: Der Alltag neben dem Krieg
Judith Raupp erzählt in ihrem Reportagenbuch aus der DR Kongo von komischen und absurden Alltagssituationen. Politische Hintergründe kommen dabei allerdings zu kurz
Von Dominic Johnson
Was sagt eine Veganerin, wenn es tief im kongolesischen Regenwald Krokodil zum Abendessen gibt? „Vielen Dank, aber der Arzt hat mir verboten, Fleisch zu essen.“ Was sagt sie am nächsten Morgen, wenn es zum Frühstück die Krokodilreste vom Abend gibt und dazu Tee, für den das Wasser genau dort geschöpft wurde, wo sie vorhin pinkeln war? „Vielen Dank, der Arzt hat mir geraten, morgens nichts zu essen und nichts zu trinken.“
Situationskomik gehört zum Leben, wenn man als Weiße in der Demokratischen Republik Kongo lebt. Judith Raupp, die ihren Job bei der Süddeutschen Zeitung verließ, um in der ostkongolesischen Millionenstadt Goma als Journalistenausbilderin tätig zu sein und dazu Reportagen zu schreiben, bietet in ihrem neuen Reportagenbuch viele komische Situationen. Für diese ist sie oft einfach selbst der Anlass: Sie ist nicht nur Veganerin, sondern fährt auch noch als weiße Frau in praktischer Kleidung auf dem Fahrrad durch die Stadt und nimmt in Kauf, gering geschätzt zu werden, denn so lernt sie ihre Gegenüber kennen. Manche Anlässe werden ihr aufgezwungen – etwa, wenn der Geheimdienst morgens ihr Haus durchwühlt und zum Abschluss für seine Dienste bezahlt werden will. Bei absurden Situationen muss man wissen, wie man mit ihnen umzugehen hat, und das weiß Raupp ziemlich gut.
Ihr Buch „Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht“ liefert darüber hinaus Einblicke in das Funktionieren der kongolesischen Gesellschaft und die ungeschriebenen, oft sehr harten Regeln, die sich hinter der vordergründig zwischenmenschlichen Lockerheit verbergen. Wie Hochzeiten und Beerdigungen ablaufen. Welchen Zwängen Frauen unterliegen und wieso sie Unmengen Geld beim Friseur lassen. Welche merkwürdigen Prioritäten die in Goma lebenden Weißen setzen, etwa bei der Pflege von Haustieren.
Wer allerdings tiefere Einblicke in die Kriege und Konflikte erwartet, die das Leben in Goma seit über dreißig Jahren bestimmen, wird enttäuscht. Das Eingangskapitel beschreibt die Einnahme der Millionenstadt durch die M23-Rebellen im Januar 2025 als packendes Drama, aber völlig unpolitisch, fast so, als müsse man sich vor einem Vulkanausbruch in Sicherheit bringen. Wer diese Rebellen sind, was sie wollen, warum sie kämpfen, was sie nach ihrem Sieg machen – Fehlanzeige. Dabei befindet sich Raupp in der einzigartigen Situation, jahrelang im Epizentrum eines der komplexesten Konfliktgebiete der Welt zu leben. Müsste sie ihren Leser*innen da nicht die Akteure nahe bringen, ihre Motive und Handlungsweisen erklären können? Stattdessen reihen sich im Buch thematisch geordnet spannende, lustige, traurige, erfreuliche und bedrückende Szenen und Situationen aneinander, ohne Kontext. Die Erzählung springt immer mal unvermittelt um Jahre nach vorne oder hinten, einzelne Erlebnisse verschmelzen zu einem zeitlosen Gesamteindruck.
Judith Raupp: „Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht. Leben und Überleben im Kongo“. C.H.Beck Verlag, München 2026, 297 Seiten, 20 Euro
Das verwundert, denn Judith Raupp arbeitete nicht im politischen Vakuum. Ihre Assistentin in der Journalistenausbildung war Micheline Mwendike, Mitgründerin der einst von Studenten in Goma gegründeten Bürgerrechtsgruppe La Lucha, die schnell zu einer der führenden Oppositionskräfte Ostkongos wurde. Ihr Mitstreiter Luc Nkulula erlangte 2018 durch seine Ermordung traurige Berühmtheit – nach Überzeugung seiner Freunde verübt von Tätern, die dem Staatsapparat des damaligen Präsidenten Joseph Kabila zumindest nahe standen. Das immerhin steht im Buch, aber nur nebenbei. Den Kampf von Gomas Jugend um Menschenrechte erlebte Raupp damals hautnah, aber sie erzählt davon weniger als von ihrer Katze.
Dabei könnte man anhand dieser mutigen Menschen so viel erzählen: wie sich die junge Generation in Goma eine Stimme gab, von Kabila unterdrückt wurde, mit dessen Nachfolger Tshisekedi ab 2019 wenig anfangen konnte und mit den seit 2025 in Goma herrschenden Rebellen, an deren Spitze sich soeben wieder Kabila gesetzt hat, noch viel weniger. Dieses Buch erzählt viel über das Leben in der DR Kongo. Aber es lässt auch vieles weg.
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