Soziologe zu „Gen Z regelt“-Demos: „Was die CDU macht, ist gemeingefährlich“
Gen-Z-Proteste drücken das Gefühl von Zukunftslosigkeit aus, sagt der Protestsoziologe Simon Teune. Rassismus und Repression vertieften die Entfremdung.
Foto: Miguel Ferraz Araujo
taz: Herr Teune, seit zwei Wochen befinden sich Politik und Medien in Aufregung über die „Gen Z regelt“-Proteste. Wie haben Sie die Proteste erlebt?
Simon Teune: Ich würde sagen, die Proteste waren Ausdruck eines unter jungen Erwachsenen und Jugendlichen verbreiteten Gefühls, dass sie keine tatsächliche Zukunftsperspektive haben. Da stapeln sich ganz viele Themen: Die Kriege und die drohende Wehrpflicht, die ungebremste Klimakrise, die strukturellen Mängel im Bildungssystem, die Frage, ob ich mir eine Wohnung leisten kann, wenn ich ausziehe. Dieses Gefühl verbindet die ganz unterschiedlichen Themen. Und es nährt die Wahrnehmung, dass das politische System nicht mehr als Teil der Lösung gesehen wird, sondern als Teil des Problems.
taz: Wie meinen Sie das?
Teune: Unter Jugendlichen gibt es eine Entfremdung von demokratischen Institutionen und Verfahren. Politik wird nicht als etwas erlebt, was man gestalten kann, auch nicht über Protest. Da sind die Erfahrungen von Fridays for Future wichtig. Da war es gelungen, ganz viele Leute auf die Straße zu bringen – aber das Wenige, was erreicht worden ist, wird mittlerweile wieder rückgängig gemacht. Das Gefühl entsteht: Diese Demokratie hat keine Antworten auf die Herausforderungen, auf die wir uns zubewegen. Das ist die Grundstimmung der Proteste.
taz: Aber sind die Proteste nicht Ausdruck eines demokratischen Impulses?
Teune: Ja. Sich aufzuraffen und sich einzubringen, ist immer Ausdruck eines demokratischen Impulses. Ein erster wichtiger demokratisierender Effekt ist es, sich selbst als handelnde Person zu erleben. Aber dann muss ich auch das Gefühl haben, dass die Politik auf mich reagiert. Wenn sich der gegenwärtige Umgang mit den Protesten fortsetzt, der fast ausschließlich von Diskreditierung und Repression geprägt ist, nähern wir uns da einem kritischen Punkt.
taz: Bereits in den Wochen vor den Demos war von „Krawallmigranten“ die Rede, die „keine Gnade“ von der Polizei zu erwarten hätten. Nun, nach den Protesten, redet Innenminister Alexander Dobrindt von „Chaoten aus dem migrantischen Milieu“. Welche Auswirkungen hat solche Rede?
Teune: Das vertieft diese Entfremdung. Den Betroffenen wird vermittelt: „Ihr werdet nicht nur nicht gehört, ihr gehört nicht dazu.“ Insbesondere die Union hat sich offenbar entschieden, die AfD-Strategie zu fahren und Migration zur Ursache aller Probleme zu erklären. Diese rassistische Deutung erklärt ganze Teile der Bevölkerung zum Problem und blendet soziale Ursachen aus. In Frankreich gab es im Kontext genau dieser Diskussion einen rassistischen Terroranschlag, bei dem ein Mensch erschossen und viele verletzt worden sind. Diese Erzählung ist gemeingefährlich – und sie vertieft die Kluft zwischen der Politik und jungen Menschen mit Migrationsgeschichte – und das sind 40 Prozent in dieser Altersgruppe.
taz: Würden Sie auch Plünderungen, wie sie etwa in Frankfurt am Main geschehen sind, als Folge eines solchen Diskurses beschreiben?
Teune: Wir stehen noch ganz am Anfang davon, die Ereignisse zu rekonstruieren. Aber einige Dynamiken in solchen Situationen sind etwa vom 1. Mai in Berlin bekannt. Dazu gehören die Auswirkungen einer vorgelagerten medialen und politischen Debatte um Gewalt. Einerseits hat dies die Folge, dass die Proteste nur noch mit Gewalt in Verbindung gebracht werden, dass also über die Inhalte kaum noch geredet wird. Und andererseits weckt so eine Debatte auch einen Erwartungshorizont und damit ein Möglichkeitsfenster, Regeln zu übertreten, die normalerweise gelten. In diesem Fall kommen aber noch weitere Faktoren dazu.
taz: Die wären?
