einer anderen Antwort auch über Moral geschrieben und sehe keine Moral darin,Israel in seiner Verteidigung in Stich zu lassen.

  • Joe Schmoe

    Kontext: Uygur ist Mitgründer von The Young Turks, wo Piker eine Zeit lang gearbeitet hat.

  • commonsense444

    m.E. wird dieser Seitenwechsel eher El-Sayed bestärken. Grund dafür ist, dass Stevens die schwarze Bevölkerung Michigans als Vorwand dafür genutzt hat, um den Verrat zu begründen und zu präsentieren. Auch Establishment-Dems stößt das sehr stark auf und ich habe noch keine demokratische Stimmen finden können, die Stevens nicht komplett fallengelassen haben und volle Solidarität mit El-Sayed bekunden.

  • Janix

    Wie andere Lobbyverbände auch sollte AIPAC nicht Menschen und Positionen einkaufen können.