Teune: Etwa der Einfluss von neuen orthodox-kommunistischen Jugendgruppen, die sich an Kaderorganisationen orientieren und eine revolutionäre Perspektive haben. Und dann hat es wohl auch in sozialen Medien und in Freundeskreisen eine bestimmte Dynamik gegeben, sich gegenseitig anzustacheln. Ob es wirklich zu einem Krawall kommt, hat am Ende auch etwas damit zu tun, wie die Polizei in der jeweils konkreten Situation auftritt.
taz: In Medien und Politik wird oft fein säuberlich zwischen Demonstrant:innen und Randalierern unterschieden, wobei Letzteren abgesprochen wird, dass es ihnen um politische Anliegen gehe. Wie sehen Sie das?
Teune: Bei Krawallen und Plünderungen vermischen sich die Motive. Für manche politischen Gruppen sind Steinwürfe auf die Polizei und brennende Autos eine klare politische Strategie, um Bilder von Unregierbarkeit und Umbruch zu erzeugen. Und dann gibt es den Teil, für den es eher eine Gelegenheit ist, das Heft des Handelns in der Hand zu haben und am gesellschaftlichen Reichtum teilzuhaben. Es ist ein großer Fehler, das zu entpolitisieren, also die sozialen Hintergründe von solchen Handlungen wegzuwischen. Die sind politisch – auch wenn die Handelnden nicht unbedingt eine klare politische Agenda vor Augen haben.
taz: Würden Sie schon davon sprechen, dass es sich bei den Gen-Z-Protesten um eine soziale Bewegung handelt?
Teune: Bisher handelt es sich wohl eher um eine Serie von Protestereignissen. Es kommen hier ja ganz viele Bewegungen zusammen: die antimilitaristische Bewegung, die Klimabewegung, die Bildungsbewegung. Ob und wie diese Akteure am Ende zusammenfinden, ist völlig offen. Es waren viele Zehntausend Menschen auf der Straße, das ist für Deutschland sehr viel. Das zeigt schon ein Potenzial. Protestbewegungen gehen selten von 0 auf 100. Sie wachsen durch Organisierungsprozesse und Vernetzungen.
taz: Für die kommenden Proteste am 20. November wird nun bereits über Demoverbote geredet. Tragen solche Debatten eher zur Mobilisierung bei oder schaden sie?
Teune: Beides kann zutreffen. Das Reden über Demonstrationsverbote bestätigt zunächst einmal die Wahrnehmung, dass die Politik nicht Teil der Lösung ist. Das kann dazu führen, dass man noch entschlossener auf die Straße geht. Auf der anderen Seite wird es am Wochenende auch Leute gegeben haben, die im Prinzip bereit wären, einzusteigen, sich aber auch von der Ankündigung der polizeilichen Gewalt haben abschrecken lassen. Das harte Durchgreifen der Polizei ist ja sehr klar kommuniziert worden.
taz: „Gen Z regelt“ hat sich sehr deutlich und umfangreich von Gewalt distanziert, hat auch zum Beispiel von Vermummung abgeraten. War das wichtig für die Legitimität oder spaltet so etwas auch?
taz: Auch das ist eine alte Debatte. Manche argumentieren, sobald ein Protest mit Gewalt in Verbindung gebracht wird, schwinden die Chancen, eine Wirkung zu entfalten. Andere sagen, es braucht Bilder von Widerspruch, um gesellschaftliche Wirkung zu entfalten, weshalb man sich auch nicht vorschreiben lassen darf, wie man zu demonstrieren hat. Beides kann zutreffen. Das kommt dann immer auf die genauen Umstände an.
taz: Bildungsministerin Karin Prien (CDU) möchte nun einen Bildungsgipfel veranstalten. Ist das schon ein erster Erfolg?
Teune: Dass überhaupt die Perspektive von Jugendlichen beachtet wird, ist durchaus ein Erfolg. Das war ja in den letzten Jahren kaum mehr der Fall. Die Aufmerksamkeit ist also schon ein Potenzial. Andererseits gab es nach den Protesten von Fridays for Future sogar ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das Generationsgerechtigkeit als entscheidend bewertet hat – wirkliche praktische Verbesserungen gab es trotzdem nicht. Die Ankündigung eines Gipfels alleine heißt also nicht viel.
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